Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1903
- Date
- 1903-01-01
- Page
- – (sequence 204)
- Language
- German
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14 dendes, ein durch und durch demokratisches Pflichtensystem ist, so sind auch die Würden, die es austeilt, jedem einzelnen Volksgenossen zugedacht. Der Vertreter Gottes auf Erden gab und giebt es unzählig viele: jeder Vater, jede Mutter sind irdische Abbilder der göttlichen Vorsehung, verehrungswürdig und Verehrung heischend ein jeder in seinem häuslichen Kreise. Die auf die Eltern Verehrung sich beziehenden Vorschriften, die doch schliesslich in wahrhaft befriedigender Weise nur mit dem Gemüte erfüllt werden können, haben sich sogar einer Paragraphierung in den jüdischen Gesetzeskodices -7) fügen müssen. Die stattliche Reihe von Paragraphen, die über diesen Gegenstand existieren, ist wohl geeignet, in dem heranwachsenden Geschlechte eine hohe Herzenskultur auszubilden. Die Eltern zu lieben, heisst es, das bedarf keiner Vorschrift in einem Gesetze, welches ja die allgemeine Menschenliebe mit den Worten befiehlt: „Liebe28) Deinen Nächsten wie dich selbst, ich bin Gott!" Wird doch dieses Gebot schliesslich sogar auf den Fremden, der sich in dem heiligen Lande niedergelassen hat, ausgedehnt: „Du29) sollst ihn (den Fremden) lieben wie dich selbst, denn Fremdlinge wäret ihr selbst im Lande Ägypten, Ich bin Gott, Euer Gott!" Diese allgemeine Menschenliebe brauchte also für die Eltern nicht noch besonders zur Pflicht gemacht zu werden. Was man ihnen auch an Wohltaten erweist, kann ja immer nur als das Abtragen einer unverjährbaren Dankesschuld angesehen werden. Du musst, heisst es vielmehr, ihnen eine tiefe und leidenschaftliche Liebe weihen, die der nahe kommt, mit der deine Eltern dich in deiner Hilflosigkeit geliebt haben. Schwere Verantwortung lädt der auf sich, dem die Sorge für die Eltern eine Last deucht, — auch wenn er sich dieser Last nicht entzieht. Wer seinen Eltern beisteht und sie wohl äusserlich ehrt, ihnen aber nicht auch im Herzen wirkliche Verehrung zollt, auf den wird das grollende Wort des Jesajah von den gedankenlosen Gottes Verehrern angewendet: „Darum,30) weil dieses Volk sich nähert mit seinem Munde und mit seinen Lippen mich ehrt, sein Herz aber von mir fern 27) S. Anmerkung 25. 28) Pentateuch III Cap. 19, V. 18. 29) ib. Cap. 19, V. 34. 30) Jesajah Cap. XXIX, 13, V. 14. VI