Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1931)
- Date
- 1931-07-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Monarsausgabe JuliDugustl-SI [intrat lirein Blätter für Oetitffh!t»m unv Di-eulum 'Hryan öes tentralVeremsöeulfeKer^ lstaaksdüryei'jüöifetten ölaubeus ev. All^smeins 2situnH clss JuUsntums Verden sie auf ihn hörenl Ein ernster Kritiker an die NSDstp. 1831-i«31 Vor hundert Jahren befanden sich die jüdischen Deutschen in einer recht kritischen Lage. Im Anfang des Jahrhunderts hatte Preußen ihnen die Gleichberechtigung verliehen. Andere deutsche Länder machten allmählich Miene, jenem Beispiel zu folgen. Da setzte . die judenfeindliche Reaktion, die ihre geistigen Waffen auS dein Arsenal der politischen Romantik bezog, ebenso heftig ein wie heute der Terror des Nationalsozialismus. Die Juden, so verkündeten die Lautsprecher der damaligen „nationalen Opposition", seien nicht nur nicht Deutsche, sondern Schmarotzer am deutschen Volkskörper, die deshalb unter besondere Staatsaussicht — unter das Kuratel einer Ausnahmegesetzgebung, eines „Frenidenrcchts" — gestellt werden müßten. Mit denselben Mitteln wie heute stachelten sie die niedrige Leidenschaft der Menge auf, bis ihre Wühlarbeit sogar in tätlichen Verfolgungen blutige Früchte trug. Im jüdischen Lager herrschten Trauer und Verwirrung. „Da", so berichtet Heinrich von Treitschke, „hatte das deutsche Judentum einen tapferen, beredten Vorkämpser gefunden an dem hamburgischen Juristen Gabriel Ri eher, ernem edlen, vaterländisch gesinnten Manne, dem seine Freunde nachrühmten, in ihm sei das Recht Gemüt geworden." — Worin bestand Rießers Tat? Er rief nicht bloß seine jüdischen Mitbürger zur Abwehr, sondern das gesamte deutsche Volk zur nationalen Selbsthilfe gegen die Kulturschande des Antisemitismus auf. Im Jahre 1831 veröffentlichte er seine wichtigste Schrift „Ueber die Stellung der Bekenner des mosaischen Glallbens in Deutschland". Welche Grundgedanken vertrat die Schrift? Sie wandte sich an die Deutschen aller Koniessionen und stellte damit die Teutschheit der üdischen Deutschen fest. Sie verurteilte die lnterdrückung einer Minderheit wie der jüdischen als eine sittliche Feigheit. Sie entdeckte m der wirtschaftlichen Scheelsucht eine Quelle des Judenhasses. Sie verwarf den Glaubenswechsel, sofern er aus Eigennutz erfolge. Sie!orderte den Politischen Zusammenschluß der üdischen Deutschen und gab damit die Anregung zur späteren Gründung unseres Centralvereint). Dieser Aufruf hinterließ nicht nur bei den Juden, sondern auch bei den Nichtjuden einen mächtigen Eindruck. Wenn Rießers übrige Sck)riften heute nur noch von geschichtlichem Belange sind, so sollte wenigstens jene Schrift, die den Leitgedanken unserer C. A.-Bewegung formulierte, uns unverloren bleiben. Namentlich die deutsck)-jüdische Jugend hat die Pflicht, sie in ihren Arbeitskursen Wort für Wort und Satz für Satz durchzunehmen. Wir sind es dem Andenken Gabriel Rießers schuldig, daß wir unsere Sache unerschrocken und opferbereit vertreten. Die Erinnerung an sein Auftreten, das die politische Atmosphäre reinigte, ist ein Trost in dieser trostbedürftigen Zeit. Di*. Fr. ') Vgl. hierzu: Friedländer: Gabriel Rießer „Mein Leben", Berlin 1926, S. 46. A. W. Es ist erfreulich, in den letzten Jahren zu beobachten, mit welchem Ernst ein wertvoller Teil der deutschen Jugend um ein neues Deutschland ringt. Die einen wünschen inbrünstig eine Abkehr von dem minderwertig Fremdläudischen, dem Ueberlauten und Oberflächlichen, was heute manche Theater, manche Bücher und manche Großstadtzeitungen dem deutschen Volke aufdringlich darbieten. Tie Wandervogelbewegung aus dem Anfang dieses Jahrhunderts hat erneut eingesetzt, und auch aus geistigem Gebiete sucht der Wissensdurstige zu den alten Schätzen deutschen Volkstums vorzudringen. Ein anderer Teil dieser Jugend wieder einpsindet brennend die soziale Ungerechtigkeit unseres Zeitalters. Kriegs- und Inflationszeit und die Gegenwart haben ihr die Unbeständigkeit von Geld und Geldeswert plastisch vor Augen geführt. Sie sieht Millionen von Arbeitslosen, die arbeiten wollen, aber feine Arbeit finden. Sie sieht Tausende und Zehntausende von Volksgenossen darben, während in anderen Ländern Weizen verbrannt und Früchte ins Dker geschüttet werden müssen, weil Abnehmer dafür nicht auszutreiben sind. Sie verzweifelt an der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, tastet im Dunkeln nach einer neuen und gerechten Ordnung der Dinge aus heimischem Boden. Unverständlich, warum die meisten dieser Bewegung voll Ablehnung, ja voll Wut gegen den bestehenden Staat, gegen die deutsche Republik, erfüllt sind. Unverständlich, warum djese Bestrebungen sich säst immer mit den rechtsradikalen Parteiansichten verschwistern müssen. Unverständlich, warum solck^es „Suchen nach der Gottheit" ohne eine tüchtige Portion Antisemitismus nicht ouskommt. Ueber diese wichiigen Wandlungen m der deutscl)en Jugend wird an dieser Stelle noch ausführlich zu reden sein. Daß unter denen, die von dieser neuen Bewegung künden oder von ihrem Geiste erfüllt sind, ernst zu nehmende, ja sympathische Gestalten hervorleuchten, mögen sie auch manch» mal unschön ihr völkisches Gesicht zeigen, weil sie das jüdisck)e Deutschtum nicht kennen — das zu übersehen, wäre kurzsichtig und gefährlich. Einer von denen ist Dr. Hans Prinzhorn, eine Persönlichkeit, die der nationalsozialistischen Gedanken- und Gefühlswelt zweifellos herzlich ergeben ist, dessen große Liebe aber zu diesem Nationalsozialismus sich gerade in einer scharfen Kritik seiner Auswüchse offenbart. Es ist uns nichts Neues, daß viele Nationalsozialisten die Brutalität des Parteigetriebes, die zügellose, ja gemeine Sprache vieler Organe der Partei mißbilligen und bekämpfen. Sie fühlen sich menfdjUd) durch dieses Treiben angewidert. Sie sehen klar, daß der deutsche Idealismus, der in einem Teil der nationalsozialistischen Parteigänger steckt, besd-mutzt wird durch die ekelhaften Formen des Tageskampses, wie er von einer allzu großen Zahl Nationalsozialisten, nicht nur Geführter, sondern auch Führer, aufgefaßt und durchgeführt wird. Eine Kritik aus der Feder eines Wannüt wie Tr. Prinzhorn wiegt deshalb doppelt. Sie ist um so unverdächtiger, weil Prinzhorn auS feiner völkischen Einstellung, aus feiner Abneigung gegen vieles Jüdische kein Hehl macht. Sie ist aber vortresslich geeignet, tom anständigen Nationalsozialisten die Augen zu öffneir zu welcher Verrohung der Judenhaß führt, und wie letzlid) nicht der Jude, sondern der Gegner des Juden von solchen Methoden getroffen wird. Tie bemerkenswerten Ausführungen Tr. Prinzhorns befinden sich in der Monatsbeilage 7 der Zeitschrift „Ter Ring" (Herausgeber Heinrich von Gleichen), Heft 31 vom 31. Juli d. I. Wer von unseren Freunden Prinzhorns Gesamteinstellung kennenlernen will, möge zu diesem Aufsatz greifen. Wirerfüllen unsere Ausgabe, indem wir die Teile hier wiedergeben, die unseren Bedürfnissen entsprechen. Unsere Freunde sind gefestigt genug, die völkische Einstellung Prinzhorns dabei sich ruhig anzuhören, und wir sind im Gegensatz zu denen, die das deutsche Judentum bekämpfen, gerecht genug, sie nicht zu unterdrücken. Die Ausführungen lauten folgendermaßen: „Ernste Bedenken muffen jedem Gebildeten gegen die publizistisd)en Methoden der Nationalsozialisten aufsteigen. So gewiß der ,Völkifche Beobachter* rein zeitungstechnisch geschickt und wirksam gemacht ist und seine taktische Aufgabe erfüllt: den Zusammenhalt der Gefinnungsgruppe zu festigen und den Lesern bestimmte Meinungen einzuhämmern — so gewiß bekundet er in seinen Wertungen vielfach einen Tiefstand, der nur von einigen provinziellen Hakenkreuz- AUS DEM INHALT: Otto von Bismarck spricht zur Gegenwart.S. 46 Quer durch das arbeitende jüdische Berlin. (Eine Reportage) .... S. 47 Studienrat Dr. Emil Behrens: Karl Heinrich Freiherr vom Stein . . S. 49 Dr. Adolf Schmidt (Paris): Lasst mich mein Herz ausschütten! . . S. 49 Theodor Kappstein: Israels Propheten ...S. 50 Dr. Kurt Oppen he im: Zur Heimatsgeschichte der deutschen Juden . S. 51