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Ost und West · 1902-01-01 · Heft 1 (Januar 1902) · p. Seite 41 - 42

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 1 (Januar 1902)
Article
Im Altfrankfurter Ghetto
Date
1902-01-01
Page
Seite 41 - 42 (sequence 1)
Language
German
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41 42 Die frühere Judengasse in Frankfurt a. M. (jetzt Boernestrasse). IM ALTFRANKFURTER GHETTO. Skizze von G. Bieneck. Es war ein Maitag. Heiss sandte der Sonnengott seine Strahlen auf meine heimatliche Mainstadt hernieder. Ich war noch ein Knabe und hatte einen schulfreien Tag. Soeben hatten mein Vater und ich das Rothschild'sche Bankhaus, mit welchem wir in geschäftlichen Beziehungen gestanden, verlassen und waren nur wenige Schritte weitergegangen, da erblickte ich auf kurze Entfernung von uns eine Reihe schwärzlicher Giebelhäuser, die mir besonders auffielen. Auf meine Frage, was das für finstere Gebäude seien, erhielt ich zur Antwort, dass sie zum alten Judenviertel gehörten. Wenige Minuten später befanden wir uns im Bereich jener Stätten, woselbst, wie mir der gute Vater nun erzählte, die Juden meiner Vaterstadt zusammengepfercht wie die Schafe oder auch „sardellenartig zusammengerückt", um einen bekannten vaterländischen Dichter zu citieren, streng abgeschieden von allen übrigen Mitbürgern, beständig verachtet und drangsaliert von letzteren, Jahrhunderte lang ihr Dasein zu fristen gezwungen wurden. An den beiden Enden der Gasse befanden sich noch bis zum Regierungsantritt des Fürst-Primas im Jahre 1806 grosse Thore mit eisernenKetten, welche des Abends, (an Feiertagen auch während des Tages und zwar an katholischen Feiertagen von aussen und an jüdischen von innen) geschlossen wurden. Vor jedem Thore befand sich ein Wachthaus mit Stadtsoldaten. Liess sich ein Bewohner der Gasse an solchen Tagen in anderen Stadtteilen blicken, so wurde er mit hoher Strafe belegt. Diese hunderte von verwitterten, teilweise baufälligen, meist dreistöckigen Häusern, deren äusserst schmale Fronten in allen Nuancen von Grau und Schwarz sich dem Auge darboten, wie sonderbar kontrastierten sie doch mit fast allen übrigen Häusern der grossen, ausgedehnten Stadt! In früheren Zeiten waren sie viel niedriger gewesen. Als aber der Zuzug der Juden in Frankfurt stark zunahm und es diesen aufs strengste verboten ward, ihren Besitz zu erweitern, da blieb eben nichts anderes übrig, als die Wohnstätten um ein oder zwei Stockwerke zu erhöhen. Welch ein Schmutz, welch ein Moder schien hier aufgehäuft zu sein! Wahrlich, merkbarer hätte man wohl nirgends den Zahn der Zeit walten sehen können. Eine schwüle, übelriechende Luft erfüllte die enge, düstere, langgestreckte Gasse. Zahlreicher Trödelkram, „Urväter-Hausrat" war an vielen Stellen zu sehen. Zerlumpte, barfüssige Kinder spielten auf den Treppen des Elternheims oder mitten auf der Strasse und musterten uns so modisch Gekleidete neugierig mit ihren grossen Glutaugen. Meine besondere Aufmerksamkeit erregten ein Paar polnische Juden in ihren langen Kaftans und den schäbigen, in der Morgensonne glitzernden Cylindern, welche, in ihrem Jargon sprechend und eifrigst mit den Händen dazu gestikulierend, an uns vorüberschlürften. Gleich darauf verschwanden die beiden in einem kleinen Kaffeehause, das eine Ecke bildete, und aus dessen

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