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Ost und West · 1902-01-01 · Heft 1 (Januar 1902) · p. Seite 35 - 36

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 1 (Januar 1902)
Article
Hermann Struck
Date
1902-01-01
Page
Seite 35 - 36 (sequence 5)
Language
German
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35 G. Rutna: Hermann Struck. 36 Ewige. Sie sucht etwas, sinnt ihm nach, lange, lange, weit und fern. Und immer langer sinnt sie, immer tiefer wird der Augenglanz, immer dämmernder das Träumen, sie ist ferner und ferner, und da bringt sie die Wehmut heim aus weiter Ferne. Ein anderes „Frauenbildnis" in Oel hätte man früher allegorisch Melancholie" genannt, so ist alles auf den einen Eindruck gestimmt, auf eine versenkte, erstorbene Sehnsucht, mit der alle Lichtfarben des Lebens erstorben. Zartes Blau der Hut und wieder anklingend in der Blume an der Brust, dann dämmriger Ton und dazwischen das Profil mit den schmalen leidenden Linien. Daraus die Augen, die nach innen blicken, wie von Trauerweidenüberschattet in mondverhüllter Nacht. Darüber lagert so viel Schatten, und noch mehr der Schatten lagern darunter. Und dies, was darunter lagert, dies soll sprechen. Struck ..malt keine Bilder", er hat nichts von Komposition, nichts von Gesamtwirkung verschiedener Reflexe, weil das nicht im Nebeneinander des Raumes, sondern im Nacheinander der Zeit erschaut ist, der Dimension des Seelischen. Ein Mensch, der mit seinem Ich allein ist, lockte den Künstler, ein abgeschlossener Eindruck, eine einheitliche Stimmung. Es sind Menschen, in denen sich Erscheinungen und Ereignisse verdichtet haben und verschmolzen sind zur Geschichte ihrer Seele. Die rein malerischen Qualitäten bleiben im Hintergrund, auch das Licht ist nicht Selbstzweck, es leuchtet, um zu beleuchten; der Gegenstand ist der Mensch und das Menschliche. Von mehr malerischer Wirkung ist ein anderes Oelbild gleicher Anlage: „Bildnis einer russischen Studentin". Auch hier vorherrschendes Blau, schwerwelliges braun-blondes Haar, Schwarz und — Augenwachsen zu können. HERMANN STRUCK. Alter Mann" glänz. Die Augen sind es auch augenscheinlich, die den Künstler reizten. Sie haben etwas von der intellektuellen Selbstgefälligkeit junger Mädchen, die so gut geeignet ist, die Sinnlichkeit zu verbergen. Sonst ist dieser Kopf mit den breiten, tragen Linien und dem schwerfälligen Kinn ästhetisch gehaltlos, für die Beurteilung des rein Künstlerischen in der Darstellung aber um so geeigneter. Der Landschaft geht Struck mit vieler Liebe nach. Wie als Portraitist geht er auch hier auf Stimmung und Stille aus, auf die Dichtung in der Natur. Er sucht eine einfache Linie, die sich um ein paar Häuschen, einen Hügel, am Wolkensaum hinzieht, und davon und darum der leise Gesang. Sei dies eine Strandpartie bei Scheveningen, eine Morgenstimmung in England eine Abendstiile im Oldenburgischen oder im Grunewald, immer isVs eine Andacht, die in die Natur hineinlauscht. Es ist vom Weihevollen in der Seele eines Menschen, was den Künstler bewegt und in ihm nach Ausdruck ringt: Andacht, Mitleid, Einfachheit und — Sehnsucht. Daher sein inniges Verhältnis zu Israels, dem Max Liebermann so schön wie treffend nachsagt: ..In jedem seiner Bilder ein Ringen, jener Moment im Kampfe mit dem Engel, wo Jakob sagt: „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich dennP Auch in dem, was Struck schafft, ist ein solches Ringen herauszulesen, oder vielmehr eine Bitte, ein Flehen an die Kunst und ihrer Nährmutter, der Natur. Seine Kunst ist fragend, und dies muss alle Kunst sein, wenn sie Weihe haben soll, denn wo wir dem Grossen gegenübertreten, müssen wir uns klein fühlen, um hinauf- Oelgemälde. Soeben erfahren wir, dass Hermann Struck vor wenigen Tagen zum Mitglied der altberühmten „Royal Society of P ainter-Etchers and Engravers" (in London) ernannt worden ist, eine Auszeichnung, die er mit einer sehr geringen Anzahl von Künstlern ausserhalb Englands teilt. (D. Red.)

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