Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 9 (September 1901)
- Article
- Vier Testamente
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 699 - 700 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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699 J. L. Perez: Vier Testamente. 700 mir vor: Während des Gebetes schlief ich ein und hatte ungewöhnliche Visionen. Da fiel das Buch mir aus den Händen, und ich erwachte ... Was in Wirklichkeit hienieden mein war, das wird mir ja nach 120 Jahren folgen; und dann werden wir alle zu einer ewiglebendigen Kette vereinigt werden. Dasjenige aber, was mir ins Jenseits nicht nachkommen wird, dies hat mir auch nie angehört. Ich erachte mich nicht für berechtigt, über das mir vom Allerhöchsten geschenkte Vermögen ganz nach meinem Ermessen .zu verfügen; hoffe aber, dass meine Erben auch nach meinem Tode in Frieden, Eintracht und Gerechtigkeit zusammenleben werden. Sollte es jedoch infolge irgend welcher ernsten Motive zur Teilung meines Nachlasses unter die Kinder kommen, so hoffe ich, dass es auf eine rechtmässige, redliche Art geschehen wird. Ich bitte meine Angehörigen, zwei Zehntel meines Vermögens — und zwar den Teil baren Geldes, welcher durch den gleich nach meinem Tode erfolgten Verkauf der Mobilien und Immobilien, der Schuldscheine und persönlichen Verpflichtungen eingeflossen sein wird—lolgendermassen zu verwenden: ein Zehntel gebe man zu wohlthätigen Zwecken für meine Seelenruhe hin. Das zweite Zehntel soll man denselben Zwecken widmen, für welche immer ein Zehntel meines Einkommens bestimmt war, nämlich: der Unterstützung der Armen. Ferner soll man dem ersten, wie dem zweiten Zehntel 3% hinzufügen für den Fall eines Versehens in der Rechnung. Beide Zehntel sollen meine Hinterbliebenen den Armen unserer Ortschaft spenden, und zwar nur solchen, die nicht in unseren Verwandtehkreis gehören; denn man darf von seiner eigenen Wohlthätigkeit keinen Nutzen ziehen; und unsere Verwandten gehören ja mit zu uns. Letzteren, bitte ich die weitgehendste Hilfe zuteil werden zu lassen. Auf meinen Grabstein sollen nur mein Name, der meines Vaters und mein Sterbefag kommen. Jetzt will ich an meine Söhne und Schwiegersöhne die inständige Bitte richten: Gebet euch nicht zuviel den irdischen Genüssen hin, trachtet nicht stets nach grossen Handelsunternehmungen; denn in demselben Maasse, wie der „Kaufmann" in uns zunimmt, nimmt der „Jude" in uns ab. Verlasset euren Geburtsort nicht und lasset euch von der Gewinnsucht nicht in fremde Länder verlocken. Der Allmächtige vermag überall seinen .Segen zu verleihen. Ganz besonders möchte ich dies meinem teuren Sohne Jechiel ans Herz legen, da ich in ihm das Streben nach Geld bemerkt habe. Ferner bitteich meineHinterlassenen dringend, jedes Jahr vor ,,Rosch Haschanah," so wie ich es zu thun pflegte, ein Zehntel des Einkommens den Armen zu spenden und verschiedene Geschenke unter unsere notleidenden Verwandten zu verteilen. Und wenn unsere Geschäfte einmal keinen Ertrag zeitigen, und selbst wenn sie auch — was Gott behüte — Verlust erleiden, so sollen meine Erben dessen ungeachtet doch Wohlthat üben; denn wir müssen die uns zustossenden Unannehmlichkeiten als eine vom Allvater gekommene Versuchung hinnehmen, und in Gott ist unser Heil. Meine grösste Bitte jedoch besteht darin dass meine Söhne täglich mindestens ein Blatt „Gemara" und ein halbes Blatt „Reschith Chachmah" lernen und wenigstens einmal jährlich zum „Zaddik" fahren sollen. Die weiblichen Personen in meinem Hause sollen an Sonnabenden und Feiertagen „Kaw- Hajaschar" und „Zeeno Ureno" im Jargon lesen. Ferner sollen meine Söhne an jeder „Jahrzeit" den ganzen Tag dem Studium der heiligen „Thora" widmen,, und die Frauen sollen Gutes thun und Almosen spenden. Alles jedoch im Geheimen und ohne Aufsehen.'4 1; :" ::. in. Als Moritz Bendetsohn —- der Sohn des Rebb Benjamin — gestorben war, fand man folgende Zeilen, in der Landessprache abgefasst/vor: „Man ■ depeschiere meinem Sohne nach Paris, dass er zu meinem Begräbnis kommen soll. Einen Teil meines Vermögens, etwa 10000Rbl., stelle ich als Fonds der jüdischen Gemeinde zur Verfügung, wovon ein gewisser Prozentsatz zu jeder ,,Jahrzeit" unter Arme verteilt werden soll; die übrigen Zinsen sollen folgendermassen vergeben" "werdeil: zunächst an meine Verwandten, dann an die Verwandten meiner seligen Frau, ferner an verarmte Kaüfleute, und endlich an die vom Aeltesten der Familie Empföhlehen. Für 10 000 R. errichte man im Hospital ein Krankenbett auf meinen Namen. Bei meinem Begräbnisse soll mein Sohn grössere Summen der Armenunterstützung zu-