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Ost und West · 1902-01-01 · Heft 1 (Januar 1902) · p. Seite 19 - 20

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 1 (Januar 1902)
Article
Der fünfte Zionisten-Kongress
Date
1902-01-01
Page
Seite 19 - 20 (sequence 2)
Language
German
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19 Dr. Theodor Herzl: Der fünfte Zionistenkongress. 20 Zoll breit Erde ihr eigen nennt; stolz auf eine Literatur, die in der. Heiligen Schrift eine Erhabenheit erstieg, unerreicht von anderen Meisterwerken des menschlichen Geistes; ich wäre stolz auf die Gelegenheit, mich an einer Anstrengung zu beteiligen, welche Palästina aus dem Zustande einer dürftigen Wüste zu einem Lande von reicher Fruchtbarkeit und Wohlfahrt erheben soll; stolzer als alles aber würde mich die grosse Möglichkeit machen, die jetzt vor den Juden liegt: dass sie nämlich für die Armen und in manchen Ländern Gedrückten ihres Volks thätig sein können, um die gewaltige religiöse Hoffnung zu verwirklichen, die sie aufrecht erhalten hat dreitausend grausame Jahre hindurch!" So redet ein Christ. Diese Sprache, die ihn ehrt, würde aber uns nicht ziemen. Wir haben eine sittliche Pflicht einfach zu erfüllen. Die Schwachen haben ein Recht auf die Hilfe der Stärkeren. . In welcher Form wir uns diese Hilfe denken, das haben unsere früheren Kongresse dargethan, und auch dieser wird hoffentlich Aufklärung über die Gerechtigkeit unserer Wünsche und die Loyalität unseres Vorgehens verbreiten. Die Judenfrage kann nur von den Juden selbst gelöst werden, das ist unsere Ansicht. Aus diesem Grundsatz ergiebt sich logisch alles weitere. Wir haben* uns darum von den früheren Methoden abgewendet. Wir haben nicht durch Schimpfereien zu beweisen versucht, dass wir feinere Leute seien. Wir haben auch nicht in unbestimmten Predigten auf die. nahe bevorstehende Verbfüderung aller Menschen hingewiesen. Wir wollen uns ferner nicht eine ändere' Nationalität als Maske vorbinden. Und endlich arbeiten wir nicht auf den Umsturz aller Dinge hin. All dies ist unsere Sache nicht. Wir glauben vielmehr, dass in der bestehenden Rechts- und Gesellschaftsordnung die Mittel zur Lösung der Judenfrage zu finden sind. Was man von Leuten, die sich an die Lösung einer grossen Frage heranwagen, vor allem verlangen dürfte, ist sowohl ein genügender Ernst als auch die Ruhe in der Beurteilung . der gegebenen Verhältnisse. Diese Verhältnisse sind traurig, aber mit Jammern allein kommt man .nicht vom Fleck. Wenn wir uns fähig zeigen, zuj That fortzuschreiten, so kann uns die Mitwirkung. vieler rechtschaffener Menschen nicht fehlen, Anzeichen dafür sind in Fülle vorhanden. Es muss sich ja auch jedem Unbefangenen die Erkenntnis aufdrängen, dass wir eine endgiltige Lösung vorschlagen. Heute ist das jüdische "Proletariat nicht nur das ärmste und unglücklichste, sondern auch das unruhigste und am meisten beunruhigende. Haufenweise ist es fortwährend auf der Wanderung begriffen, aus einem Elend in das andere, .und wie gross muss das bisherige Elend sein, wenn sie sich den Verzweiflungen einer solchen Wanderung aussetzen, um ein neues Elend aufzusuchen. Dieses Proletariat sesshaft und arbeitsam zu machen, wäre schon an und für sich eine hohe Aufgabe, abgesehen von jeder nationalen oder religiösen Richtung. Sie wissen, dass an der Aufgabe sich schon vor uns manche versucht haben, mit gutem Willen, auch mit grossen materiellen Mitteln. Sie wissen aber ebenso, dass die Versuche fehlgeschlagen sind. Warum? Weil jene von einem unrichtigen Prinzipe ausgingen. Sie meinten: Im Anfang sei das Geld. Nein! Im Anfang ist die Idee. Für Geld bekommt man Mietlinge, ein Volk lässt sich so nicht aufraffen. Dies kann nur eine Idee zuwege bringen. Sie hat es zuwege gebracht. In unserer Kritik der früheren Versuche müssen wir uns aber vor Hochmut hüten. Thatsächlich stehen wir zu den früheren Zionisten "nur in dem Verhältnisse von Leuten,. die moderne Verbesserungen an einer unbrauchbaren alten Maschine anbringen. Ehrwürdig ist die alte Maschine, doch — sie gehört ins Museum. Wir würden unseren Gegensatz schon aus Pietät für die Vorläufer und Gesinnungsverwandten nicht so scharf betonen, wenn die ungenügenden Ergebnisse jener Versuche nicht als Argument gegen uns geführt würden. Die wohlthätige Kolonisation ist gescheitert, die nationale wird gelingen. •Wenn man uns aber fragt, was wir mit den Ansiedlern anfangen wollen, so sind wir nicht in Verlegenheit. Wir wollen sie zu Bodenständigen, zu wirklichen Landsassen machen. Sie sollen auf der Scholle, von der Scholle leben, nicht besorgt als kraftlose Händler nach dem Marktpreise auslugen. Den Markt sollen sie nur mit den Erzeugnissen aufsuchen, die sie über den Eigenbedarf hinaus haben. Jede Ansiedlung soll. sich nach den Grundsätzen, die uns Erfahrung und Wissenschaft heute schon an die Hand geben, als landwirtschaftliche Produktivgenossenschaft selbst verwalten. An diese Grundsätze werden wir anknüpfen müssen, wenn wir mit Gottes Hilfe die öffentlich-rechtlichen Sicherheiten unseres Programms erlangen. So lassen

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