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Ost und West · 1901-09-01 · Heft 9 (September 1901) · p. Seite 709 - 710

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 9 (September 1901)
Article
Revue der Presse.
Date
1901-09-01
Page
Seite 709 - 710 (sequence 1)
Language
German
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709 REVUE DER PRESSE. 710 Die „Welt" (Wien) kündigt die Einberufung des fünften Zionisten-Kongresses an. Derselbe soll in der Zeit vom 26.—29. Dezember in Basel abgehalten werden. — Wir kommen noch ausführlicher auf das Thema zurück. Ein Jude gegen die Juden. Unter diesem Titel bringen die antisemitischen Zeitungen ziemlich gleichlautend folgende Notiz: „Bekanntlich befand sich in der Deputation, die die Stadt London zu Lord Salisbury entsandte, um gegen die Einwanderung polnischer und rumänischer Juden zu protestieren, auch das jüdische Parlamentsmitglied Samuel. Darob wurde Mr. Samuel in den jüdischen Blättern ungemein heftig angegriffen. Er veröffentlicht nunmehr diesen Angriffen gegenüber eine Erklärung, in der er sagt: „Ich bin allerdings ein Jude, aber ich bin zugleich auch ein Engländer und muss als solcher die Interessen meiner Wähler vertreten. Mein Wahlbezirk ist Eastend- London. Dieser Teil der Hauptstadt leidet an Uebervölkerung, und einem weiteren Zuströmen von „Einwohnern" muss vorgebeugt werden. Dies liegt auch im Interesse der Juden, weil sonst deren Gegnerschaft schreckliche Ausdehnung annehmen könnte. Es handelt sich bei der Einwanderung der polnischen und rumänischen Juden um eine Frage der Uebervölkerung, und eine Fernhaltung der fremden Juden ist nötig, um nicht auch in England jene Abneigung gegen die Juden hervorzurufen, die wir in anderen Ländern wahrnehmen." Dass der Antisemitismus auch in den grossen unteren Schichten des englischen Volkes bereits durchdringt, wird schon seit längerer Zeit bemerkt; die englische Grossjudenschaft ist nun ängstlich bemüht, wenigstens das offene Hervortreten des Antisemitismus in England hintanzuhalten." „Vossische Zeitung": Während cfes Kaiseraufenthaltes in Salzburg hat sich ein peinlicher Zwischenfall ereignet, der viel besprochen wird. Zur Besichtigung der St. Andre-Pfarrkirche und des Elisabeth-Sühnaltars durch den Kaiser hatten sich die Vertreter zahlreicher Journale eingefunden und hinter dem Damenkomitee des Elisabethaltars aufgestellt. Plötzlich trat ein Priester an die Vertreter des Salzburger „Volksbl." und der Münchener „Allg. Zeitung" heran und forderte sie im Namen des Erzbischofs auf, ihre vom Landespräsidium ausgestellten Legitimationen vorzuweisen. Die Herren thaten dies, und der Priester ging zum Fürst-Erzbischof, um ihm anzuzeigen, dass alles in Ordnung sei. Trotzdem liess der Fürst-Erzbischof die beiden Journalisten durch den Geistlichen auffordern, die Kirche augenblicklich durch eine Seitenthür zu verlassen. Es ist wohl nicht nötig, zu sagen, dass die beiden Herren Juden waren. Die „Oesterreichische Wochenschrift" erzählt folgende amüsante Episode: Der Photograph B. J. aus Fogaros, welcher trotz seiner christlichen Glaubensangehörigkeit durch sein Exterieur einem Juden ähnlich zu sein scheint, reiste dieser Tage nach dem romantisch gelegenen Zernest, um dort photographische Aufnahmen für Ansichtskarten zu machen. Die weisen Insassen der Ortschaft vermuteten in diesem unheimlichen Fremden, der mit seinem schwarz bedeckten Apparate herumzog — einen Juden vor sich zu haben, welcher behufs Auffangung von christlichen Kindern erschienen sei, die zur Einweihung irgend einer Synagoge geopfert werden sollten. Der Pöbel hat deshalb den Photographen in solch unmenschlicher Art misshandelt, dass er kaum aus der Rotte davonkam um nach Fogaras zurückzukehren ist. Kraftlos schleppte er sich bis zur Wohnung des jüdischen Arztes Dr. L., den er bat, ihm ein Visum repertum auszustellen. Der Arzt stellte ihm das gewünschte Dokument aus und er frug um die Taxe. „Vier Kronen," war die Antwort. „Das ist viel," erwiderte hierauf der Photograph, „da ich doch eigentlich für Ihre Glaubensgenossen leiden musste." „O nein," antwortete der Arzt, „Sie fielen der Dummheit der Ihrigen zum Opfer." Vom alten Prager Judenfriedhof. Die „Bohemia" schreibt: Der langjährige Kampf um die möglichst unveränderte Erhaltung des alten jüdischen Friedhofes — ein Kampf, den die israelitische Beerdigungs- Brüderschaft gegen die Prager Stadtgemeinde, beziehungsweise gegen die seither von allen Instanzen genehmigte Regulierurjgslinie führte, ist gestern endgültig zu Ungunsten der unveränderten Erhaltung des Friedhofes entschieden worden. Das Stadtverordneten-Kollegium beschloss mit allen gegen sieben Stimmen, dem Friedhofe rund 2000 Quadratmeter der Assanierung zuliebe wegzunehmen. Der Stadtrat hatte wiederholt diesen Bescliluss gefasst und die schweren Opfer, zu denen sich die Beerdigungs-Brüderschaft entschlossen hatte, waren vergeblich angeboten. Sie bot die Abtretung einer Fläche von 450 Quadratmetern, die Zahlung einer Summe von 60 000 Kr. und die Tragung aller mit der Aenderung des Lagerplanes verbundenen Kosten an, sie legte mehrere Pläne vor, wie die Regulierungslinie ohne Beeinträchtigung des Gesamtplanes abgeändert werden könnte. Nichts nutzten die Eingaben, die alle tschechischen Künstler- und Schriftsteller-Vereinigungen Prags an die Kommune richteten, um den alten jüdischen Friedhof, eine der grössten Sehenswürdigkeiten der Landeshauptstadt, intakt zu erhalten.

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