Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 11 (November 1901)
- Article
- Ein letztes Wort zur Judenfrage
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 861 - 862 (sequence 2)
- Language
- German
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861 Miscellen. 862 tauien lassen. Ich für meine Person werde es niemals thun, sondern in meiner Weise möglichst beiden Pflichten gerecht zu werden suchen. Skrupellose Streber und Erfolgsbanditen habe ich übrigens mit meinen Betrachtungen nicht decken wollen. Man muss sehr wenig gewissenhaft gelesen haben, um mich in dieser "Weise misszuverstehen. 4. Ich muss dann auch noch gegen Herrn Dr. Heinrich Meyer Cohn den Vorwurf erheben, dass er den Ernst der Lage und die seelischen Grundlagen der „Judenfrage4' nicht genügend würdigt. Denn offenbar ist er mit seinem Schützling Vogelstein der Meinung, dass der Antisemitismus nur eine „Verirrung" wäre, die bald vorübergehen müsste — infolge sentimentalisch moralisierender Betrachtungen, wie Herr Vogelstein sie in den Preussischen Jahrbüchern zum besten gab. Wer meinen Aufsatz mit Aufmerksamkeit durchgelesen hat, dem mufs es klar geworden sein,, dass mir die religiösen und geschichtsphilosophischen Erklärungsversuche von Benediktus Levita in keiner Weise genügen, und dass ich in dieser Hinsicht auf einem ganz anderenBoden stehe. Ebensowenig fehlt mir der Blick für die Schwächlichkeit seiner Mittel. Seine Kinder taufen lassen, während man selbst vor diesem Schritt zurückschreckt, das ist zum mindesten eine Halbheit, die mir nicht imponiert. Aber für den Ernst der Lage und für die seelischen Qualen, die im Gefolge der Judenfrage einherziehen, hat Benediktus Levita offenbar ein viel tieferes Verständnis als Dr. Vogelstein und auch, wie ich jetzt hinzufügen muss, als Dr. Heinrich Meyer Cohn. 5. Zum Schluss erklärt mein Widersacher, dass er die Formel „Zionismus im Namen der Assimilation" nicht verstände. Wie sollte er auch bei der grotesken Vorstellung, die er mit dem Wort Assimilation verbindet: ein Mensch, der sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt, um zu beweisen, dass er Germane wäre!!! Da ist eine Verständigung freilich aus- , geschlossen. Dixi et salvavi animam meam. Mein letztes Wort zur Judenfrage ist gesprochen und ich werde mich auf weitere Polemiken nicht mehr einlassen. S. Lublinski. Hierzu schreibt uns Dr. Cohn: Dass Eingewanderte gegen den Vorwurf mangelnden Deutschtums empfindlicher sind als Eingeborene, ist eine allgemeine Beobachtung, der ich Ausdruck gab, weil ich diesen Umstand für schädlich ansehe. — Ich habe aber Herrn Lublinski nicht im Zusammenhange mit dieser Beobachtung genannt. Ich glaube ihm ohne weiteres, dass er in deutscher Kultur aufgewachsen ist, und werde mit Vergnügen aus seinem Werk viel lernen. — Im übrigen meine ich, dass jemand, der gegen Vorwürfe, sogar gegen nicht gemachte Vorwürfe, so empfindlich ist, auch die Empfindungen anderer Personen mehr schonen sollte und nicht so forsch „von dem Gewäsche eines Rabbiners Vogelstein", „Seichtlingen" etc. sprechen sollte. In sachlicher Beziehung bietet mir die Zuschrift von Herrn Lublinski keine Veranlassung zu weiteren Darlegungen, der Leser kann selbst unsere Ausführungen in No. 9 und 10 von „Ost und West" vergleichen. *) Wir bemerken zu der öffentlichen und privaten Polemik, welche der Lublinski'sehe Artikel hervorgerufen hat, dass wir nicht glauben unseren Standpunkt präzisieren zu müssen. Wer „Ost und West" kennt, weiss, dass dieses Organ die bewusst-jüdische Note in einer Klangstärke angeschlagen hat, wie kein jüdisches Blatt vordem. — Wer das weiss, * wird dadurch vor manchen Missverständnissen bewahrt geblieben sein, welchen diejenigen verfielen, die den Aufsatz lasen, ohne dabei den Charakter der Zeitschrift deutlich vor Augen zu haben. Wir sind übrigens der Ansicht, dass ein ernster jüdischer Schriftsteller für ein jüdisches Thema eine jüdische Zeitschrift zur Verfügung haben sollte, gleichviel ob wir seine Auffassungen teilen oder nicht. D. Red, * Rembrandt. Rabbiner, Berliner Museum.