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Ost und West · 1901-11-01 · Heft 11 (November 1901) · p. Seite 823 - 824

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 11 (November 1901)
Article
Zwei neue Lilien'sche Ex-Libris
Date
1901-11-01
Page
Seite 823 - 824 (sequence 2)
Language
German
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823 M. Hirschfelder: Zwei neue Lilien'sche Ex-Libris. 824 das Weib steht leuchtend da als Priesteriii des Lebens, als Siegerin über Not und Tod, in ihrer Rechten den Aeskulaps-Stab mit der geringelten Schlange, in ihrer Linken die dampfende Schale mit dem Balsam der Linderung und Heilung. Oder hat der Künstler vielleicht mit absichtlicher Satire die Frage offen gelassen? Ist es am Ende Gift, das Gift det Liebe, das das N Weib mit seinen weissen Händen uns reicht? — Das Exlibris trägt unten in hebräischer Sprache und Schrift die Worte: „Aus der Bücherei (Missiphre) des Eliahu ben Arje Simonson." Ebenso oben das Motto: „Wenn ich Dein vergesse, Jerusalem, so verdorre meine Rechte!" Zweifellos ein auffallender und markanter Wahlspruch für einen modernen Arzt. Verständlich aber, wenn man weiss, dass der Besitzer mit seinen ganzen Ueberzeugungen tief im Boden des Judentums wurzelt und ein reges . Interesse an der jüdischen Kolonisation hat. Das zweite hier abgebildete Bibliothekzeichen trägt unten in hebräischer Sprache und Schrift die Bezeichnung „Missiphre" (aus der Bücherei), oben ebenso den Namen des Eigentümers „Rüben ben Mordechai Brainin". Brainin ist ein jetzt in Berlin lebender, bedeutender hebräischer Schriftsteller, dessen Muttersprache hebräisch ist und dessen Bibliothek fast ausschliesslich aus hebräischen Büchern besteht. Deshalb finden sich auf ,der Zeichnung auch nur durchweg ' ~ -"[^^^^^J^ rnnmiCDim 3 E. M. Lilien. Ex Libris Ruben Brainin. hebräische Worte. Das Motiv ist einfach, aber charakteristisch. Umrahmt vcn kahlen Dornenranken, dem ewigen Symbol des jüdischen Volkes, das seit langer, langer Zeit nichts mehr von Rosen weiss, sehen wir die Bilder von zehn hervorragenden Hebräern, die durch ihre Schriften ihr ganzes Leben lang für das Judentum gewirkt und gestrebt haben. Ernst und Milde, Würde und Weisheit liegt in ihren durchgeistigten Gesichtern. Als die schönsten und markantesten ragen unter den Köpfen hervor: der grosse Karlsruher Rabbiner Thias Weyl; Rappoport, der geistvolle Kritiker und einstige Rabbiner von Prag, und Spinoza. Die beiden Ex-libris sind in der bekannten Lilie nschen Art gezeichnet und haben bei der geschickten Verwendung von schwarz und weiss eine stark dekorative Wirkung. So wie in Frankreich neben dem Ausdruck Exlibris der Landessprache gemäss die Bezeichnung „marque de possession" aufkam, wie in England „bookplate", in Holland „boekmerken", so hat Lilien iür die hebräisch sprechenden Juden die Bezeichnung „Missiphre" eingeführt. Und es steht zu erwarten, dass sich daran ein weniger heftiger Streit knüpfen wird, als an die deutsche Bezeichnung für Ex libris, für das ich den Ausdruck „Büchermarke" vorschlagen möchte. Diese Bezeichnung ist vollkommen deutsch und bringt die Aufgabe des Ex-libris deutlich zum Ausdruck. Wir sind in der angenehmen Lage, unseren Lesern eine umfassende Arbeit über „jüdische Ex-Libris" inAussicht stellen zu können, die wir — einen Beitrag von berufenster Seite — voraussichtlich im Januar- oder Februar-Heft des nächsten Jahres veröffentlichen werden.

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