Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1901
- Date
- 1901-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2580773-2580828--1248-2582085- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Direktor Dr. Mendel Hirsch. Gedächtnisrede bei der Trauerfeier in der Aula der Realschule am 8. Mai 1900» gehalten von Oberlehrer Adolf Weyl. Hochgeehrte Leidtragende, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schüler und Schülerinnen! Am Vorabend zum Neumonde des Nissan war es, am Vorabend zum Frühlingsmonat, als wir au der Bahre des Mannes standen, zu dessen Gedächtnis wir uns heute hier in ernster und wehmutsvoller Stimmung versammelt haben, „Morgen wird Neumond sein," sprach Jonathan zu David, „und da wirst Du vermisst werden, denn Dein Platz wird unbesetzt sein.'*1) Und als wir uns am anderen Morgen wieder in diesen Räumen versammelten, da war diese Stätte verwaist geworden. Als der Neumond des Nissan gekommen war, da war er nicht mehr in unserer Mitte, da war selbst sein sterbliches Teil nicht mehr unter uns, und „am Neumond wurde er vermisst, denn sein Platz blieb leer." Damals, an jenem Tage, da wir den Staubgeborenen und Staubgewordenen zum Staube legten, sind gar herrliche Keden zum Nachruhme des Entschlafenen vernommen worden. Die Vertreter verschiedener idealer Bestrebungen sind zu Worte gekommen, und sie alle stimmten dem Toten tief ergreifende, wehmutsvolle Klagelieder an, Lieder des Preises, die von Anerkennung und Dankbarkeit, von Ehrerbietung und Liebe überströmten, und die alle durchzittert waren von der schmerzlichen Empfindung des grossen Verlustes, den unser religiöses Gemeinwesen und seine wichtigste Veranstaltung, unsere Schulen, erlitten haben. Unsere Schule selbst aber, die Stätte seiner fünfundvierzigjährigen Wirksamkeit als Lehrer und Leiter, musste es sich damals versagen, eine eigene Trauerfeier zu veranstalten, weil mittlerweile der Monat Nissan angebrochen war, der Monat, an dessen Wiederkehr sich alljährlich unsere erhebendsten und beglückendsten Erinnerungen knüpfen. Denn in diesem Monate sind vor viertehalbtausend Jahren unsere Väter aus dem Joche der ägyptischen Knechtschaft befreit worden und hinausgeführt worden aus der Hörigkeit in die Freiheit, aus der Nacht der Sklaverei zu dem sonnenbeschienenen Tage der nationalen Selbstbestimmung, und unsere Häuser hallen auch heute noch in dieser Zeit wider von Freudenj) Sam. I. cap. 20.