Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 11 (November 1901)
- Article
- Eine völkerpsychologische Betrachtun des Judentums
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 815 - 816 (sequence 8)
- Language
- German
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815 Bernhard Münz: Eine völkerpsychologische Betrachtung des Judentums» 816 weist gleich auf den ersten Blättern dem Weibe die Stellung an, welche seiner psychischen Eigentümlichkeit und seiner Würde als Ebenbild Gottes entspricht; sie bezeichnet es als Männin, Ischoh, als Gehilfin, Beraterin und Ergänzung des Mannes, mit welchem es in liebevoller ehelicher .Gemeinschaft Lust und Leid des Lebens gemeinsam tragt und zu einem Wesen, zu einer moralischen Person verschmilzt, wohingegen die Apostel und die Kirchenväter die Ehe als ein notwendiges Uebel, als einen Notbehelf für die Befriedigung der Fleischeslust, als Abzugskanal für unreine Säfte betrachten und fortwährend auf die Löblichkeit und Seligkeit des Cölibats hinweisen. Und kann es eine erhabenere, weihevollere Heiligung der Ehe geben als das oben erwähnte feinsinnige Bild, Gott habe sich Israel angetraut, indem er sich ihm offenbarte? Die Frauen nehmen aber nicht nur in der Familie, sondern auch im öffentlichen Gottesdienste und unter dem Volke eine würdige, sogar ehrfurchtgebietende Stellung ein; liebliche Gestalten wetteifern mit heldenmütigen Naturen um die Ehrenkrone; Mirjam und Deborah bieten eine glänzende Gewähr dafür, dass dem schönen Geschlechte der Lorbeer der Poesie nicht versagt ist; es kann seine eigene Rechtssache führen und in wichtigen Angelegenheiten seine Meinung geltend machen; das jüdische Weib wird Richterin und leitet die öffentlichen Geschäfte; in ausserordentlichen Nöten tritt es als Prophetin auf mit lauter Rede, öffnet den Mund mit Weisheit und hat anmutige Lehre auf der Zunge. Seine geistige Sphäre ist vom jüdischen Stamme nie engherzig und mit männlicher Ueberhebung umschrieben und begrenzt worden. Die Priester ragten nicht unter der Menge hervor. Der Stamm Levi, dessen Elite sie waren,^ war nicht der erste unter den zwölf Stämmen, und die Sage weiss wenig von Levi, dem Sohne des Patriarchen Jakob, zu erzählen. Die Priester besorgten die Geschäfte des Gottesdienstes, übten aber auf das bürgerliche und politische Leben keinen Einfluss aus, zumal sie nicht als Vermittler zwischen Gott und Menschen, geschweige denn als Stellvertreter Gottes auf Erden betrachtet wurden. Bei der nach inneren Rücksichten vorgenommenen Verteilung Kanaans zwischen den Stämmen und Geschlechtern blieben sie von allem Grundbesitze ausgeschlossen. „Darum sollen sie", heisst es. im Deuteronomium (18, 2), rkein Erbe unter ihren Brüdern haben, dass der Herr ihr Erbe ist". Die Macht und ihr Missbrauch war sofort unterbunden, sobald die Priester des weltlichen Vermögens ein für allemal verlustig erklärt waren. Jeder Israelit brachte sein Opfer selbst dar oder konnte nach Belieben auf eigene Kosten für kürzere oder längere Zeit einen Priester herbeirufen und im Hause behalten. Eine organisierte Priesterschaft, ein geistlicher Stand bildete sich erst nach dem Tempelbau, als durch die Krone dem Gottesdienste ein offizieller Charakter aufgeprägt wurde. Gerade zu dieser Zeit traten aber, um das Gleichgewicht herzustellen, die Propheten auf. Sie erhoben sich mitten aus dem Volke^ um als Dolmetsche und Organe des lebendigen Gewissens der Gesamtheit die Volkesstimme zur Gottesstimme zu adeln. Sie waren die echten, berufenen Vollstrecker des heiligen Gebotes von der Bekehrung aller Juden zu einem heiligen Volke und einem Priesterreiche. Ihre Thätigkeit findet kein Seitenstück in der ganzen Weltgeschichte. Ohne ein öffentliches Amt zu bekleiden, nur dem Drange ihrer innereti Stimme gehorchend, waren sie Erzieher, Lehrer und Mahner des Volkes, dessen Heil ihre ganze Seele ausfüllte. Aus dieser ihrer inneren Mission hlraus schöpften sie den unvergleichlichen Mut, den Königen und den Priestern, den Hofleuten, den Reichen und den Vornehmen, aber' auch der grossen Masse des Volkes mit unbeugsamer Wahrhaftigkeit und rücksichtsloser Offenheit gegenüberzutreten. Aus des Volkes Bedürftigkeit in ihrer Zeit stammte ihr Wollen und Wirken; aber zeitlos war ihr Geist geartet, zeitlos war ihr tiefstes Wesen. Der Militarismus konnte schon deshalb ini Judentum nicht aufkommen, weil es den Krieg verabscheute und stets als ein schweres Unglück betrachtete. Nach den ersten Kriegen, die Israel hatte führen müssen, um sich ein Vaterland zu' erwerben, kämpfte es nur noch, wenn es herausgefordert und bedroht wurde und wenn es galt, seinen Glauben zu verteidigen. Das Gebot: „Du sollst nicht töten" wurde von ihm buchstäblich beobachtet. Es pflegte denjenigen einen Helden zu nennen, welcher die moralische Macht besitzt, den Sieg über seine Neigungen zu erringen und nicht nur pflichtgemäss, sondern auch aus Pflicht zu handeln. Das höchste Ideal seiner Propheten und sein tägliches Gebet wTar und ist noch heute, dass der Tag anbreche, an dem der Krieg von der Erde verschwinde, die Schwerler zu Sicheln, die Spiesse zu Winzermessern geschmiedet werden, die Gerechtigkeit über allen Völkern erglänze und das Reich Gottes hienieden verwirklicht werde. Auch der König hatte gebundene Marschroute, wie aus den im Deuteronomium an die Adresse des Staatsoberhauptes gerichteten Vorschriften erhellt. Nicht vor vollendetem Eroberungswerke, nicht mit kriegerischem Lorbeer geschmückt, sollte der erste jüdische Dynast den Thron besteigen. Die unter Gott und nur unter Gott in treuem Gehorsam gegen ihn geeinigte Nation sollte das Eroberungswerk vollbringen und das eingenommene Land unter Gottes leitender Anordnung verteilen. Daraus sollte der zukünftige jüdische Herrscher keinen Anspruch auf Macht herzuleiten vermögen. Erst wenn das ganze Land erobert und verteilt sein würde, sollte, wie der symbolische Einigungspunkt im Heiligtum, so ein konkreter Träger der nationalen Einheit in dem König erstehen. Ein Friedens fürst, soll er all sein Sinnen und Trachten darauf richten, .als erster gesetzestreuer Jude durch möglichst, vollendete Verwirklichung des Gottes'gesetzes im Innern seinen Unterthanen voranzuleuchten,' der hohen jüdischen Lebensaufgabe alle Geister und Herzen in Erkenntnis, Gesinnung, Wort und That zu gewinnen und allen sich derselben Entfremdenden mit der Macht seines Beispiels und seines Ansehens entgegenzutreten. Doch lassen wir die Bibel selbst sprechen: „Wenn du in das Land kommst, welches der Ewige, dein Gott dir giebt, und du hast es in Besitz genommen und wohnst darin, so wirst du sagen: ich möchte über mich einen König setzen wie alle Völker, die um mich 'sind. Dann sollst du über dich einen König setzen, den der Ewige, dein Gott erwählen wird. Aus der Mitte deiner Brüder sollst du über dich einen König setzen; du kannst über dich keinen fremden Mann "geben, der nicht dein Bruder ist. Jedoch darf er sich nicht viele Pferde anschaffen.....Er darf sich auch nicht viele Frauen nehmen, damit sein Herz nicht auf Abwege komme, und Silber und Gold darf er sich nicht übermässig sammeln. Vielmehr soll er, wenn er auf dem Thron seiner Herrschaft sitzt, sich das Gesetzbuch abschreiben lassen. . . . . Diese Abschrift sei bei ihm, in ihr lese er. so lange er lebt, damit er lerne, den Ewigen, seinen Gott, zu ehrfürchten.....Dass er sein Herz nicht über seine