Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1902)
- Article
- Hermann Struck
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 31 - 32 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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31 G. Kutna: Hermann Struck. 32 HERMANN STRUCK. Bleistiftzeichnung. „Holländischer Bauern junge". die ein Verhältnis zum Judentum haben, wie Struck, sollten sich in diese Aufgabe vertiefen. Das jüdische Geistesleben ist dem Künstler so vertraut nahe, dass er die Träger dieses Geistes in der ungezwungen sprechenden Charakteristik wiedergiebt, wie man Menschen sieht, die täglich um uns sind, die wir lieben, und zu denen wir ohne jede Distanz doch verehrend aufschauen. In solcher Charakteristik spricht er vom Geiste eines bedeutenden Juden und mit solchem Mitfühlen vom Wehe eines Juden. Da war auf der letzten grossen Kunstausstellung eine Radierung „Polnischer Jude" (abgeb. in No. 9 <l. Ztschrft.). Ein trauriger alter Mann, Aber ein Mann, dem man alle Jugend genommen hat, alles Lachen, die Heimat und die frohe Moral. Der Mann kann nicht lachen, aber man fühlt, auch sein Vater konnte nicht lachen, und wenn seine Kinder lachen, dann ist "Weinen darin. "Was dem Manne alles weh thut, das weiss er gar nicht; er hat es nicht selbst erlebt, sein Leid ist älter als er; als er geboren wurde, da war's schon, und dann hat er?s immer geatmet. Er leidet etwas Fernes, gegen das es keinen Kampf giebt, keinen Sieg, weil er es nicht sehen, nicht fassen kann; darum ist seine Trauer so fragend, so ewig. Aber gerade dieses Fragende leiht der Trauer den Schimmer, den Schimmer hoffenden Trostes. Es ist, als läge da ein Flor, trübe und sonnenlos darüber, aber dahinter, verborgen, tief [in^der Seele, ist die Festesstube; durchleuchtet, mit labender Wärme, die Hoffnung, der Glaube. Das ist eine jüdische Melodie. "Weinende Klage in * den Grundtönen, und daneben ein leises, lebendes Klingen unbeirrten Höffens. Gegenwart und Wehe, Zukunft und Wonne in eins verschmolzen; jenes holde Lächeln unter Thränen, womit der Jude seine Leiden vergoldete, seitdem Jeremia ihn solches gelehrt. Einen zweiten jüdischen Typus, das Geistesgepräge eines Talmudgelehrten zeigt eine andere Radierung Strucks „Polnischer Rabbiner"*) Ein etwas nach vorn geneigter tief durchfurchter Kopf. Der Mann ist ganz Sinnen; Stirn, Auge und Mund beleuchtet, nur vom Schatten der Denkfalten durchzogen. Er sinnt wie einer der Intellektsaristokraten früherer Zeiten, der Schlussketten ergrübelt, sie durch Einwände entzweireisst und sie wieder aufbaut. Aber diese Aristokratie ist teuer erkauft, sie ist eine Flucht; dieser Gelehrte ist nur Aristokrat, wenn er in sein Denken flüchtet, sonst ist dieser Seelsorger ein Tröster, der viel des Trostes bedarf. Dieses Sichversenken, diese Flucht in die Helle der Idee, kehrt in einem tiefempfundenen „Sinnenden Mann" wieder und in dem „Porträt des Dr. H.", das •) Für das Kupferstichkabinett vom Staate angekauft; abgeb. in No. 9 d. Ztschrft. HERMANN STRUCK. Oelgemälde. „Frauenhildnis."