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Ost und West · 1901-11-01 · Heft 11 (November 1901) · p. Seite 821 - 822

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 11 (November 1901)
Article
Zwei neue Lilien'sche Ex-Libris
Date
1901-11-01
Page
Seite 821 - 822 (sequence 1)
Language
German
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821 822 ZWEI NEUE LILIEN'SCHE EX-LIBRIS. Von M. Hirschfelder. Es giebt eine Anzahl alter Kulturvölker, die das geschriebene Wort immer als ein Heiligtum betrachtet haben. In China existiert heutzutage noch ein Gesetz, das denjenigen, der ein mit chinesischen Schriftzeichen beschriebenes oder bedrucktes Blatt vernichtet, mit hoher Strafe belegt. In ähnlicher "Weise hat das Buch auch dem jüdischen Volke stets als unantastbares Heiligtum gegolten; im Osten nennt man uns darum das „Volk des Buches", womit natürlich das Buch der Bücher, die Bibel, gemeint ist. Wie weit jedoch diese ehrfurchtsvolle A chtung vor Büchern ging, beweisen uns heute noch einzelne Gebräuche, die sich erhalten haben. »In ganz frommen Gemeinden wird kein Papier, das hebräische Buchstaben trägt, verbrannt. Kleine Papierfetzen, herausgerissene Buchseiten, unbrauchbar gewordene Bücher — alles wird fein säuberlich gesammelt, in Kisten verpackt und nach Jerusalem geschickt, damit es dort in der alten Heimat der Väter begraben werde. Im grossen Grabe der Vergangenheit soll alles ruhen. Welch rührend schöne Sitte! Welche Summe von Poesie liegt in dieser Handlung! Wieviel ehrfürchtige Erinnerung! Wie viel schmerzliche Sehnsucht! In Russland und Galizien nennt jeder noch so kleine Ort, der eine Talmud-Thora-Schule besitzt, auch eine grosse hebräische Bibliothek sein eigen. Alles, was an Büchern und Schriften seinen Zweck erfüllt und seine Zeit abgedient hat, wird dahin gebracht und gesammelt; kein Wächter ist da, der diese Bibliothek bewacht; kein Sekretär, der sie nummeriert und in Stand hält. Jederzeit steht sie jedem Juden offen. Als einziger Wächter und Schmuck nur prangt im Räume ein grosses, weisses Papier, auf dem in hebräischen Lettern zu lesen ist, dass „mit Cherem (ein schwerer Bannfluch) belegt wird, wer ein Buch daraus stiehlt14. Zweifellos ist dies die primitivste und originellste Art eines Ex-iibris, ein Universal Ex-libris im vollsten Sinne des Wortes. Wieviel Naivität und E. M. Ex-Libris Dr. doch welche Grösse liegt in dieser einfachen Art! Aehnliche fromme Wünsche und Strafandrohungen gegen ungetreue Entleiher finden sich auch auf alten Ex-libris. Graf Leiningen hat sie mit dankenswertem Eifer gesammelt und giebt uns in seinem bekannten Werke köstliche Proben dieser naiven Rettungsversuche. Aus all dem ersehen wir, welch grosse Rolle die Bücher im Judentum stets gespielt haben und mit wie grossem Eifer der Jude auf die Wahrung seiner Büchersammlung bedacht war. Es ist deshalb eine nicht weiter auffallende, aber zweifellos neue und originelle Erscheinung, wenn der bekannte Berliner Ex-libris- Zeichner Lilien ein ausgesprochen hebräisches Exlibris schuf und dafür auch ein hebräisches Wort einführte. „Missiphre" nennt er es, was genau übersetzt „Aus der Bücherei* heisst. Lilien ist der Urheber dieser besonderen Art von Bibliothekzeichen; denn auf den beiden einzigen hebräischen Ex - libris, dem Pömerblatt von Albrecht Dürer und dem des Rabbi Adler in London von Emmanuel, die mir ausser den drei Lilienschen (die beiden hier abgebildeten und sein eigenes) bekannt sind, befinden sich nicht vorwiegend hebräische Schriftzeichen. Mit um so grösserem Interesse wird also der Sammler diese beiden Neuerscheinungen betrachten. Das erste der beiden hier abgebildeten Bibliothekzeichen gehört Dr. Emil Simonson, einem Schöneberger Ajrzte. Aus pechschwarzem Hintergrunde, der Nacht der Leiden und Mühseligkeiten, erhebt sich in blendend weisser Reinheit eine Frauengestalt. In ruhig ernster Haltung steht sie da, an einen Baum gelehnt, dessen vielverschlungene Wurzeln die tausend Irr- und Leidenspfade des Lebens bezeichnen. An seinen Zweigen sprossen junge blühende Rosen, von denen einzelne lebensmüde Blätter welk und gestorben zu Boden fallen und in die ewige Nacht versinken. Aber Lilien. E. Simonson.

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