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Central-Verein-Zeitung · 1931-04-01 · Heft 4 (April 1931) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1931
Issue
Heft 4 (April 1931)
Date
1931-04-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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32 der Kchr-Wieder-Gasse (heutigen Theaterstraßo. Finanzamt) errichtet. Die Zahl der Juden wuchs ständig, so daß bald Nebengvttesdienste in Privcühäusern veranstaltet werden mitfetett. Unter der Negierungszeit Friedrichs des Großen erhielten sie im Jahre 1753 die Erlaubnis, dein Raummangel durch den Bau einer neuen Synagoge abzuhelfen; sie wurde am Schnürlingdamm (die heutige Alte Synagoge) errichtet, und mit 23. Dezember 1756 geweiht. Ein Brand in der Kvnigsberger Vorstadt am 14: Juli 1811 legte das Gotteshaus in Asche. Der Errichtung der neuen Synagoge stellten sich anfangs Schwierigkeiten in den Weg, der Neubau konnte schließlich am 19. April 1815 mit der Vereidigung der jüdischen Kriegsfreiwilligen, die in den Freiheitskampf gegen N a pole v n zogen, geweiht werden.'' Tie Königsberger Gemeinde zählte damals etwa 900 Seelen. Dieses Gotteshaus, das bis in'die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ausgereicht hat, wurde dann zu klein; ein Neubau,' die heutige neue Gemcindesynagvge Lindenstraße, konnte am 25. August 1896 geweiht und ihrer Bestimmung übergeben werden. Dann erläuterte Dr. Lewin den Teilnehmern der „Führung" die Einrichtung der Synagogen im einzelnen, loie sie sich krast geschichtlicher Ueberlieserung bis auf die Gegenwart erhalten haben. ' M. Seil. Königsparade war die Hauptsache und man erreichte schließlich auch etwas im Schweiße seines Angesichts. Der große Tag war da. Mein Großvater stand in dev Front. Er lächelte, obwohl oder weil ihm das Herz klopfte. Der Kommandeur nahm noch einmal die Linie ab — es ging so 'einigermaßen, ja, es hatte etwas wirklich Mannhaftes und Packendes, wenn auch ans ganz anderen Gründen, als jede militärische Formation. Freiwillige Verteidiger von Recht und Frieden — das war es. Männer jeden Standes, jeden Alters — endlich eine Volkseinheit. Die Karosse des Königs rollte durch die Breite Straße heran. „Achtung! Still ge^ standen! Augen rrrechts!" Mein Großvater hatte sich in der Aufregung selbst auf den Fuß getreten — das machte aber nichts. Sein Herz schlug höher, er ließ den Tschako auf der Povücke zittern und bedauerte nur, daß alles so mäuschenstill blieb. Am liebsten hätte er, wie einst seinen Kindern, in die hohle Hand Fanfare geblasen. Nun entstieg die umfangreiche, etwas mühsame Gestalt des Königs dem Wagen. Man war vorbereitet. Friedrich Wilhelm trug den Federhut in der Hand — von seinem Adjutanten gefolgt, näherte er sich lächelnd der einzigartigen Front, die ihn erwartete. — „Guten Morgen, liebe Bürger!" — „Guten Morgen, Euer Majestät!" — Das. klappte, der Kommandeur atmete auf. Er erstattete dein König Meldung. Sehr huldvoll dankte Friedrich Wilhelm und begann dann die Front abzufchvei'ten. Für jeden hatte er ein angenehmes Lächeln, viele zeichnete er durch Ansprachen aus. Mein Großvater sah ihn herankommen. Jetzt, so menschlich nahe, konnte er auch den Menschen vom Monarchen unterscheiden. Es war ihm nicht ganz wohl dabei, und doch regte sich jetzt erst sein ganzer Respekt vor diesem Mann. Das war» wirklich keine Puppe aus der Menschheit Kinderstube, mit Krone und Hermelin — das war ein seltsamer, leidend erfahrener, sokratisch lächelnder Denker. Der Witz umspielte seinen Mund, der in das rote volle Gesicht einen feinen Gegensatz brachte — die Aeuglein hatten die" heimliche Laune des Beobachters. Man vergaß die große Uniform, ja fast den König bei ihm. Nun war er da. Mein Großvater gab sich letzte Haltung, ohne seine hohe Schulter, seine auswärts stehenden Füße kaschieren zu wollen. Im Innersten wünschte er, daß der König ihn so unscheinbar nahm, wie er nun einmal war, und weitergehen mochte. Aber nein — die beiden vor ihm hatte eri nur angelächelt — bei meinem Großvater blieb er stehen. „Ihr Name?" fragte er nach kurzer Betrachtung. „Manasse Cohen, Euer Majestät!" „Beruf?" „Kaufmann!" „Wie ist der Name? Cohen oder Cohn?" „Cohen, Euer Majestät!" Der Tschako wackelte stärker — aber noch saß er — er mußte sitzen. Der kleine Mann biß die Zähne zusammen. „Sie schreiben sich also mit einem e?" fragte Friedrich Wilhelm nach einer Pause nachdenklich. „Zu Befehl, Euer Majestät!" Der König sah in die Ferne — weit über die Breite Straße und das Schloß hinaus. Dann wandte er sich nochmals zu meinem Großvater: „Sie sind also ein Cohen? . . . Sie entstammen dem Geschlecht der Priester? Dann gehören Sie ja unserem ältesten Adel an." Ein Nicken, kaum ein Lächeln noch — der König ging weiter. Verlag: Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. V., Berlin W15, Emserstr. 42. Haupt» schriftleiter: Dr. Ludwig Holländer. Verantwortlich: Dr. Margarete C d e l b e i m. Beide Berlin W 15. — Druck: Rudolf Molle. Berlin 8W 10». " Bon gleichem Adel Sine Anekdote aus den Märztagen 1818. Von Georg Ktrschfeld Aus der Zeit der Wunderwellen und der Lautsprecher tritt man noch einmal in die leise Dämmerung von Alt-Berlin zurück, in den flackernden Lichtkreis einer Laterne, Spandauer Straße, vielleicht Hildebrand dem Pfefferküchler gegenüber. Dort wohnte um 1848 mein Großvater. Sehr klein und nicht ebenmäßig, mit der Würde und pedantischen Sauberkeit des Verwachsenen, durch einen Zylindechut zureichend vergrößert; so ging er dort täglich feinen kurzen Weg vom Geschäftslokal, Schal und Tücher, bis zu seiner Wohnung. Er war ein Berliner von der fast verschollenen echtesten Art; das Bürgertum, das sein Vater erst erworben, war ihm noch heiliger Besitz. Mein Großvater hieß nicht kurzweg Cohn; o nein — es war bezeichnend für ihn, daß er sich Cohen schrieb (mit einer unwahrscheinlich schoben Gänsekielschrift), und daß das eingeschobene e nicht etwa willkürlicher Zusatz den Eitelkeit war, sondern tiefe, urhistorische Bedeutung hatte. Seine Vorfahren gehörten zu den Cohens — sie waren Priester, wie die Levis es gewesen, und vor grauen Jahren hatten sie gepredigt, geopfert, nicht Schal und Tücher verkauft. Von solchem Vorrang sprach mein Großvater natürlich niemals — er trug ihn nirgends zur Schau, verwahrte ihn aber in ernsten Stunden als innere Stütze. Die Märztage 1848 brachten dem friedlichen Bürger ungeahnten Ernst. Wahrhaft tragisch hatte sich der Gegensatz von Despotismus und Freiheits- - liebe entlaßen, die ganze Skala bis zur Tragikomik hin, und der revolutionäre Berliner hielt und vor sich selbst erschrocken gleichsam die gewalttätige Rechte mit der Linken fest. Der Sturm vom 18. März verrauschte allmählich. Trauer um die Opfer folgte, und der! Wille zu gesunden, ohne das eroberte Recht zu verlieren, war tief. j Mein Großvater sah gern die Soldaten! Wrangels ab marschieren, er liebte ihren : groben Kommißschritt nicht — er war ja selbst ganz unmilitärisch. Gefallen ließ er sich aber auch nichts — o nein — seine Vorfahren waren streitbare Priester gewesen. Immer wieder dachte mein Großvater über den König nach. Er hatte ihn bisher nur von weitem gesehen, diesen seltsamen exklusiven Friedrich Wilhelm, und er glaubte ihn etivas besser zu .kennen als seine Geschäftsfreunde, darunter Rudolf Hertzog und Herrmann Gerson, die in einer kritischen Verschanzung verblieben. Die Schuldfrage, was den Kopig anbelangte, war wunderlich ungelöst. Plötzlich bauten tausend unsichtbare Hände die Brücke vom Volk zum Herrscher. Mein Großvater, so klein und bescheiden er auch war, hätte getrost zuerst den 'Fuß darauf gesetzt. Er spürte ein stilles Warten drüben. Dieser König war doch ein Mensch, ein besonderer dazu, ein leitender, suchender, sehr geistiger, der vielleicht für alles andere begabt war, als König zu sein. Dick und unsoldatisch, ganz anders als sein Bruder Wilhelm, mit einem etwas bissigen, urberlinischen Schlagerwitz — so kannte man ihn schon. Aber immer noch sehr» in Distanz. Ter Despoten schrecken lebte noch, trotz dem 18. März — den Krallen der Reaktion war nicht zu trauen. Plötzlich, als man wie ein richtiger Brüderverem zusammenhielt, Frieden und Arbeit zu bewahren, geschah auch eine Annäherung des Königs. Nach dem Sturm war die Bürgerwehr aufgerusen worden. Es war Ehrensache, sich nicht von ihr auszuschließen, auch wenn man sich so unmilitärisch wie Manasse Cohen in der/ Spandauer Straße zeigte. Er war natürlich nicht Soldat gelvesen, und ein Gewehr hatte er mit seiner freien Hand noch nie ergriffen. Vorerst war das auch jekt nicht notig — Schießübungen sollten erst später kommen, für die besonders, welche das Pulver noch nicht kannten. Es genügte, den Verteidiger der Bürgerruhe zu markieren. Immerhin machte es Spaß, kreuzweise weiße Schärpen, Gurt und Patronentaschen zu erhalten, dazu aus irgendeiner Kaserne ein Mittelding von Schwert und Säbel — die alten Stadtsoldaten hatten dergleichen getragen. Auch der Kopf bekam sein Teil — mit Zylinder konnte man ja unmöglich Wache stehen oder exerzieren. So wählte man den hohen Tschako, der oft wunderlich schief saß. Meinem Großvater war dieser Rüstungsgegenstand am liebsten, weil er ihn noch mehr als der Zylinder vergrößerte. Ein Jubel herrschte endlich wieder in der schönen alten Wohnung gegenüber Hildebrand, als das Haupt der Familie sich in seinem ganzen kriegerischen Schmuck zeigte. Aber man lachte nicht darüber, man bewunderte es eigentlich nur — Frau Verita und ihre hübschen Töchter. Stolz sah man ihn von dannen ziehen. Daß der neue Mann der Vürgerwehr draußen auch ein lächelndes Flüstern fand, ivar begreiflich. Seine Erscheinung war zum mindesten seltsam — breitbeinig, behutsam, wie er auch jetzt noch seinen Weg nahm. Er trug, frühzeitig kahl geworden, eine sorgfältig gepflegte Perücke, aber der Tschako wollte durchaus nicht wie ein Zylinder auf der widerspenstigen „Tour" sitzen. Endlich war er am Standock, Kollnischer Fischmarkt, und der Kommandeur, ein früherer Major, hielt Appell. Nach wenigen Tagen, als man schon bei jedem Wetter Posten gestanden, kam die große Neuigkeit: Seine Malestät hätten Allerhöchst ihre Befriedigung über die Konsolidierung der Bürgerwehr bekundet und den Wunsch ausgesprochen, selbige in Person zu inspizieren. König Friedrich Wilhelm IV. stellte also erneut den Kontakt mir seinen Berlinern her. Nun war der Ehrgeiz, weitab von den sonstigen Berufen der pflichttreuen Männer, mächtig angestachelt. In der Zeit, die noch verblieb, exerzierte man fanatisch, um noch einigermaßen Figur machen zu können. Für die Straßen kinder, die sich immer zahlreicher als Zuschauer' ein fanden, war das natürlich das größte Vergnügen, aber man beachtete ihr fröhliches Gekicher nicht, wenn ein Mann bei falscher Wendung dem anderen plötzlich gegenüberstand, zwei Nasen fast zusammenstießen, wenn Herr Schulze über seinen Säbel stolperte und Herr Mayer krachend am Boden saß. Die

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