Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 3 (März 1931)
- Date
- 1931-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1$ Zum 20. März 1931 Geleitwort von Iustizrat Glatter (Beuchen, O.-G.) Vorsitzender des Landesverbandes Oberschlesien des C. V. Zum zehnten Male jährt sich der Tag, da aus allen Teilen des Deutschen Reiches die Oberschlesicr sich sammelten, um über das Schicksal Oberschlesiens abzustimmen. Wenn es richtig ist, dasi die lvahre Gesinnung der Menschen in den Zeiten der Not sich zeigt, daun haben jene Tage am besten belviesen, >vie eng die deutschen Juden mit Deutschland und deutschem Wesen verbunden sind. Die vberschlcsischen Städte glichen damals den großen Fremdenorten, an denen von überallher die Menschen Zusammentreffen; in den Straßen lvimmelte es von den Scharen der Abstimmungsgäste. Die deutschen Inden, s o >v e i t sie zur A b - st i m m n n g berufen w a r e n, haben in seltener Ein in ü t i g k e i t und V v l l st ü n d i g k e i t et it i h r teilgenom m e n. Das Vaterland rief, u n d a l l e, a l l e k a m e n. Waren doch von je die deutschen Juden in den östlichen Grenzgebieten, und es gilt dies nicht nur von Oberschlesien, sondern auch von Posen und Ost- und Westpreußen, ein hervorragendes d e u t f ch e s K u l t u r e l e m e n t. Inmitten der slawischen Brandung waren sie Träger deutscher Kultur, deutscher Sprache und deutscher Gesinnung. Freilich haben die Negierungen des kaiserlichen Deutschland diesen Vorteil für die deutsche Sache nicht immer erkannt und zum Nutzen Deutschlands ausgewertet. Statt dieses bedeutsame Element deutscher Kultur inr Osten zu betreuen und pfleglich zu behandeln, haben sie die Juden in ihren verfassungsinäßigen Rechten nicht genügend geschützt und vielfach zurttckgesetzt, sie auch im gewerblichen Leben nicht gefördert. Vielleicht hätte eine solche Politik mehr moralische Eroberungen gemacht und mehr praktische Erfolge gezeitigt als etwa die Zwangseuteignungen in Posen auf Grtlnd des Ansiedlungsgesetzes. Auch der Antisemitismus, besonders der sogenannte vornehme Antisemitismus im höheren Beamtentum und verwandten Kreisen, hat sich schon damals im Osten geltend gemacht. Dies konnte jedoch die deutschen Juden in ihrer Treue zu Deutschland nicht erschüttern. Sie waren in Deutschland geboren, ihre Väter hatten hier durch die Jahrhunderte gesessen, in deutscher Sprache waren ihnen die Wiegenlieder erklungen, an deutscher Dichtkunst und. deutscher Wissenschaft hatten sie teilgenommen, im deutschen Handel und Wandel sich betätigt. So liebten sie das Land, und allen Anfeindungen setzten sie den Wahlspruch entgegen: „Wenn ich dich liebe, was geht's dich an." Möchten unsere gegenwärtigen Machthaber erkennen, welche hervorragende Bedeutung, besonders im Osten, die deutschen Juden für die deutsche Sache haben, gerade hier, wo es gilt, auf vorgeschobenem Posten mit zäher Energie deutsche Kultur und deutsches Land zu verteidigen und zu wahren. Hier ist kein Platz für Rassenhaß und Klassenhaß, ist Einmütigkeit mehr not als je. Wir Juden in Oberschlesien wollen unentlvegt und unbekümmert um die Anfeindungen eines lärmenden Antisemitismus, lvie ihn die schwere Krisenzeit an die Oberfläche gefördert hat, unsere Pflicht gegen das Vaterland erfüllen als gute Deutsche, aber auch als gute Juden. 1IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIMIIIIIIIIIIIUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII!IIIII!IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII!IIIIIIIIIII $00 Jahre oberschlefifthes Judentum / von öen ersten Eitiwan-erern bis zur Abstimmung 1921 Von Justizrat W. Jmmerwahr (Beruhen O.-S.). Bericht Ibrahim Jbn Jakubs von 965 Die ältesten zuverlässigen Nachrichten über unser Heimatland Oberschlesien verdanken wir dem jüdischen Gelehrten I b r a h i m I b n Jakub, der im Jahre 965 mit einer Mission seines marokkanischen Herrschers an den Hof Kaiser Ottos nach Magdeburg kam, von dort aus über Böhmen und Oberschlesien nach Kiew dräng und in einem erst später aufgefundeuen Werke Land, Leute und Verfassung der angetrofsenen Völker geschildert hat. Mit den ersten Zügen der Deutschen (etwa um 1100) gelangten auch schon j ü - dische Ackerbauer, Bergleute und Handwerker nach Oberschlesien. Dies haben die Forschungen Z i v i e r s und anderer nachgewiesen. Als dann auch jüdische Kaufleute aus den Nheinlanden sich in oberschlesischen Städten niederließen, entstanden in den Städten blühende Gemeinden, von denen einige in den Zeiten der schwarzen Pest durch die Uebersälle nicht einheimischer Oberschlesier, sondern landfremder Fanatiker zum Erliegen kämen. Die slawische Flut, die nach den Hussitenkriegen das ganze östliche Oberschlesien dem Deutschtum entfremdete, ließ die Juden unberührt. Sie behielten und bewahrten ihre aus dem Westen mitgebrachte deutsche Muttersprache. Auch noch als Preußen Schlesien erobert hatte, sprach die Bevölkerung auf der rechten Oderseite Oberschlesiens mit Ausnahme der Juden und der wenigen Staatsbeamten in Stadt und Land fast ausschließlich Polnisch. Die Germanisation dieser Ostmark, ihre Einfügung in das Steinsche Reformwerk, die Einführung deutscher Kultur und sogar die Begründung der Industrie war nur unter starker Verwendung des außer der Staatsverwaltung, dem Adel und der Kirche dort einzigen deutschen Kulturelements, nämlich der Juden, möglich. Der Bergbau Als der friderizianische Minister Gras Reden mit Ende des 18. Jahrhunderts den schon seit Jahrhunderten vernachlässigten Bergbau in Oberschlesien wieder erneuerte und die großen Bergwerke der Kohlengruben „König" und „Louise" ins Leben rief, war einer seiner bedeutendsten Mitarbeiter ein Jude namens (Solomon. Reden verlieh auch anderen Juden bergtechnifche Aemter und erteilte seinem Gehilfen Salomon die Berggerechtigkeit einer Kohlengrube bei Mhslowitz, der Salomons- Grube. In jener Zeit regte sich wieder zum erstenmal seit dem Mittelalter ein betriebsames bergbauliches Leben in Oberschlesien. Die ersten bürgerlichen Gewerkschaften, die sich bildeten, bestanden überwiegend aus jüdischen Kausleuten und Landwirten, die, an die Tradition der jüdischen Bergleute in der Standesherrschaft Beuchen aus dem 12. und 17. Jahrhundert anknüpsend, sich mit Hammer und Schlegel bewaffneten und selbst in die Schächte stiegen, um das Erz der Unterwelt hinaufzubringen. Die alttestamentlichen Vornamen jener Gewerken und Gründer erhielten sich dann noch in den Namen, vieler Bergwerke und Hütten. Auch die Ehefrauen dieser jüdischen Pioniere wurden durch die Namen, die man den Gründungen gab, geehrt und verewigt. So wurden in den Bezeichnungen Samuel s - G l ü. ck - G r u b e, Jenny-Otto- Grube, Moritz-Hütte, Julie n - Hütte, Herminen-Hütte usw. das Andenken jener Männer und Frauen (Reichmann, F r i e d l ä n d e r, Mannheimer. Kern usw.), die in der Jndustriegeschichte Oberschlesiens eine so hohe Rolle spielen, festgehalten. Deutsch-jüdische Kulturarbeit im 19. Jahrhundert Von der Einführung der Städteordnung nach dem unglücklichen Kriege von 1806/07 an bis in die Verfassungskümpfe von 1848 reicht der Zeitraum, in dem der fast noch völlig slawische Charakter des östlichen Oberschlesiens gebannt wurde und mit dem preußischen Staatsbewußtsein auch die deutsche Sprache und deutsche Kultur hier den Sieg errangen. Der Stamm dieses neuen deutschen Bürgertums in den östlichen Städten und Gemeinden waren die schon von alters her der deutschen Kultur gewonnenen Juden. Aus sie war inan angeloiesen, um die Reformen der Selbstverwaltung und Gewerbefreiheit in Gang zu bringen. Ailch die Bildung der Bürgerwehren in Oberschlesien vor dem Befreiungskriege wurde durch die jüdische Mithilfe stark gefördert. In manchen Orten stellten die Juden für die Stäbe dieser Landestruppe nicht nur Offiziere, sondern auch die Kommandanten. Waren auch bis tief in das 19. Jahrhundert hinein noch manche staatsbürgerlichen Rechte den Juden vorenthalten, so nm bald nach dem Befreiungskriege in wirtschaftlicher, kultureller und gesellschaftlicher Beziehung eine völlige Ausgleichung der Konfessionen in Oberschlesien erfolgt. Ebenso wie in den Stadtverordnetenversammlungen wirkten in den Innungen und sonstigen wirtschaftlichen Genossenschaften, aber auch in den Schützengilden, Feuerwehren und Geselligkeitsvereinen Christen und Juden Hand in Hand. Der jüdische, noch durchweg private Schulunterricht stand aus einer bedeutenden Höhe und war nicht eines der geringsten Förderungsmittel des allgemeinen Deutschtums in Oberschlesien. Um die Lage von damals zu kennzeichnen, sei der Ausspruch wiederholt, den ein hervorragender nichtjüdischer Kenner der oberschlesischen Vergangenheit getan hat. Er sagte: „In Oberschlesien rechts der Oder ist die eigentliche städtische Kultur das Werk der Juden." Als die Steinsche Selbstverwaltung den Städten verliehen wurde, waren sie unter den Kleinbürgern die einzigen, die schon deutsch lesen und schreiben konnten. Gewöhnlich war es in diesen Orten ein Jude, der die erste Buchhandlung, die erste Druckerei und die erste Buchbinderei errichtete. Dann verschönerten sie als Vauhgndwerker und Architekten die sehr unschönen Städte und schufen in Ge-