Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 11 (November 1901)
- Article
- Jüdische Kavallerie
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 825 - 826 (sequence 1)
- Language
- German
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825 826 JUEDISCHE KAVALLERIE, Von Israel Abrahamsohn. Zwanzig Jahre sind es her, ich besuchte damals die Volksschule des ostpreussischen Städtchens H. Da kam eines Sommervormittags der alte Hauptlehrer in unsere Klasse und verkündete uns, dass wir für den Rest des Tages frei hätten; es sei ein Cirkus angekommen, der auf dem Schulplatz aufgebaut werde; wir sollten uns alle die Sache ansehen und den Leuten auch recht behülflich sein. Paradiesische Zustände waren das, nicht wahr? Ein Lehrer, der seine Schüler loslässt, damit sie wandernden Komödianten beim Bau der Gezelte zur Hand gehen! Wie Wundertiere wurden von uns die Fremden angestaunt, die mit drei Wagen ihren Einzug auf den Schulplatz hielten. „Cirkus E. Blumenfeld" stand auf den Wagen. Blumenfeld? Ich hatte trotz meiner sieben Jahre schon so viel Distinktionsvermögen, um zu empfinden, dass das jüdisches Gebiet sei. Und in der That sagte mir alsbald ein Mitschüler, dass das ein „jud'scher Cirkus" sei. Waren das sechs schöne Tage, die die Künstler in H.'s Mauern weilten. Wir halfen ihnen alle mit grösstem Eifer, und auf jeden Wink standen 10 Prätendenten bereit. Die jüdischen Knaben wurden bevorzugt, und glückselig war ich, den Leutchen kleine Dienste erweisen zu können, die sich mit meiner Würde als Patriziersohn eigentlich gar nicht vertrugen. Ein schlankes Mädchen aus der Gesellschaft, das drei Jahre älter war als ich, war meine Gespielin. Gewiss hat sie Kameraden und Freunde in jeder Stadt gefunden und mich bald vergessen; ich aber habe noch Jahre lang an sie gedacht. Ich wurde nicht müde, dem Familienleben und den Uebungen der Truppe zuzuschauen. Der Direktor, ein alter Mann mit der Würde eines Patriarchen, die Frau Direktorin, eine echt jüdische Frau von eiserner Strenge und mit einem goldenen Herzen, hielten die Söhne und Töchter, die Schwiegertochter und Enkel in strammer Zucht. Ich besinne mich noch, als wäre es heute, wie Frau Blumenfeld ihren verheirateten Sohn, der schon Kinder hatte, ausschalt wie einen Schulbuben, während er schweigend und gesenkten Hauptes dastand, den herrlichen Athletenkörper bis zur Brust entblösst, jede Muskel nach dem Training wie gemeisselt. Als die Kunstreiter H. verliessen, hatte ich einen unbestimmten ersten Liebeskummer- Ais der Cirkus zum zweiten Maie H. besuchte, hiess er nicht mehr E. Blumenfeld, sondern E. Blumenfeld' Witwe, und bestand nicht mehr aus drei, sondern aus zwölf Wagen, schöner und geräumiger als die früheren. Das Pferdematerial hatte sich verdreifacht und das Zelt wurde nicht mehr von den Schulknaben, sondern von einer Schar eigener Arbeiter errichtet. Ich war damals Untertertianer, kannte den Optativ mit an und wusste was Paideutheti heisst. Es ist daher kein Wunder, dass ich die Freundschaft mit Frl. Blumenfeld, die inzwischen eine schöne Dame geworden war, nicht erneuerte. Welcher Tertianer verachtet nicht die Weiber! Zum dritten Male habe ich Ende August 1901 den Cirkus in Königsberg gesehen. Die alte Frau Blumenfeld ist inzwischen auch längst gestorben. Der Cirkus führt nun den Namen „Gebrüder Blumenfeld". Drei Brüder leiten das Unternehmen, und eine unzählbare Schar von Geschwistern, Verwandten, Frauen, Kindern und Enkeln wirkt darin mit. Meine erste Liebe ist nun Frau Direktorin und reitet die hohe Schule. Die Dame war, wie ich herausbekam, nicht eine Tochter, sondern eine Nichte der alten Blumenfelds. Der vor 20 Jahren ausgescholten wurde, lässt jetzt schon seine Söhne reiten, und seine jüngeren Brüder sind zumeist auch schon verheiratet. Eigentümlich wurde mir dieses Mal zu Mute, als ich dieses Reitergeschlecht seine Künste produzieren sah. Jeder hat seine Spezialität. Der eine Direktor ist Dresseur. Er besitzt eine wunderbare Gabe mit den Tieren umzugehen und ihnen die unglaublichsten Kunststücke beizubringen. Ein anderer ist ein Schulreiter, wie ihn besser weder Cirkus Schumann noch Busch aufzuweisen hat, ein anderer ist Jockey, ein anderer Akrobat auf ungesatteltem Pferde u. s. w. Ein kleiner Junge von 8 Jahren führte in einer Szene „Der kleine Bur" zu Pferde die wahnsinnigsten und halsbrecherischten Kunststücke aus. Unwillkürlich dachte ich der Reiter