Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1901)
- Article
- Stiftshütte, Tempel- und Synagogenbauten
- Date
- 1901-10-01
- Page
- Seite 733 - 734 (sequence 1)
- Language
- German
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733 734 STIFTSHUETTE, TEMPEL- UND SYNAGOGENBAUTEN. Von Professor Dr. D. Joseph. (Fortsetzung.) In der stilistischen Einzelausbildung vollends erscheint, wie schon angedeutet, der Tempelbau ganz abhängig vom Osten. Abgesehen von Abweichungen, die aus einer andersgearteten Auffassung des Grundplanes herrühren, kann ich mich im ganzen und grossen dem Wiederherstellungs versuche, der in der beiliegenden Zeichnung (Fig. 14) 23) zum Ausdruck gebracht worden ist, anschliessen. Stellen wir uns hiernach mit einiger Phantasie die Gesamtwirkung der gewaltigen Bau- .anläge geistig vor Augen, ss> ist nicht zu leugnen, dass sich der andächtige Beschauer einer solchen wuchtigen Architekturmasse in eine höhere, sozusagen göttliche Sphäre versetzt fühlen musste. Dazu kam das Fesselnde^ des Mysteriösen, das in. der geflissentlichen Fernhaltung des Volkes vom AUerheiligsten lag und das dadurch das gläubige Gemüt für sich gewann. Aus der Geschichte des Salomonischen Tempels mögen noch einige Daten hinzugefügt werden. Die Anlage selbst, die im Jahre 1015 begann, wurde im Jahre 1008 nach siebeneinhalb] ähriger Bauzeit vollendet. Unter feierlichem Gepränge nahm König Salomo die Einweihnng vor. Er leitete dieselbe, indem er die für ihn im Priester-Vorhofe hergerichtete Königstribüne •einnahm.24) Das prächtige Heiligtum, der Wohnsitz der göttlichen Majestät, wurde so zum geistigen Mittelpunkt des jüdischen Volkes, bis Jerobeam das Ansehen des Tempels zu schwächen versuchte, indem er in seinem Partikularstaate Israel besondere Heiligtümer in Bethel und Dan begründete. In den nun folgenden Jahrhunderten war der Tempel nicht selten der Schauplatz heidnischer Vielgötterei, und mehr noch wie von den Brandschatzungen fremder Eroberer hatte das wundervolle Gotteshaus von Greueln zu leiden, •die ihm gerade durch diejenigen zugefügt wurden, welche dazu auserlesen sein sollten, es zu schützen. Zwar unternahmen es mehrere Propheten, besonders Ezechiel und Josias, das Geschehene wieder gutzumachen —, umsonst, das Unheil 2S) Nach. Perrot et Chipiez, Le temple de Jerusalem, JP1. III. 2i) II. Par. 5; 6, 13; 7, 7; III. Reg. 8; IV. Reg. 11, 14. nahm seinen Verlauf, und unter der Brandfackel Nebukadnezars sank der Tempel, der vielgerühmte, in Trümmer und Asche; die Schätze wurden, ebenso wie der Ueberrest der Juden, nach Babylon geführt. Das göttliche Strafgericht hatte sich vollzogen. Im Jahre 586, also nach einerLebenszeitvonüber4Jahrhunderten, war das Zerstörungswerk am Tempel vollendet. Nur die alte Bundeslade mit anderen Ueberresten aus dem heiligen Zelt Mosis wurde durch Jeremias in einer Bergeshöhle verborgen gehalteA25) und entging so der Ausfuhr in fremdes Land. Aber auch sie ist verschwunden; nicht verschwunden jedoch ist die tiefergreifende und erschütternde Klage Jeremiae, und sie mehr wie jede detaillierte Beschreibung lässt uns ahnen, was damals verloren gegangen ist. Das unnennbare Weh klingt wieder in den Worten, die an tragischer Grösse unerreicht sind, in den Worten, die der Psalmist dem verbannten Volke in den Mund legt: An den Flüssen Babylons sassen wir und weinten, wenn wir Zions gedachten.26) Der Tempel Serubabels. Nachdem die Not das religiöse Bewusstsein der Juden in Babylon geläutert, wurden sie aus der Gefangenschaft erlöst. König Cyrus war es, der ihnen noch im Jahre 536 v. Chr. nicht nur die Rückkehr nach Palästina gestattete, sondern ihnen auch, ein seltener Akt der Grossmut, die vorhandenen Tempelgeräte herausgab und auch sonst Unterstützungen zuwies. Serubabel, ein Abkömmling König Davids und der Hohepriester Josua betrieben sodann bald darauf den Wiederaufbau des Tempels, der, oft durch die Eifersüchteleien und Anfeindungen der benachbarten Völker behindert, endlich im Jahre 515 vollendet war. Im wesentlichen war dieser zweite Tempel das Abbild des ersten Salomonischen Gotteshauses, selbst alle Maasse waren in gleicher Uebereinstimmung, so dass sich eine Beschreibung desselben erübrigt. Nur das Allerheiligste hatte nicht mehr die hohe Bedeutung wie ehedem, als noch 25) II. Macc. 2, 2—8. 26) Ps. 136.