Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1902)
- Article
- Der fünfte Zionisten-Kongress
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 21 - 22 (sequence 3)
- Language
- German
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21 Dr. Theodor Herzl: Der fünfte Zionistenkongress. 22 sich die Grundlagen bereiten für die dauernde Ruhe, nach der sich das viel umhergehetzte Volk der Juden mit solcher Inbrunst sehnt. Was sich auf diesem breiten festen Unterbau einer arbeitenden landwirtschaftlichen Bevölkerung erheben wird, welches moderne und wohnliche Gebäude, das wird vom Volke selbst abhängen, nachdem wir ihm die Selbstbestimmung seiner Geschicke verschafft haben werden. Für alle Kräfte des Judentums giebt es dort Verwendnug, für die ungelernten wie für die höchstgebildeten. Nicht mehr wird es nötig sein, Judenkinder vom Schulbesuche auszuschliessen, wie es an manchen Orten heute geschieht. Und es sei als ein Zugerwähnt, der den Juden vielleicht nicht zur Un- . ehre gereicht, dass sie die Beschränkung des öffentlichen Unterrichts als die grösste der jetzigen Grausamkeiten empfinden. Von anderen Bedrückungen wollen wir gar nicht sprechen, weil unser Kongress nicht zu einer neuen Klagemauer werden soll. Nicht klagen, sondern schaffen müssen wir, müssen es umsomehr, als die bisherigen Vertreter der jüdischen Interessen sich unfähig gezeigt haben, etwas zu leisten. Bettelgaben schenken, heisst nicht helfen. Die Almosen sind nur das Band, welches die arbeitsscheuen Reichen mit den arbeitsscheuen Armen verbindet. Diese beiden Kategorien stellen aber nicht das ganze jüdische Volk vor. In den letzten Jahren ist freilich noch eine Art von sogenannter Hilfe hinzugekommen: die Verschiffung der Entwurzelten von Europa nach der neuen Welt. Mit anderen "Worten: Die Entdeckung von Amerika. Leider kam diese Entdeckung etwas zu spät. Amerika will von armen Einwanderern nichts mehr wissen, ebensowenig wie England. Auch in Amerika giebt es bereits ein grosses jüdisches Elend. Auch in Amerika hat sich die Erkenntnis durchgerungen, dass die von uns vorgeschlagene Lösung die richtige ist. Beweis dafür die wachsende Anzahl der zionistischen Vereine, die sich in langer Kette vom Norden 'Nordamerikas bis nach dem Süden Südamerikas, von Canada bis Argentinien, zieht. Nur in gewissen jüdischen Kreisen Westeuropas will man alles eher einsehen als die Wahrheit: dass wir recht haben. Von unseren Gegnern wird behauptet, es gebe unübersteigbare politische Hindernisse, aber das lässt sich auch vom kleinsten Hindernis sagen, wenn man keine Lust hat, es zu übersteigen. In diesen fünf Jahren konnten wir, da wir alle Zeichen ruhigen Blickes betrachteten nicht bemerken, dass wir die Völker und Regierungen gegen uns hatten. Im Gegenteil. Wenn da und dort freundlichere Töne für die Juden laut wurden, so ist es dem Zionismus zu verdanken. Und auf der andern Seite müssen auch Regierungen und Völker dem Zionismus dafür Dank wissen, dass er als ein Löser und Versöhner den Ausweg zeigt, den Ausweg, aut dem man mit der Judenfrage ohne Barbarei, ohne mittelalterliche Grausamkeit, vielmehr in hohem Frieden fertig wird. Zunächst aber müssen wir natürlich fragen, wie man in der Türkei, wie der souveräne Herrscher über uns denkt. Ich hatte im Mai dieses Jahres die Ehre, von Sr. Majestät dem Sultan Abdul Hamid in längerer Audienz empfangen zu werden. Die Güte und. Herzlichkeit dieses Empfanges hat mich mit den besten Hoffnungen erfüllt. Ich gewann aus den Worten und dem Verhalten Sr. Majestät die Ueberzeugung, dass das jüdische Volk an dem regierenden Khalifen einen Freund und Gönner hat. Der Sultan hat mich ermächtigt, dies öffentlich mitzuteilen. Mögen es denn die Juden der ganzen Welt erfahren, mögen sie auch verstehen, welche Aussichten für sie in dieser Thatsache enthalten sind, und mögen sie endlich bereit sein zur Aktion, durch die sie sich selbst helfen und zu neuem Aufblühen des türkischen Reiches beitragen können. Geehrte Kongressmitglieder! Wir, Ihre Beauftragten sind mit unserer ersten Arbeit fertig. Wir sind gleichsam die Mechaniker gewesen, die eine elektrische Anlage herzustellen hatten. Wir haben die Maschinen gebaut, welche Strom in Kraft verwandeln können; wir haben auch die Leitungsdrähte gelegt, öfters an Stellen, die vorher unzugänglich erschienen. Damit ist aber unser bescheidenes Werk auch gethan. Ueberblicken Sie es heute! Die Hauptsache in unserer Anlage war dieser Kongress, ein Vertretungskörper für die in aller Welt Zerstreuten, eine jüdische Tribüne, deren Ansehen von Jahr zu Jahr gestiegen ist, dank dem Ernst und den redlichen Absichten der Männer, die hier zu Worte kamen. Von hier gehen heute schon Losungsworte aus für die ganze Diaspora. In allen Ländern Europas, in Nord- und Süd-Amerika, in Nord- und Süd-Afrika, bis nach Sibirien, Indien und Australien giebt es heute zionistische A^ereine mit dem Baseler Pro-