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Ost und West · 1901-11-01 · Heft 11 (November 1901) · p. Seite 857 - 858

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 11 (November 1901)
Article
Die jüdische Turnbewegung
Date
1901-11-01
Page
Seite 857 - 858 (sequence 2)
Language
German
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857 Hennann Jalowicz: Die jüdische Turnbewegung. 858 kämpfung des Krebsschadens. Das blieb erst der jüngsten Vergangenheit vorbehalten. Es ist bekannt, dafs die Zionistenkongresse den ersten Anstoss zur Begründung von jüdischen Turnvereinen gaben, indem berufene Männer — Aerzte und Politiker zugleich — gegen die schädlichen Folgen, die mit der Ueberanstrengung des Gehirns, noch dazu unter den elenden Luft-, Licht- und Ernährungsverhältnissen des Ghettos, gewöhnlich verbunden sind, energisch Front machten und ebenso vor ungerechtfertigter Ueberschätzung geistiger Arbeit wie vor Geringschätzung körperlicher Bethätigung warnten. Seit der Emanzipation, welche die jüdischen Mitbürger zur Teilnahme am obligatorischen Turnunterricht in der Schule zwang, sind die Zustände in den westlichen Ländern um vieles besser geworden. Freilich gab es schon vor der Tagung des ersten Zionistenkongresses zu Basel im Jahre 1897 einige Pflegestätten jüdisch-turnerischer Bestrebungen,*) aber von einer planvollen Turnbewegung, von einer Organisation mit dem ausgesprochenen Zweck, durch Turnen zur Stählung und Kräftigung des jüdischen Volkes beizutragen, kann erst seit 1897 die Rede sein: die jüdische Turnbewegung knüpft an die moderne zionistische Bewegung an. Daher ist es verständlich, dass unsere Turnvereine im Anschluss an schon bestehende zionistische Organisationen ins Leben gerufen wurden und demgemäss mit zionistischen Programmen auftraten. Fast immer verzichteten die zionistischen Gründer auf spezifisch zionistische Tendenzen zu gunsten nationaljüdischer. Damit geschah ein Schritt, den selbst die eingefleischtesten Genossen, denen „das Endziel alles gilt", hätten mitmachen können und der mir vom Standpunkte einer vernünftigen, aufs Praktische gerichteten Taktik als erlaubt, ja noch mehr, sogar als notwendig erscheint. Das mochte und mag nicht nach dem Geschmack gewisser Ritter von der grauen Theorie sein, die abstrakte Theoreme in ihrem Haupte wälzen, ohne zeitliche und örtliche Besonderheiten sowie die Eigenart des in Frage kommenden Menschenmaterials zu berücksichtigen. Im Gegensatz zu dieser Auffassung vertraten wir die Ansicht, dass ein Turnverein neben Prinzipien auch Turner haben müsse. Wir begnügten uns also mit der Errichtung solcher Statuten, die die Juden als lebendiges Volkstum anerkennen, und glaubten damit auch dem Zionismus einen grösseren Dienst zu leisten, als wenn wir aus Prinzipienreiterei eine ') In Bukarest und Konstantinopel. zionistische Organisation mit schwacher Lebenskraft schüfen. Soviel wir den in der „Jüdischen Turnzeitung" zerstreuten Nachrichten entnehmen, existieren im ganzen 13 jüdische Turnvereine, nämlich der Turnverein „Bar Kochba" in Berlin, der im Mittelpunkt der jüdischen Turnbewegung steht und dafür eifrig Propaganda zu machen sucht, besonders durch Herausgabe der seit Mai 1900 erscheinenden „Jüdischen Turnzeitung", des Centraiorgans der jüdischen Turnvereine; ferner die Korporationen zu Halberstadt, Frankfurt a. M., Wien (2), Bielitz, Olrrütz, Privoz, Mährisch-Ostrau, Philippopel, Bukarest, Bern und Konstantinopel. Im Entstehen begriffen sind sechs Turnvereine: in Hannover, Posen, Brünn, Ung. Hradisch (Mähren), Krakau, Lemberg.**) Trotzdem die oben aufgezählten dreizehn Vereine in der Regel nur über geringe Mittel verfügen und ihnen überdies das Leben von seiten feindlich gesinnter Kultusbehörden oft recht sauer gemacht wird, hat sich in ihnen ein reges, turnfröhliches Leben entfaltet. Die Geschicklichkeit, Muskel- und Sehnenkraft der Turner wird erhöht durch Gerätübungen, während eine straffe, den Juden besonders notthuende Disziplin durch Marsch- und Ordnungsübungen erzielt wird. Die Turnfahrten tragen dazu bei, Freude an der Natur zu erwecken, den Körper ausdauernder im Ertragen von Strapazen zu machen und an kleine Entbehrungen zu gewöhnen; die gemeinsamen Erlebnisse stärken und beleben das Kameradschaftlichkeitsgefühl. Schliesslich wollen wir nicht vergessen zu bemerken, dass die soziale Aussöhnung verschiedener Klassen nirgends so intensiv erfolgen kann wie gerade in einem Turnverein. Die jüdische Turnbewegung ist noch zu jung, um auf glänzende Resultate zurückblicken zu können. Aber was man bisher erreichte, war der aufgewandten Mühe wert. Wir befinden uns im Beginn einer Entwicklung, der man ein günstiges Horoskop stellen darf, wenn mit der alterprobten Zähigkeit gegen äussere Hindernisse angekämpft, und mit Liebe und Energie nach innen gewirkt wird. Dann kann die jüdische Turnbewegung ihren volkserziehlichen Zweck erfüllen, sie wird beitragen zur Kräftigung des Körpers, zur Festigung des Willens, zur Gesundung des jüdischen Volkes. ••) Nebenbei sei darauf hingewiesen, dass sich in London 15 jüdische Sportvereine befinden. Der wBar Kochba", Berlin, zählt über 200 aktive Turner, der Wiener L Jüd. Turnverein ebensoviel. w

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