Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 8-9 (August 1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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«rein «ntrot Monatsausgabe /lugust/September 1^32 Blätter für veutfektum und jiifentitw drya« öes tentralVerrius öeutfeke EtaatsdüryerMöifeken ölaubens o.V. smsins 2situnH ciss Judsntums Werde^Wese^Wert des Talmuds Von Dr. Felix Goldmann (Leipzig) Die Monatsausgabe, die wir heute unseren Lesern vorlegen, beschliesst die Reihe der Sondernummern, durch die wir einen geschlossenen Ueberblick über die verschiedensten Gebiete geben wollten, von denen her Angriffe, Missverstehen und Feindschaft zwischen Judentum und Umwelt entspringen. Nachdem wir in der Januar/März- Nummer die seelische, kulturelle, geschichtliche und politische Verknüpfung der deutschen Juden mit ihrer deutschen Heimat dargestellt hatten, war die April-Nummer gegen das Unheil des Schlagwortes gerichtet. Heute widmen wir die Ausgabe dem Talmudproblem, über das so viel und vielerlei geschrieben, geredet, behauptet, von dem aber so wenig gewusst wird. Dieses Wissen zu vermitteln, ist Wunsch und Zweck unserer Sondernummer. Des Talmuds Werden Kein Geheimbuch — ein Reditsbudi In der Geistesgeschichte der Menschheit ist dem Talmud ein seltsames Schicksal beschieden gewesen. Es gibt .ganz gewiß kein BvK, über das 'mehr geschrieben worden ist. Kluges imb Törichtes, Liebevolles und Haßerfülltes in buntem Wechsel! Aber es ist auch kein Werk zu finden, von welchem man weniger tatsächliche Kenntnisse hatte. Ein Geheimbuch, so sagt der Judenfeind, sei der Talmud, und ohne Ueberlegung spricht selbst mancher Jude von heute das Urteil nach. Für jeden aber, der die Anschauungsweise und die Sprache des Talmuds fleißig studiert hat, sei er Jude oder Christ, ist es ein leichtes, in seine Tiefen zu dringen. Wer allerdings die grausigen „Geheimnisse" zu finden hofft, von denen die judenfeindliche Welt fabelt, der sei von vornherein vor jedem Versuche gewarnt. Er wird viel Zeit und Mühe ausivenden und am Ende sehr enttäuscht sein! Die Unwissenheit über den Talmud ist heute in jüdischen Kreisen nicht minder groß als in christlichen. Dem Kenner der jüdischen Verhältnisse entlockt es ein Lächeln, wenn er von Antisemiten die Meinung vertreten findet, daß die uwdernen Juden ihre Lebensführung nach talmudischen Anschauungen und Vorschriften einrichten. Aber es ist ein bitteres Lächeln des Bedauerns und der Scham, daß unsere Glaubensgenossen von diesem nach der Bibel größten und wichtigsten Erzeugnisse jüdischen Geistes nicht nur nichts wissen, sondern ihm oft sogar, beeinflußt von der judenfeindlichen Agitation der Welt, mit Mißtrauen oder Verachtung begegnen. Diese Ausführungen wollen dem Leser nur wenige historische Daten übermitteln, nur wenige Namen und Zahlen anführen. Die geschichtlichen Tatsachen über den Talmud finden sich genauer in manchem trefflich geschriebenen und allgemein verständlichen Buche Zusammengestellt, wo sie jedermann leicht zugänglich sind. Nicht die historischen, sondern die p s y ch o l o g i s ch e n und entwickluttgsgeschichtlichen Voraussetzungen und Faktoren sollen kurz dargestellt werden, weil sie allein imstande sind, V e r st ü n d n i s für das Entstehen und Werden des Talmuds zu lehren, das mindestens ebenso wichtig ist wie die Kenntnis geschichtlicher Einzelpunkte. Es soll versucht werden, aus der Geistesanlage, dem Charakter, den religiösen Vorstellungen und dem Schicksal der Judenheit kurz darzustellen, tute der Talmud entstand und welche Richtung seine Entwicklung mit Naturnotwendigkeit einschlagen mußte. Bei der Beurteilung des Talmuds muß man stets im Auge behalten, daß er im wesentlichen ein R e ch t s b u ch ist. Nun unterscheidet sich der Begriff des Rechts bei den alten Inden sehrstark von den uwdernen Anschauungen. Er ist viel umfassender, viel enger verbunden mit den: Begriffe der Moral, als es heute der Fall ist. Diese umfassende Weite tritt besonders im Stoff zutage, der in den Nechtsbüchern des Judentums seine Behandlung in juristischer Form gefunden hat. Die alte jüdische Weltanschauung ging von den: erhabenen Grundgedanken aus, daß alles Recht göttlich" s e i. Vornehmlich wurde zwischen dem R e ch t s g r u n d s a tz selber und der praktischen A n w e n d u n g s f o r m , die es für die Bedürfnisse des Tages annahm, kein Unterschied gemacht. Nicht nur der kategorische Grundsatz: „Du sollst nicht stehlen" war göttlich, auch die Strafandrohung, daß der Dieb doppelten Ersatz für den gestohlenen Gegenstand leisten müsse, trug als Ausfluß göttlichen Rechts denselben Charakter. Wenn so für die alten Juden alles Recht göttlich lvar, lag es nahe, den Satz umzukehren, und das lvurde für bett Stoff des Talmuds von der diese Umkehrung besagte, daß — mit Ausnahme des rein E t h i s ch e n — alles, w a s durch göttliche Gebote behandelt oder berührt wurde, den Behändl u n g s w e i s e n und E n t s ch e i dungsformen zu unterwerfen fei, die das Recht a u s g e b i l d e t hatte. So wuchs das Gebiet des Rechts ins Ungeheure! Es gehörten dazu nicht nur wie bei uns Zivilrecht (im weitesten Umfange, mit Familien-, Ehe- und Erbrecht), Straf- und Staatsrecht, sondern es umfaßte alle Vorschriften über den Ackerbau, das A r - m e n r e ch t, die Feiertage, die Opfer, die rituelle Reinheit und vieles andere mehr; ja die Bräuche, die das Alltagsleben beherrschten, wie Vorschriften über das Händelvas ch e n . das Material der Kleidung u. a. m., waren darin eingeschlossen, solveit sie eben auf göttliche Gesetze zurückgmgen. Letztlich liegt hierin eine charakteristische Eigentümlichkeit der jüdischen Religion. Das Gesetz l i ch k e i t s P r i n z i p ist der Ausdruck seiner Idee der V e r w i r k l i ch u n g! Daß alle Lehren der Religion in Gesetze hineingegossen lverden, sichert ihre Durchführung im Leben, hindert, daß sie bloße Theorie bleiben. Oer Inhalt: I. Des Talmuds Werden: dabei u. a.: Die Entwicklung des Rechts. Die Mischnah. Die Auslegung. II. Des Talmuds Wesen und Inhalt: dabei u. a.: Leben und Lehre. Der soziale Gedanke. III. Des Talmuds Wert: dabei u.a.: Angriffe und ihre Wider« legung. 377392060490774441212