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Ost und West · 1902-02-01 · Heft 2 (Februar 1902) · p. Seite 93 - 94

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 2 (Februar 1902)
Article
Ein Dichter des Jargon
Date
1902-02-01
Page
Seite 93 - 94 (sequence 1)
Language
German
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93 94 EIN DICHTER DES JARGON. Von jaroslav Vre Ii Ii c ky. Ungefähr im Mai vorigen Jahres gelangte in meine Hände ein interessantes und inhaltsreiches Buch: „The history of Yiddish literature in the nineteenth Century" von Herrn Leon Wiener, Professor, der slavischen Sprachen an der Harvard-Universität in Cambridge. Das Buch behandelt die Jargonliteratur der polnischrussischen Juden im letzten Jahrhundert und bringt in seinem zweiten Teile eine hübsche Chrestomathie der Prosa und Poesie aus der Literatur dieser bisher wenig beachteten, ja von manchen erniedrigten und verachteten Sprache. Einige Proben, die im Original und in englischer prosaischer Uebersetzung angeführt wurden, erfüllten mich mit Staunen über die Einfachheit und zugleich Einesse des sprachlichen Aurdrucks. Neben S. Frug ragte hier besonders durch poetische Kraft der durch eine einzige Probe vertretene Morris Rosenfeld hervor. Das Gedicht heissi „Auf'n Busen vom Jam" (Na nadrech oceanu). Ich werde es später besonders besprechen, da es mir zum Grössten zu gehören scheint, was die Poesie des 19. Jahrhunderts geschaffen hat. Das war meine erste Bekanntschaft mit der Poesie Morris Rosenfeld's. Im Juli darauf machte mich ein — diesmal noch freundlicheres — Schicksal mit dem Autor des Buches „The history of Yiddish literature", Herrn Wiener, bekannt. Er reiste über Prag nach England und suchte mich auf. In dem ersten Austausch der gewöhnlichen Phrasen überhörte ich den Namen, als er sich mir vorstellte und schaute nicht einmal die mir gereichte Visitenkarte ordentlich an. Erst im Laufe des Gespräches, welches, je weiter, desto interessanter wurde — er begann mit Longtellow, ging auf die Erfolge Sienkiewicz's in Amerika über und endete mit der sehr geschickten ^Uebersetzung eines kurzen Gedichtes von mir aus meiner letzten Gedichtssammlung — erkannte ich in meinem Gaste einen Mann von nicht nur ausserordentlicher Auffassungsgabe und Belesenheit, sondern auch einen perfekten Kenner der slavischen Sprachen. Ein Wort gab das andere, bis der Name Morris Rosenfeld ausgesprochen wurde. „Woher ich ihn kenne" fragte mein Gast, — und ich reichte ihm, anstatt zu antworten, sein eigenes Werk, die schon erwähnte History of Yiddish literature. „Aber das ist ja mein Buch" sagte der überraschte Gast. Erst jetzt schaute ich die Visitkarte näher an und wirklich, es war kein Zweifel mehr, in persona stand vor mir der Professor des Collegium Harvard, der Autor des Buches selbst. „Und andere Gedichte Rosenfeld's kennen Sie nicht?" fragte er. „Ich übersetzte sie alle ins Englische und schicke sie Ihnen. Sie werden sicher überrascht sein. Das ist grösser und tiefer als die Poesie der Ada Negri, es ist erlebter, voller. Er ist kurz, nach meiner Meinung, einer der grössten Dichter des Jahrhunderts. Nach der Probe in der Chrestomathie glaubte ich es gerne, und thatsächlich, es dauerte nicht eine Woche nach Abreise des Herrn Wiener, so bekam ich das Buch Rosenfeld's „Songs from the Ghetto'' (Boston, Copeland and Day 1898), wo neben dem Original im Jargon die englische prosaische Uebersetzung des Herrn Wiener enthalten ist. In den Ferien des vorigen Jahres war das meine einzige Lektüre. In den Jargon las ich mich mit Zuhilfenahme eines zum Werke beigeschlossenen Wörterbüchleins spielend ein, den Sinn konnte ich auf Grund der wörtlichen Uebersetzung des Herrn Wiener leicht verstehen und die Gedichte in der Form des Originals zu übersetzen, interessierte mich je weiter desto mehr. Das ist die kurze Geschichte, wie ich mit der Poesie Morris Rosenfeld's bekannt wurde, dessen „Lieder des Ghetto" (Zp^vy z ghetta) ich alle übersetzt habe und in Kürze in Druck herausgeben werde. Und nun zum Dichter des Originals. Der Jargon der polnisch - russischen Juden ist ein bizarres Gemisch einiger Elemente, des Althebräischen, Deutschen, Lateinischen, Französischen und der slavischen Sprachen, in denen das Polnische und Russische überwiegt, obwohl auch böhmische und andere slavische Stämme genug vorkommen. Auf. den ersten Blick eine barbarische Sprache, die fälschlich für das Idiom nur der kleineren polnisch-russischen Kaufleute gehalten wird und mit Unrecht sogar als Sprache der jüdischen Vagabunden gilt. Die Jargonlitteratur hat — nach Angaben des Herrn Wiener — ihren Anfang schon im XV. Jahrhundert, aber lange beschränkte sie sich nur auf die Bedürfnisse der häuslichen und geschäftlichen Verständigung. Eine literarische oder sogar künstlerische Bedeutung gewinnt sie erst am Ende des NIX. Jahrhunderts, und da schwang sie sich zur grössten Blüte in Amerika empor. Ueber Goldfaden, Scharkansky, Edelstatt und Winchowski ragt Morris Rosen feld hervor, welcher den Jargon durch seine Poesie in die Reihe der Literatursprachen und zur Weltbedeutung brachte. Das bizarre. Gemisch des Jargon erklang unter seiner Meisterhand in vollen Tönen, und eben das, was früher das Siegel der unwillkürlichen Komik trug, ward in den Händen des Künstlers zu einem Mittel, das seinen Zweck nicht verfehlte. Der ernste, sozusagen sacerdotale Klang der hebräischen Elemente kontrastiert hier mit den weichen Klängen der slavischen Stämme, und das ganze Gemisch ist durch das Deutsche getragen, welches, wenn es auch stellenweise einen vulgären Ton hat, im ganzen keineswegs banal klingt. Eben durch diese Kreuzung der verschiedenen Sprachenelemente wurden eine unübersetzbare Klangmalerei und ausserordentliche Effekte erzielt. Die Sprache malt selbst und unter-

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