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Central-Verein-Zeitung · 1932-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1932) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1932
Issue
Heft 1-3 (Januar 1932)
Date
1932-01-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Monatsausgabe Januar/März 1-32 litifrol mSrein *4%»' 01öl% fürHeutfelitum und ]iiw«l»m, 'tzryan^es fentral-Vmi»sj6eutfcheEF vtaatsdüryerMSifeken ölaubens ev. Allgemeine 2eifun$ desDudenfums Die Vaterlandsliebe ist eine der schönsten Blüten der Bildung, sowie auch ihre kräftigste Wurzel. Sie keimt und blüht nur in einem Gemüte,' das der unselbstischen Eingebung fähig ist. Die Vaterlandsliebe ist nicht das Gefühl der Dankbarkeit für Schutz und Entfaltung der Kräfte oder der Eifer für die jetzt bestehenden Einrichtungen; Männer, deren Ueberzeugungen den bestehenden Einrichtungen schnurstracks zuwiderlaufen, hängen vielfach an ihrem Vaterlands mit einer Innigkeit, die durch nichts erschüttert werden kann. Man kann die Vaterlandsliebe aus diesem oder jenem Grunde erklären, aber es ist wie bei jeder Auseinandersetzung der Liebe: immer bleibt etwas Unerklärbares, ein geheimer Zug unserer Natur, der mit gebieterischer Macht waltet und von dem der verstand keine Rechenschaft zu geben vermag; man mag dies gewissermaßen das vaterländische Gewissen nennen. Die Liebe zu der Sprache, die die erste EjüIIe unserer Gedanken darstellt, welche — wunderbar und doch so natürlich — mit den Gedanken wächst und sich ausbreitet und so die unzertrennliche Form unserer Seele wird; die Liebe zu dem Boden, auf dem wir zum Leben erwachen, der durch die Gebeine unserer Vorfahren, die darin schlummern, geheiligt ist und uns daran festhält; die Taten der Vorzeit, die uns überall mit lauter Stimme in die Seele sprechen, unverzagt und unverdrossen das Werk fortzuführen und so den Nachkommen in die Hände zu arbeiten, wie es die Vorfahren uns getan: alles das sind einzelne Punkte der Vaterlandsliebe, aber in ihrem innersten Wesen schlummert eine unerklärbare und nichtsdestoweniger ewige JftCtft ♦ ♦ 5 Aus Bert hold Auerbachs ,,Lebensweisheit Der deutsche Raum als jüdisches Schicksal Es ist schrecklich, von seinem Vaterlande mit Hatz behandelt zu werden; aber es wäre tausendmal schrecklicher, sein Vaterland zu hassen. Gabriel Nietzer. Ebenso groß wie die äußere Gefahr, die der Judenhaß für den jüdischen Deutschen herausbeschworen hat, ist die innere: die Bedrohung seines seelischen Standortes. Nicht etwa eine vereinzelte Gruppe verhetzter Menschen, sondern eine mächtige, politisch organisierte Massenbewegung gibt ihm tagtäglich in gehässiger und ehrverletzender Weise zu verstehen, er sei der ausgemachte Schädling der deutschen Nation. Verheerend sind die Folgen solchen Tuns. Sogar der Gutmeinende, freundlich Gesinnte erlahmt allmählich in seinem sittlichen Widerstand gegen die allseits niederprasselnden Verleumdungen; kopfschüttelnd meint er, es müsse doHwohl an der Sache irgend etwas dran sein. UM der jüdische Deutsche selbst? Mit Unmut stellen wir fest, daß auch er häufig — namentlich der deutsch-jüdische Jugendliche — der Massensuggestion erliegt und sich daran gewöhnt, aus den Händen seiner unerbittlichen Gegner seine Wesensbestimmung zu empfangen. Dagegen erheben wir unsere warnende Stimme und machen darauf aufmerksam, daß das G e s e tz unseres Daseins nur durch uns selbst — durch unser deutschjüdisches Lebensgesühl — gegeben und vertreten wird. Dieses Lebensgefühl wird aus einer unversieglichen Quelle gespeist: aus dem Vätererbe der deutsch-jüdischen Ueberlieferung. Nur ein Mittel taugt, um jene Quelle quicklebendig und sprudelnd zu erhalten: Geschichtliche Besinnung, geschichtliche Nückerinnerung an die Ursprünge und Grundstoffe unseres Werdens. Die moderne Geschichtswissenschaft steht im Zeichen der Geopolitik. Was bedeutet dieser Weg der wissenschaftlichen Erkenntnis? Er geht von der grundlegenden Annahme aus, daß der Lebeusraum eines Volkes von seinen geographischen Verhältnissen abhängig ist. Die geographischen Bedingungen des Bodens sind die Formkraft, die dem Schicksal der einzelnen Völker das Gepräge gibt. Indem nun der jüdische Deutsche seit den Uranfängen der deutschen Geschichte mit dein deutschen Boden verwachsen ist, wurde er in gleicheul Maße wie der christliche Deutsche in das Auf und Ab, in die wechselvollen Schicksale der deutschen Landschaft hineinverflochten. Die Geschichte der Juden in Deutschland — bisher uuge>chrieben, und angesichts der gegenwärtigen Zeitumstünde ein in weite Ferne gerücktes Ziel — ist cm die besonderen Bedingungen des deutschen geographischen Lebensraumes geknüpft. Es würde eines gewichtigen Buches bedürfen, um diese Behauptung an Hand der zerstreuten und noch keineswegs genügend gesichteten Geschichtsquellen im einzelnen zu beweisen. Wir müssen uns an dieser Stelle begnügen, die geopolitische Problemverbundenheit des jüdischen Deutschen mit der deutschen Geschichte mit wenigen Strichen anzudeuten. Zunächst das Mittelalter, das trotz aller ehrlichen oder erheuchelten Bemühungen die dunkle Ge'schichtszeit des neuen Europa bleiben wird; wie herrliche Zeugen eines unverstandenen und unverständlich gewordenen Zeitalters recken die gotischen Dome ihre Masse gen Himmel. Denn nur rührend begeisterte Romantik kann darüber hinwegtäuschen, daß wir den Schlüssel zum Mittelalter verloren haben, seitdem mit Beginn der Neuzeit an die Stelle des mittelalterlichen Grundgedankens, der allbeherrschten religiösen Idee, die alles beherrschende Idee der Wirtschaft getreten ist. Darum sind wir überzeugt, daß wir ebensowenig wie zum Mittelalter den Zugang zu der Lebenswelt des jüdischen Deutschen int Mittelalter finden können. Allenfalls wenn wir uns heute die gewaltige Stoßkraft der kommunistischen und neunationalistischen Idee, die beide überpersönlich und außerwirtschaftlich, dafür aber „romantisch-rückständig" sind, vergegenwärtigen, dann können wir vielleicht den Druck des religiösen mittelalterlichen Fanatismus, der das Dasein unserer Altvordern furchte, nachempfinden. Wunderbar a-ber bleibt es, wie innig der jüdische Deutsche des Mittelalters in dein Naumerlebnis des deutschen mittelalterlichen Menschen verhaftet ist. Wo finden wir die ersten deutlich nachweisbaren jüdischen Niederlassungen auf deutschem Boden? Bezeichnenderweise in der sagenumklungenen Nh ein ebene, dem ersten großen Konzentrationsbecken der deutschen Frühgeschichte, dem Tummelplatz naiver Völkerjugend. Welches war die erste Wirtschaftsform der deutschen Frühzeit? Der Land bau; folglich begegnen wir dem Juden der fränkischen und auch noch der sächsisch-salischen Zeit als dem Besiedler der Ackerscholle. Erst als mit den Kreuzzügen der deutsche Binnenhandel sich zum europäischen und zum Levantehandel erweiterte, ging der Jude zu jener zweiten Wirtschaftsform über.

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