Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1902-01-01 · Heft 1 (Januar 1902) · p. Seite 43 - 44

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 1 (Januar 1902)
Article
Im Altfrankfurter Ghetto
Date
1902-01-01
Page
Seite 43 - 44 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2583890-2583892-2584976--01281-2585049
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

43 G. Bieneck: Im altfrankfurter Ghetto. 44 Innern durch die offenstehende Thür ein wüster Lärm, auf die Gasse hinaus drang. Hier wurden beim „Mokka" Handelsgeschäfte entriert und abgeschlossen. Zwei weltberühmte Männer, wenn auch so verschiedenen Berufes, erblickten im Frankfurter Ghetto das Licht der Welt. In No. 118 ward, wie eine weisse Marmortafel bezeichnete, am 22. Mai 1786 Ludwig Börne geboren, „der Vater des Journalismus" genannt und im Hause No. 148 verlebte der Gründer des bekannten .Welthauses, Mayer Anselm Rothschild (er war 1743 geboren) seine Kinderjahre. Schwere Brände suchten die bereits im zwölften Jahrhundert angelegte Gasse heim und zwar in den Jahren 1349, 1462 und 1711. Im ersteren Jahre waren es die Geisseibrüder oder Flagellanten, welche dieStadt anzündeten. Man klagte jedoch die Juden der Brandstiftung an und der aufgereizte Pöbel fiel über sie her und ermordete sie, oder sie kamen in den Flammen ihrer eigenen Häuser um. Dieses Morden nannte man eine „Judenschlacht". Und der grosse Brand von 1711 brach mitten in der Gasse, und zwar im Hause des vornehmstenBewohners,desRabbinersNaphtali,aus, während dieser sich in Gegenwart seiner Schüler mit Hilfe der Cabbala mit Geisterbeschwörungen beschäftigt haben soll. Kein Stein ist bei dieser Feuersbrunst dabei auf dem anderen geblieben. Allüberall mussten die Hebräer oder Ebräer, wie man ehemals sagte, in gesellschaftlicher wie religiöser Beziehung sich unendlich viele Beschränkungen gefallen lassen. Ihre eigenen Stadtviertel oder Ghettos wurden ihnen angeblich zu ihrem Schutze angewiesen, in Wirklichkeit bezweckte man damit, den Verfolgern das Erhaschen ihrer Opfer zu erleichtern. Dass unter solchen Umständen in den so eng zusammengedrängten Haushaltungen ein wahrhaft patriarchalischer Sinn, ein festgegliedertes Familienleben herrschte, war leicht erklärlich. Hatten sich doch zudem die armen Bedrückten einen weit höheren moralischen Standpunkt zu bewahren gewusst, wie ihre zahllosen Verfolger und Peiniger. Nachdem Deutschland durch die französische Revolution zur Emanzipation seiner jüdischen Unterthanen gezwungen worden (in meiner Vaterstadt Frankfurt war dieselbe bereits im Jahre 1811 eingeführt) und endlich im denkwürdigen Jahre 1848 die Glaubensfreiheit in allen deutschen Landen sanktioniert ward, verschwanden nach und nach die Ghettos von der Bildfläche, so auch die Frankfurter Gasse, deren Häuser in den sieb enziger Jahren nach und nach abgerissen wurden. Das Stammhaus der Familie Rothschild wurde jedoch zum Teil neu aufgeführt; die alte Fac-ade wurde beibehalten. Wieviel Kummer und Leiden, Sorgen, Gram und Enttäuschungen aller Art mögen im Laufe der Jahrhunderte diese Stätten heimgesucht haben, und was alles hätten sie uns noch erzählen können, wenn die Steine zu reden wussten. Viele Dichter und Schriftsteller haben manches davon in ihren Werken verewigt. In seiner Legende „Der Rabbi von Bacharach" schildert uns Heine sehr anschaulich die Frankfurter Gasse und einen Gottesdienst in der dort befindlichen Synagoge, in welchem die Geschichte von der Opferungisaaks, der Versuchung Abrahams, vorgelesen wurde. Auch Goethe erwähnt die besagte Gasse in seiner Autobiographie „Dichtung und Wahrheit" und erzählt unter anderem von einem „grossen Spott- und Schandgemälde, welches unter dem Brückenturm an einer Bogenwand zu ihrem (der Juden) Unglimpf noch ziemlich zu sehen war".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.