Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1901)
- Article
- Die Bedeutung des makkabäischen Freiheitskampfes
- Date
- 1901-12-01
- Page
- Seite 905 - 906 (sequence 3)
- Language
- German
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905 Mathias Acher: Die Bedeutung des Makkabäischen Freiheitskampfes. 906 % ig thätigen Volkstums nicht mehr Leben herauspressen, als darin war. Nur für einen Augenblick vermochte er das Volk dem Hinübersterben ins Reich des Geistlichen zu entreissen. Nur für einen Augenblick. Dann kam das Ende um so rascher. Diese zweite Staatskatastrophe kann aber nicht nur nicht die Bedeutung des makkabäischen Freiheitskrieges ändern, auch seine Vo rbedeutung vermag sie nicht zu bestimmen. Es ist überhaupt verfehlt, den Vergleich der Makkabäerzeit mit unseren Tagen zu übertreiben. Schon die beliebte Aehnlichkeitder damals und heute auftretenden Parteigruppen erscheint mir einigermassen bedenklich. Ich vermisse in den heutigen Assimilanten das Temperament und das Zielbewusstsein der Hellenisten, in den heutigen Nationalisten den Mut und die Naivetät der Makkabäer. Aber, ganz abgesehen davon, die Verhältnisse, damals 'und jetzt, sind zu wesensverschieden, als dass ein solcher Vergleich irgendwie fruchtbar wäre. Was fang' ich mit Makkabäern an, die nicht auf ihrem Boden sind, was mit Hellenisten, denen keine fremde Macht hilft, was mit beiden angesichts einer Menge neuer grosser Völker, angesichts des Grosskapitals und der sozialen Bewegung, angesichts der Entwickelungslehre und des technischen Fortschrittes? Nein, mit relativen Werten lässt sich da nicht rechnen, sondern nur mit absoluten. Sowie die Grösse der Makkabäer und die Kurzlebigkeit ihrer Staatsgründung nur aus den damaligen Zeitverhältnissen zu erklären sind, so erwachsen auch unsere zeitgenössischen Kräfte und Schwächen nur aus dem Ganzen unserer Zeit. Es ist verkehrt, die kulturelle Uneinheitlich- •VsjcsÄ';-; &g>4 Mir - * \ keit und leiblich-seelische Degeneration des jüdischen Stammes von heute auf die leichte Achsel zu nehmen und sorglos darauf loszugründen —, ja sich überhaupt einzubilden, dass es einem zersplitterten und verhassten Volke mitten in unserer grossen, umwertenden, mit gewaltigen Aufgaben überbürdeten Epoche bloss durch allerlei Kniffe, im Handumdrehen gelingen werde, die Makkabäergründung zu wiederholen. Aber ebenso lächerlich ist, sich davon einschüchtern zu lassen, dass die Juden vor zwei Jahrtausenden nicht genug weltlich, oder sagen wir hier, politisch begabt waren, um denihnen von den Makkabäern eingerichteten Staat länger als zwei Jahrhunderte zu halten. Was soll daraus für heute folgen? Für heute, wo es eine universelle Civilisation giebt, die jedes Volk, das in sie eintritt, vor Weltscheu schützt, wo das jüdische Volk in seinen Intellektuellen und seinenProle-;iva ■ A. ^JpSt'; W4': J. Portaeis. Jüdin aus Tanger. tariern dieser allgemeinen Civilisation sich anzuschliessen begonnen hat: wo die Völker immer weniger und weniger des Königseedankens, o o o " des Staates ä la Prusse, des Krieges bedürfen, um sich aut den vereinigten naturgemässen Grundlagen der Nationalität und der Wirtschaft zu organisieren; wo endlich eine neue Aera internationaler Beziehungen wenigstens im Anzüge ist, in der auch weniger massive Nationen in Ruhe werden leben können . . .? Ich meine also, man thut gut daran, nicht nach Vorbedeutungen zu fahnden, sondern sich mit dem erfreuenden Bewusstsein zu begnügen, dass heute sowie zur Makkabäerzeit noch Leben und Lebensdrang im jüdischen Volke vorhanden ist. Nur so sichert man sich Verständnis für die Aufgaben der Gegenwart und Sinn für die geschichtliche Bedeutung und Grösse der Makkabäer.