Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 9 (September 1901)
- Article
- Vier Testamente
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 701 - 702 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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701 J. L. Perez: Vier Testamente. 702 wenden und der Gemeinde den für die Aufsicht und Erhaltung meines Grabsteins nötigen Betrag auszahlen. Den Grabstein soll der Bildhauer Wojeiechowski nach den von mir hinterlassenen Vorschriften ausführen. Ferner bitte ich meinen Sohn, eine grössere Summe Geldes den Lehrern und Schülern der „Talmud Thora", welche an meiner Totenfeier teilnehmen werden, auszuhändigen. Er soll auch einen „Dajan" oder einen „Lamdan" bestellen, um nach mir „Kaddisch" zu sagen. Die Geschäftsfirma soll lauten: Moritz Bendetsohn Nachfolger. Was mein sonstiges Vermögen und Verpflichtungen betrifft, so . . ." (Wir lassen die nun folgende Reihe von Ziffern und Namen aus.) IV. Ich, der Nachfolger von Moritz Bendetsohn, schliesse meine Rechnung mit dem Leben weder freudig noch wehmütig ab. Ich thue es vielmehr in tiefster Verachtung seiner Zweck- und Ziellosigkeit. Aristoteles war ein grosser Weiser, — er hat's gesagt: Die Natur duldet keine Leere. Unsere ganze Welt ist ein schauderhafter Mechanismus, wo jede kleinste Schraube ihre feste Bestimmung, ihre von vornherein bezeichnete Aufgabe zu erfüllen hat. Wird sie untauglich oder hat sie ihre Bestimmung vorzeitig ausgeführt, so muss sie, als ein überflüssiges Ding, beseitigt werden oder, besser gesagt, sie muss ins Nichts wieder zurückkehren. Ich kann nicht länger leben, denn ich erfasse den Lebensinhalt nicht mehr; ich habe alle That- und Lebenskraft verloren. Ich habe in kurzei\,Zeit alles durchlebt, — alles, alles genossen. Es war für mich zu viel des Guten. Was ich auch alles studiert habe, eine Kenntnis konnten mir meine Professoren nicht beibringen; die Kunst zu leben, ohne das Leben zu vergeuden, d. h. auf eine gesunde, naturgemässe Art zu leben. Ich liebe nichts, und es giebt nichts auf Erden, was im stände wäre, mich ans Leben zu fesseln, weil ich schön alles gesehen, alles durchkostet habe. Ich habe viele Frauen geküsst, und doch war mir keine besonders teuer. Die grosse Erbschaft, die mir zuteil wurde, vergrösserte sich fortwährend, ohne die geringste Mitwirkung meinerseits; auch ist das viele Geld mir ganz gleichgültig. Meine Seele lechzte nach dem Empfinden eines unbefriedigten Bedürfnisses, sie wollte sich selber fühlen. Da hiessen mich die Aerzte auf Reisen gehen, Zerstreuungen suchen, Sport treiben. Mir wurden immer die Surrogate des Lebens und der Arbeit zu teil, ohne dass ich je weder das wahre Leben, noch die echte Arbeit gekannt hätte. Ich . besuchte viele Weltgegenden und fühlte mich zu keiner hingezogen; ich verständigte mich in vielen Sprachen und keine ward mir einverleibt. Ich wechselte Wohnort und Gesellschaftskreis, wie man etwa Gummischuhe wechselt. Die ganze Welt stand zu meinen Diensten, und doch behielt ich von ihr keinen Flecken, bis sie mir am Ende nun ganz zur öden Wüste geworden ist. Alles, alles erhielt ich für Geld: sowohl das wohlwollende Lächeln des Freundes, als die Küsse des Weibes; alles, sogar den ,,Kaddisch" für meinen seligen Vater. Mein Tod hat nichts Rätselhaftes: ieh;\0fa[ einfach ausgelebt; verödet, sowohl physich.- als \ moralisch; und habe nichts Gesundes, Lgbefidiges mehr in mir. Ich habe überhaupt schön aufgehört, zu den Lebendigen zu zählen.^ Der Kelch der Genüsse ist bis zur Neige, geleert; zu etwas anderem tauge" ich nicht. - Die Natur verhielt sich mir gegenüber, wie der Bauer 'gegen sein Vieh: sie hat mich nämlich reichlich gefüttert. Jetzt aber ist si<s gegen mich grausamer als jener; denn Während4 der O J _ ' f -jtir.'y - r I r..;. ■. •'. Bauer dem Leben des gemästeten^'Bieres, f mit eigener Hand ein Ende macht,. l^ejiU "Sli^y^tur mir — es selber zu thun! ■ , - , Ich schreibe kein Testament, denn ich möchte über das Vermögen, welches mir so viel Unheil verursacht hat, keine Verfügungen treffen. Mö'ge man damit machen, was man-wolle; man vernichte und zerstöre es! . ... Und . . . Giebt es jemanden auf Erden, dem ich in meiner letzten Stunde zu Dank Verpflichtet wäre?!? ... V Nein . . . ich habe ja für "alles bezahlt, für alles, sogar für dieses Glas Gift . . .