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Ost und West · 1901-11-01 · Heft 11 (November 1901) · p. Seite 869 - 870

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 11 (November 1901)
Article
Revue der Presse.
Date
1901-11-01
Page
Seite 869 - 870 (sequence 1)
Language
German
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869 870 REVUE DER PRESSE. In der „Jugend" behandelt Georg Hirth das Tliema: „Giebt es Volkscharakter in der bildeaden Kunst?" Er sagt dort: ..... Es wäre auch ungerecht, das Ueberhandnehmen der ätzenden Kritik vorwiegend auf den semitischen Geist zu schieben; hat doch allezeit das deutsche Philisterium Beifall geklatscht, und ich kann es auch nicht vergessen, dass zu den ersten und leidenschaftlichsten Bewunderern nicht bloss Richard Wagner's, sondern auch Böcklin's und Thoma's, leinsinnige Juden gehörten. Gewiss können wir von den Juden nicht erwarten, dass sie die Fackel unserer Ideale uns vorantragen. ...... Die Blüte der deutschen Jugend. „Vorwärts", 12. November 1901 Aus akademischen Kreisen schreibt man uns: In seiner Vorlesung über den Reich s-Civil-Prozess sprach am verflossenen Sonnabend Professor Kohler über die Litteratur, die wir auf diesem Gebiete besitzen. Unter anderem erwähnte er dabei als einen sehr brauchbaren und in der Praxis sehr verbreiteten Kommentar den von „Wilmowski und Levy". Kaum hatten die Zuhörer den Namen Levy gehört, als sie auch schon durch ein allgemeines Scharren mit den deutschen Füssen ihrem Missfallen darüber Ausdruck gaben, dass ein Mann mit solchem Namen sich erlaubte, etwas wirklich Brauchbares zu schreiben. Doch dies war erst das Vorspiel; denn als Professor Köhler bedauerte, dass dieser Kommentar leider nicht in neuer Auflage zu haben sei, weil Wilmowski gestorben und Levy, der bekannte Berliner Justizrat, vor noch gar nicht langer Zeit ermordet worden sei, da gab die Gesellschaft durch ein starkes, anhaltendes Trampeln ihrem Beifall darüber Ausdruck, dass der Mann mit dem jüdischen Namen ein solches Ende gefunden. Das „Jüdische VoUpblatt" (Wien) bringt folgende Berliner Notiz: Seit langer Zeit hat sich wieder Lesser Ury entschlossen, eine grössere Ausstellung zu veranstalten, die soeben bei Schulte eröffnet wird ...... Von..den Phantasiebildern ist diesmal der gewaltige „Jeremias" ausgestellt, an dem Ury seit geraumer Zeit gearbeitet hat. Dieses Werk wird, ähnlich wie sein erstes, die „Trauernden, Juden", die treffen, die für Rasse in der Malerei ein Verständnis haben. Wenn man Jahr für Jahr die bescheidenen Bestrebungen wohlbekannter Maler sieht, aus historischen Stoffen grosse Horizonte zu entwickeln, so fühlt man sich hier wie einem Genie gegenüber. Ury könnte für das Alte Testament das werden, was Uhde für das Neue ist. Wie in Uhde, dem grossen Könner, ein neues Licht emporgestiegen ist über die sozialen und menschlichen Dinge des Christentums, so lebt in Ury die alte heilige Flamme des Orients, der heisse Odem, der über die rauhe Erde streicht, die Riesengestalten elementarer Geschöpfe vor dem grandiosen Hintergrunde einer unermesslicheu Weite. Sein „Jeremias" ist nicht" der Theaterheld der Düsseldorfer, sondern er ist ein Stück der Erde selbst. Eine Kreatur der Erde, liegt er zusammengekauert auf dem Boden, der nur seine dunkle Linie fortsetzt, ein gewaltiges Stück Elend, zerschlagen, zertrümmert, zertreten. Eine furchtbare Erscheinung. Dem nahen Menschen, der ihn plötzlich sieht, ein grosser, tiefer Fluch. Und über dem Fluchenden wölbt sich der Nachthimmel, der von Ewigkeit zu Ewigkeit in seinen ruhigen Tönen feststeht, und aus dem die hellen Sterne herunterlächeln — unverständlich dem Geschlagenen. B. Der Berliner „Vorwärts" schreibt: Wes Geistes Kind Herr Chamberlain ist, das zeigt eine Durchsicht der ersten Bände seines Werkes, einer An einanderreihung unglaublich konfuser Bearbeitungen einer Fülle von Citaten. Der Mann, der im Vorwort prunkt, es habe ihm stets als Ideal vorgeschwebt, nicht möglichst viel, sondern möglichst wenig zu lesen, kramt hinterher einen Sack voll Citaten aus allen möglichen Litteraturgebieten aus, um die sich seine Schriftstellerei nur gruppiert, einen vielfältigen Raub in einer originalen, aber abscheulichen Sauce schwimmend. Wie er die Citate und die Männer, von denen er sie borgt, misshandelt, zeigt am besten sein langes Gerede über eine Stelle aus Goethe......Wie wäre es Herrn Chamberlain ergangen, wenn er sich mit seiner Weisheit vor i00 Jahren in Weimar eingefunden hätte! Im Eingänge seines Buches wettert er gegen „die lächerliche und empörende Neigung, den Juden zum Sündenbock für alle Laster unserer Zeit zu machen", und im zweiten Bande zeigt er sich als den eifrigsten Sammler und Vertreter aller antisemitischen Litteratur, aus deren vulgärsten Proben er sogar die Sage nachplappert, dass Engels Jude gewesen sei. Im Eingänge findet er, dass man den jüdischen Einfluss überschätze, und im zweiten Bande findet er, dass diesem Einfluss die Welt, die ökonomische, die wissenschaftliche, . die künstlerische diene. Er giebt allen Antisemiten recht, von Cicero bis zu den neuesten. Herr Chamberlain hat noch eine Eigenschaft: er ist heftiger Antikatholik und hat für den pangermanischen Siegeszug eine neue Religion in petto, eine neue Mischung aus vielen Töpfen, so unklar, wie die konfusen 1000 Seiten seines ersten Bandes.

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