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Ost und West · 1901-12-01 · Heft 12 (Dezember 1901) · p. Seite 943 - 944

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 12 (Dezember 1901)
Article
Hebräisch nach der Berlitz-Methode
Date
1901-12-01
Page
Seite 943 - 944 (sequence 2)
Language
German
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943 Dr. E. Simonson: Hebräisch, nach der Berlitz-Methode. 944 wir, wie ein Achad - haam die tiefsten psychologischen, ethischen und sozialen Probleme unserer Zeit in einer klaren, durchsichtigen und eleganten Sprache erörtert, wie eine stürmende Jugend, der nichts Menschliches fremd ist, an alle die moderne Zeit bewegende Fragen herangeht; mit Staunen gewahren wir, wie alle Richtungen und Anschauungen des modernen Lebens ihre Vertretung finden, wie ein Berdiczewski mit himmeistürmendem Jugendmut sich sogar an die Umwertung uralter und gefestigter Vorstellungen der jüdischen Volksseele heranwagt, wie die feindlichsten Brüder hier einen gemeinsamen Boden finden, vom konservativen Traditionsjuden bis zum Sozialisten, vom Zionisten bis zum jüdischen Antisemiten — in hebräischer Sprache. Indessen der Ausdruck, dass wir staunend alles dieses sehen, ist nur sehr bedingt richtig; wir sehen die geschilderte Entwickelung gewissermassen nur als Zaungäste. Wie der Knabe, dem der Obolus zum Eintritt ins Theater fehlt, sehnsuchtsvoll durch Zaunspalten und Vorhanglücken einige dürftige Blicke auf die Vorgänge im Innern des verbotenen Paradieses zu erhaschen sucht, so müssen wir westeuropäische Juden uns mit den spärlichen Uebersetzungsproben begnügen, welche „Ost und West", „Die Welt" und einige andere jüdische Zeitschriften uns aus dieser werdenden Geisteswelt schauen lassen. Aber müssen wir diesen Zustand denn wie ein unabänderliches Geschick hinnehmen? Vielleicht besteht die unüberwindliche und entmutigende Schwierigkeit nur in unserer Vorstellung? In der That ist dies der Fall; wir behaupten, dass nur die Methode, deren wir uns heute noch überwiegend bedienen, die Schwierigkeit künstlich geschaffen hat. Wir treiben auf der Schule 9 Jahre lang Lateinisch, Griechiscb, Französisch, Englisch, aber in keiner dieser Sprachen, auch nicht in den beiden lebenden, bringen wir es zu einer halbwegs befriedigenden Fertigkeit. Dass dies gar nicht anders sein kann und keineswegs die Schuld des Schülers ist, ja dass gerade der begabteste Schüler sich instinktiv gegen diesen geistigen Korsettzwang auflehnen muss, wird uns bei einiger Ueberlegung einleuchten. Unsere Lehrstunden sind grösstenteils ausgefüllt mit der Erlernung von grammatischen Regeln und mit Uebersetzungen aus einer Sprache in die andere. Wir zweifeln nicht daran, dass man ins Wasser gehen müss, um schwimmen zu lernen, wir würden jeden für blödsinnig erklären, der einem Schüler die Musik, die Skulptur, die Malerei durch theoretische Vorträge beizubringen versuchen wollte, — aber wir sind uns nicht bewusst, dass wir im Grunde ähnliches thun, wenn wir mit Regeln, welche von dem lebenden Organismus der Sprache abstrahiert sind, dem Schüler die Fähigkeit, diese Sprache zu meistern, glauben geben zu können, da er doch die Materie, nämlich das Sprachgut, nicht vorher beherrscht. Auch das Uebersetzen aus der Muttersprache in die zu lernende und umgekehrt ist nicht geeignet, dem Schüler den Geist der fremden Sprache zu eischliessen, ihn zum Denken in derselben zu erziehen, ja es zwingt ihn direkt, die der Muttersprache eigentümlichenWendungen und Satzgefüge in das fremde Idiom hineinzutragen. Durch die Uebersetzungsmethode, durch das beständige Vergleichen mit der Muttersprache werden die Hauptschwierigkeiten der Grammatik überhaupt erst geschaffen! Wenn ein so ausgebildeter Schüler in das Land kommt, dessen Sprache er angeblich erlernt hat, so geht es ihm nicht viel besser als dem Manne, der vorsorglich stets ein Lehrbuch der Schwimmkunst in der Tasche trug, und, als er einst ins Wasser fiel, voll Zuversicht nach seinem Leitfaden griff, um darin nachzulesen, wie er seine Schwimmstösse zu machen habe. Es klingt vielleicht paradox, aber es entfernt sich nicht allzuweit von der Wirklichkeit, was ich einmal gelegentlich einer angeregten Unterhaltung über das vorliegende Thema sagte, nämlich, dass die Grammatik erfunden sei, um das Erlernen von Sprachen zu verhindern. Im letzten Jahrzehnt hat sich, wie auf vielen anderen Gebieten, so auch bei der Unterrichtstechnik der Ruf „Zurück zur Natur*' Geltung verschafft. Die Berlitz- Methode, welche heute auch bereits die Schulen zu erobern anfängt, ahmt den natürlichen Vorgang nach, durch welchen ein Kind von seiner Umgebung oder ein Reisender im fremden Lande sprechen lernt. Er hört nur die Laute der zu erlernenden Sprache, an sein Ohr schlagen immer wieder in den verschiedensten Verbindungen und Zusammenhängen die charakteristischen Wendungen und Formen, die er sich zu eigen macht, ohne zum Vergleich mit der Muttersprache zu kommen oder dazu Veranlassung zu finden. So lernt er von vornherein in der fremden Sprache denken, während nach dem bisherigen S}"stem sein Ohr in den Lehrstunden intolge der fortwährend nötigen Erklärungen und Uebersetzungen mindestens 9/10 der Zeit die Laute der eigenen Sprache hörte. Die von Professor Berlitz eingeführte Methode will dem Schüler den Aufenthalt im fremden Lande ersetzen und erreicht dies dadurch, dass von der ersten Leklion an ausschliesslich die Laute der zu erlernenden Sprache gesprochen werden. Von konkreten Dingen ausgehend, die der Schüler zugleich sieht und hört, schreiben und aussprechen lernt, kommt der Lehrer unter Zuhilfenahme von Gesten und entsprechenden, leicht zu durchschauenden Handlungen bald so weit^ dass er den kleinen Schatz an Worten und Wendungen, welchen der Schüler sich nach einem Dutzend Stunden angeeignet hat, bereits zu Erklärungen mitheranziehen kann, die später auch grammatischer Natur sein können. Nicht gering zu veranschlagen ist die moralische Wirkung auf die Lernlust und Ausdauer des Schülers, wenn er sehr bald merkt, dass er schon etwas sprechen und verstehen kann.

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