Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 11 (November 1901)
- Article
- Die jüdische Turnbewegung
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 855 - 856 (sequence 1)
- Language
- German
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855 856 DIE JUEDISCHE TURNBEWEGUNG. Von Hermann Jalowicz. -ß •%^JV' j ■ ^jÄfc-- ^amiW a ^||p 'i-k «HT Jfflii J t _ m 'l jV^pfrg ^M^^^^y^^' ■ •♦"^ i^Lj^i - „ B arr enpyrami de ". „ Freiübun gen ". Vom jüdischen Turnverein „Bar Kochba'% Berlin. Zwei Momentaufnahmen. Schon die Ueberschrift wird manchen Leser mit Erstaunen erfüllen, der aus dem Schoosse des Judentums nur geschichtliche oder litterarische Forschungen und theologische Gelahrtheit aufspriessen sieht und allenfalls noch einen Zusammenhang zwischen jüdischer Eigenart einerseits und Journalismus, Börse sowie Warenhaus andererseits anerkennt, jedoch für unser nationales Leben ein höchst mangelhaftes Verständnis bekundet. Wer das jüdische Volk mit solchen Augen betrachtet, dem werden die beiden Begriffe „jüdisch" und „turnen" als harmonische Einheit über seine Begriffe gehen. Gerade diesen wollen wir Aufklärung über unsere Bestrebungen geben, wir wollen ihnen begreiflich machen, wie es gekommen ist, dass eine Anzahl junger Männer und Mädchen in jüdischen Turnvereinen ein ruhiges, friedliches Heim fanden und sich mit Lust und Eifer der Pflege kräftigender Leibesübungen hingeben. Seit Jahrzehnten bereits wurde von den Juden in der deutschen Turnerschaft geturnt und mancher Preis von ihnen errungen. Im allgemeinen herrschte löbliche Eintracht, doch hin und wieder regten sich antisemitische Strömungen und brachten ein Tröpflein Wermut in den Kelch scheinbar ungetrübter Solidarität. Aber selbst wo die antisemitische Tendenz nicht jene schroffe, unzweideutige Form annahm wie auf dem Kreisturntage des XV. Kreises in Wien, der in diesem Jahre mit erdrückender Majorität — 120 gegen 15 Stimmen! — den Ausschluss der Juden proklamierte, wurde durch die Maulwurfsarbeit des latent wühlenden Antisemitismus den Juden der Boden unter den Füssen unsicher, mehr oder minder versteckte Sticheleien sorgten dafür, dass die Juden eine höchst peinliche Empfindung, die sich eigentlich kaum als unerlässliche Zugabe zur Mitgliedschaft ansehen lässt, nicht abzuschütteln vermochten. Wie reagierten die Betroffenen auf den antisemitischen Beschluss des Kreisturntages? Anstatt ihren lieben Vereinsbrüdern in tiefster Empörung den Rücken zu kehren und zu zeigen, dass sie auf eigenen Füssen stehen könnten, protestierten sie gegen die Resolution, da diese nach Paragraph so und so ungültig sei. Wir bringen die unwürdige Haltung, die einen aussergewöhnlichen Mangel an Selbstachtung erkennen lässt, vornehmlich aus dem Grunde zur Kenntnis der Leser, um abermals zu bestätigen, dass der Antisemitismus allein nicht im stände ist, nationaljüdische Gesinnung hervorzurufen; —ausserdem negativen Moment des Judenhasses ist auch ein positives erforderlich, eine angeborene Gefühlsrichtung, die sich als Stammesliebe offenbart. Ist diese erstorben, dann bleiben den Bekennern des sogenannten „Allgemeinen" nur zwei Möglichkeiten: entweder sich Charakter- und taktlos den nichts weniger als entzückten Freunden aufzudrängen oder unthätig im Schmollwinkel zu verharren. Die national fühlenden Juden dagegen beschreiten einen anderen Weg, sie mühen sich überhaupt nicht damit ab, fremde Felder zu bestellen, die ihnen nur widerwillig ihre Schätze herausgeben, sondern sie bebauen ihr eigenes Terrain. Ohne Bild: sie gründen jüdische Turnvereine. Schon seit längerer Zeit hatten sich denkende Männer die Frage vorgelegt, wie man der mehr oder minder vorhandenen und um sich greifenden körperlichen Entartung der jüdischen Nation wirksam steuern könne, die als notwendige Folgeerscheinung des ungesunden Ghettodaseins und langjähriger Unterdrückung eingetreten war. Es liegt auf der Hand, dass der Degenerierungsprozess im Osten Europas schlimmer gewütet hat als in dem unter günstigeren Bedingungen lebenden Westen. Obwohl die Verminderung der physischen Kraft des jüdischen Volkes zugestanden wurde, ging man doch nicht an die zielbewusste Be-