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Ost und West · 1901-12-01 · Heft 12 (Dezember 1901) · p. Seite 963 - 964

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 12 (Dezember 1901)
Article
Revue der Presse
Date
1901-12-01
Page
Seite 963 - 964 (sequence 1)
Language
German
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963 964- REVUE DER PRESSE. Die gesamte jüdische Presse in Deutschland wie im Auslände beschäftigte sich in den letzten Wochen mit den Repräsentanten-Wahlen der Berliner jüdischen Gemeinde. Das Resultat ist nun bekannt: Die liberale Partei (die für den Sonntagsgottesdienst eingetreten war) konnte nur 2814 von den 7714 abgegebenen Stimmen auf sich vereinigen und hat somit eine Niederlage erlitten, wie sie eigentlich nicht vorauszusehen war, in Anbetracht der von dem Urheber der Frage des Sonntagsgottesdienstes, Herrn Gustav Levinstein, öffentlich bekannt gegebenen Thatsache, dass es ihm vor nicht langer Zeit gelungen war, unter der Berliner Judenschaft nicht weniger als ca. 5S00 Anhänger zu gewinnen. Mit Ausnahme einer einzigen jüdischen Zeitung, der „Allg. Zeit. d. Judentums" ist die gesamte jüdische Presse über dieses Wahlergebniss buchst erfreut. Uns interessieren die Gemeinde-Wahlen nur insofern, als wir aus der diesmaligen verhältnismässig grossen Beteiligung an denselben konstatieren können, dass auch hier bei der Masse das Interesse für jüdische Fragen allmählich erwacht. Und wenn dieses Interesse auch vorläufig sich meist nur auf die Gemeinde-Politik beschränkt, so ist doch zu hoffen, dass in einer nicht fernen Zukunft den aus ihrem Indifferentismus erwachten Elementen klar werden wird, dass auch ausser der Frage des Sonntagsgottesdienstes noch viele andere Fragen gleichfalls nach einer Lösung drängen und ein intensiveres Interesse einer nationalen Gemeinschaft erfordern. In einem Briefe über „Das Londoner Ghetto" im „Tag" (22. November) schreibt C. von Zedlitz (London) u. a.: „Die Engländer verabscheuen diese (jüdischen) Eindringlinge, deren überwiegende Mehrzahl aus Russland stammt, aus vollem Herzen. Vor allen Dingen ein Teil der englischen Arbeiterschaft und der kleinen Handwerker, die in diesen Fremdlingen vermöge ihrer Genügsamkeit, Sparsamkeit und Zähigkeit gefährliche Konkurrenten erblicken. Es ist auch schon wiederholt versucht worden, dem Import russischer Juden nach England Einhalt zu thun." Die gedrohte antisemitische Invasion in England hat, wie der „Jewish Chronicle" berichtet, lange noch bevor sie den Juden Englands irgend welchen nennenswerten Schaden zufügen konnte; schon ihr Gutes gestiftet. Durch die Erfahrung in Deutschland und England gewitzigt, haben sich die englischen Juden angesichts der drohenden Gefahr rasch zusammengeschlossen, um in Gestalt eines „Bund der jüdischen Synagogen gemeinden Englands" (Chewrath bneh Jisroöl) dem anrückenden Antisemitismus einen kräftigen Damm entgegenzusetzen. In einem Rundschreiben vom 6. November ladet Sir Samuel Montagu, der Präsident der Londoner Federation of Synagoges, [die Vertreter sämtlicher Synagogen Englands zu einer im Februar oder März nächsten Jahres in London unter dem Vorsitz des Lord Rothschild stattfindenden Konferenz ein, auf welcher alle die englische Judenheit betreffenden Fragen, wie Ein- und Auswanderung, Naturalisation etc. verhandelt werden sollen. Ferner sollen auf derselben alle Klagen über ungesetzliche oder ungleichmässige Behandlung von Juden erörtert werden. Endlich soll auf der Konferenz der Widerstand gegen alle wider die Juden geplanten Gesetze organisiert werden. Zur Lage der Juden in Galizien schreibt die „Oesterreichische Wochenschrift" (Nr. 49) u. a.: „Die kleinen Verfolgungen, wie sie im uncivilisiorten Ländern insceniert waren und so viel Lärm machten, das Plündern der Läden, das Ausstossen der Wein- und Schnapsfässer, das Anzünden der Häuser, das Entehren von Frauen und das Erschlagen einzelner wehrloser Juden wurde als unpraktisch verworfen — zu viel Geräusch und ungenügender Erfolg! In Galizien wurde nach Regeln der Kriegskunst vorgegangen. Der Feind sollte ausgehungert werden. Und so geschah's. Zuerst ging man systematisch daran, die Quelle abzuleiten, aus der der Jude seine Nahrung schöpfte; man errichtete Konkurrenzgeschäfte, zumeist aus Geldern dei Banken, Sparkassen und Kreditvereine. Der einzige Gewinn, auf den diese Unternehmungen spekulieren, ist die Verdrängung der jüdischen Kaufleute, die diesen vereinten Kräften nicht Stand halten können. Die Polen trompeten nicht, wie die Alldeutschen in den Strassen: „Kauft nicht bei den Juden!" aber sie kaufen thatsächiieh nicht, ausser etwa sie haben kein Geld und müssen borgen. Wie im Handel, so im Gewerbe. Die Vornehmen lassen ihre Einrichtungs- und Kleidungsstücke von auswärts kommen, die mittlere Schichte bestellt sie bei christlichen Handwerkern,

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