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Ost und West · 1901-11-01 · Heft 11 (November 1901) · p. Seite 827 - 828

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 11 (November 1901)
Article
Jüdische Kavallerie
Date
1901-11-01
Page
Seite 827 - 828 (sequence 2)
Language
German
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827 Israel Abrahamsohn: Jüdische Kavallerie. 828 von Katra, und frohe Ahnungen künftiger Spiele unserer Jugend erfüllten mich. Dass die Juden nicht kriegstüchtig sind, glauben heutzutage wohl nur noch die Gelehrten der Fliegenden Blätter. Immerhin dürfte es nur in der Armee des Cirkus Blumenfeld vorkommen, dass die Offizier- und Unteroffizierstellen ausschliesslich mit Juden besetzt und Gojim nur Füllsel sind. Den Schluss der Vorstellung, der ich beiwohnte, bildete eine Pantomime: „Unter der Burenflagge", in der dieBuren dieEngländer furchtbar verprügeln und aus dem Lande herausjagen. Beim Anblick dieser mit preussischer Strammheit marschierenden Söhne Germaniens, die in englischen Uniformen und Burenblusen auf die Kommandos jüdischer Generäle und Führer hörten, fiel mir die Schilderung Mommsen's von der punischen Soldateska ein, ich gedachte der Rolle, die die Juden seit Vernichtung ihrer nationalen Selbständigkeit auf dem Welttheater spielen, und der Wunsch wurde mir zum Gebet, dass das edle Bemühen der jüdischen Patrioten, das jüdische Volk von den Söldnerscharen zu befreien und zur Selbsthilfe zu erziehen und die Intelligenz für ihre eigene Blutsverwandten zu interessieren, von Erfolg gekrönt sein möge. Diesmal liess ich mir doch nicht die Gelegenheit entgehen, mich der Familie wieder zu nähern. An dem auf die Vorstellung folgenden Sonntag betrat ich mittags das Zelt, um den gegenwärtigen Leiter des Stammes zu interviewen. Einen holländisch-jüdischen Clown traf ich mit seiner Familie (Frau, Kinder und Hunde) beim Mittagessen. Ich gab ihm meine Karte und bat ihn, mich dem Direktor zu melden. Eine Weile später sass ich mit dem Herrn Direktor zusammen in dem weiten Zeltraum, in dem nur ein paar Kinder spielten und zwei Jünglinge ihre Muskeln übten. Wie der Direktor mir erzählte betreibt seine Familie schon seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die edle Reitkunst. Der Ahn. von dem diese Profession zuerst feststeht, stammt aus einem Oertchen bei Bonn und war Jockey in einem deutschen Cirkus. Wie er dazu gekommen ist, vermag sein Nachkomme nicht anzugeben. Der Grossvater der jetzigen Cirkusinhaber hatte fünf Söhne, die sämtlich Reiter wurden, der alte Blumenfeld, denich vor 20 Jahren sah, hatte, ein wahrer Stammvater, 18 Kinder, von denen elf leben. Sechs Brüder sind am Cirkus thätig, „und ihr Same ist wie Sand am Meer". Alle haben sich mit Jüdinnen verheiratet, zum Teil Angehörigen sehr vornehmer Familien, aber auch dieser Familienzuwachs hat sich dem hippischen Sport zugewandt, nach der Weise des jüdischen Weibes, die das liebt, was der Gatte liebt. Es giebt wohl kaum einen Stand, in dem so alle Tugenden, Gattentreue, Kindesliebe, Mässigkeit und Hilfsbereitschaft blühen, wie im Artistenstande. Schmierenkomödianten sind manchmal geniale Leute, verbummelte Talente, die einst einen hohen Flug zu nehmen gedachten und mit gebrochenen Flügeln zähneknirschend vor Philistern Entzücken mimen, doch trifft man darunter genug ungebildete Leute, ehemalige Friseurjünglinge und Thunichtgute, die nichts können, und unter dem weiblichen Teil einen übergrossen Prozentsatz der verlorensten Geschöpfe. Artisten sind immer Leute, die etwas erlernt haben und täglich ihre Sinne und Nerven anspannen müssen, ihren Körper den Anforderungen, ihres Berufs entsprechend schmiegsam zu erhalten. Prächtige Gestalten traf ich unter diesen Juden und Jüdinnen. Frauen voll Kraft und Schönheit, Männer mit Sehnen wie Marmorgeäder, Muskeln wie von Erz und Körpern, biegsam und geschmeidig wie Toledanerklingen. Fünf Monate des Jahres gehören der Uebung. Den ganzen Winter wird auf einer eigenen Reitbahn bei Breslau Mensch und Tier geschliffen, wie der militärische Ausdruck lautet, für das siebenmonatliche' Manöver, in dem der vierjährige Knabe ebenso seinen Dienst zu leisten hat, wie der vierzigjährige Mann. Fast die gesamte Gesellschaft besteht aus Angehörigen des Geschlechts Blumenfeld. Nur zwei fremde Familien sind mit von der Partie, eine jüdische, die des ersterwähnten Clowns, und ein deutsches Geschwisterpaar. Sonst ist „hier alles jut", wie mir in diesem Sommer ein Jude im Ghetto Venedigs erklärend bemerkte. Und in Aller Augen ein Stolz auf die Vero gangenheit, ein Vertrauen auf die Zukunft und ein Gemeinsamkeitsgefühl, das mir würdig dessen erschien, [das unser Volk verbinden soll, aber leider nicht verbindet.

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