Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 11 (November 1901)
- Article
- Ein letztes Wort zur Judenfrage
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 859 - 860 (sequence 1)
- Language
- German
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859 860 MISCELLEN. „Ein letztes Wort zur Judenfrage"*) Herr Dr. Heinrich Meyer Cohn hat sich veranlasst gesehen, meinen im Septemberheft von „Ost und "West" veröffentlichten Aufsatz „Ein letztes Wort zur Judenfrage" heftig anzugreifen. Ich habe aber aus seiner Polemik den Eindruck gewonnen, dass er nur einzelne Sätze meines Aufsatzes gelesen haben kann, die er noch dazu missverstellt. 1. Ich habe gesagt, dass die Judenfrage nicht früher als die „revolutionäre Frage" von der Bildfläche verschwinden wird. Daraus zieht Herr Dr. Meyer Cohn die Schlussfolgerung, dass ich den deutschen Juden angeraten hätte, um jeden Preis in das Regierungslager überzugehen. Nun, alsdann würden sofort die Revolutionäre aller Schattierungen von den „reaktionären Neigungen" des jüdischen Geistes zu sprechen beginnen, wie jetzt vielfach von seinen „dekompositorischen" und umstürzlerischen Neigungen gesprochen wird. Es bliebe also alles beim alten, und ein Antisemitismus der aufstrebenden Parteien wäre vielleicht noch viel gefährlicher. Ich habe nur gesagt, dass bisher noch immer um die primitivsten Grundlagen von Staat und Gesellschaft gekämpft wird, woraus sich ein allgemeines Unbehagen ergiebt. Und da es in der menschlichen Natur nun einmal liegt, Giuseppe Nogari. Jüdischer Gelehrter, Dresdener Gallerie. nach einer Causa prima zu suchen, so schiebt man alle Schuld auf die Juden. Ich habe betont, dass wir Juden in Wahrheit für diesen Zustand nichts können und auch in keiner Weise in der Lage sind, etwas dagegen zu thun. Hier heisst es, die Entwickelung Europas geduldig abwarten. Die Regierung, die Lasker unterstützte, war in wirtschaftlicher Beziehung die revolutionärste, die Deutschland bisher gehabt hat. Und als darauf die wirtschaftliche Reaktion einsetzte, Hochschutzzoll und Mittelstandspolitik, da kam in ihrem Gefolge sofort der Antisemitismus. Also selbst wenn ich in so engem Sinn, wie mein Gegner es mir unterschiebt, meine Erklärung verstanden wissen wollte, auch dann noch könnte der Hinweis auf Lasker mich nicht widerlegen. Ebensowenig der Hinweis auf Ungarn und Frankreich. Herr Dr. Meyer Cohn hat offenbar keine Kenntnis von der seelischen Struktur der ungarischen Volkspartei oder der französischen Nationalisten. 2. Herr Dr. Heinrich Meyer Cohn thut so, als ob er ein Alteingesessener der deutschen Kultur wäre und ich ein Parvenü. Er glaubt also offenbar, dass ich mich aus orthodoxen jargonjüdischen Verhältnissen zur deutschen Kultur heraufgearbeitet hätte. Wenn dem so wäre, so könnte es mir nur zur Ehre gereichen und es erschiene wenig vornehm, mir daraus einen Strick drehen zu wollen. Zum Ueberfluss stimmt das aber gar nicht; Sie irren sich in Ihrer Vermutung, Herr Doktor. Ich entstamme einer jüdisch-liberalen ostpreussischen Familie, die ganz und gar im Boden der deutschen Bildung wurzelte, und habe von früher Jugend an keine andere als eine rein deutsche Erziehung genossen. Wenn Sie es mir nicht glauben wollen, Herr Doktor, so kann ich, wie man es zu nennen pflegt, Referenzen aufgeben. Ich nenne den Sohn des von mir angegriffenen Vogelstein, den Rabbiner in Königsberg. Der Mann mag nicht viel lür mich übrig haben, aber er kennt meinen Vater, meine Verwandten und mich und wird der Wahrheit die Ehre geben. Oder als eine noch bessere Referenz mein Werk ..Litteratur und Gesellschaft im 19. Jahrhundert", dessen Leetüre ich Ihnen empfehlen möchte, geehrter Herr Doktor. 3. Meine Bemerkung hinsichtlich der Taufe hat mein Gegner gleichfalls missverstanden. Ich bin nicht der Meinung, dass man nahe Angehörige im Stich lassen soll. Nur ist dann die Frage, wer einem unter Umständen der nähere Angehörige ist. Es besteht zweifellos gegenwärtig eine gewisse Spannung zwischen Judentum und Deutschtum, und ebenso giebt es Naturen, die nicht im stände sind, zwei Herren zugleich zu dienen. Wenn solche Menschen sich dem Deutschtum näher fühlen, als dem Judentum, so kann ich sie nun einmal nicht steinigen, wenn sie sich