Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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70 tiv-massendernokratischer Jnhrmarktroheit, die über die Welt geht alS ein Produkt »wilder, verwirrender und zugleich nervös stimulierender, berauschender Eindrücke, die auf die Menschheit einstürmen. Die abenteuerliche Entwicklung der Technik, mit ihren Triumphen und Katastrophen, Lärm und Sensation des Sportrekords, Ueberschätzung und wilde Ueberzahlung de8 Massen anziehenden Stars, Bop-Meetings tritt.- Millionenhonoraren und Schaumengen in Niesenzahl: dies und dergleichen bestimmt das Bild der Zeit zusammen mit dem Niedergang, dem Abhandenkommen von sittigenden und strengen Begriffen, wie Kultur, Geist, Kunst, Idee. Entlaufen scheint die Menschheit wie eine Bande losgelassener Schuljungen aus der humanistisch-idealistischen Schule des neunzehnten Jahrhunderts, gegen dessen Moralität, wenn denn überhaupt von Moral die Rede sein soll, unsere Zeit einen weiten und wilden Rückschlag darstellt. In Polen werden vor den Wahlen die Führer der Opposition verhaftet, und der Staatspräsident beschimpft das Parlament inr Jargon eines Gassenjungen; in Finnland entführen und mißhandeln die Lappos anders Gesinnte; in Rußland denkt man den Hunger derjenigen, denen man die Lebensmittel entzog, um auf ' dem Weltmarkt Berwirrungsdumping damit zu treiben, mit dem Blut erschossener Gegenrevolutionäre zu stillen; die Geheimnisse faschistischer Kerker sind nicht ganz Geheimnis Heblieben; von den Verbannungsinseln für Gegner des Systems weiß man auch und noch besser kennt man die Mittel mechanischer Gewalt, mit denen Südtirol nationalisiert wird, Mittel, mit denen heute München und morgen Berlin italienisch gemacht werden könnte: die Gewalt beweist sich selbst damit, sonst nichts, und das ist auch nicht nötig, denn alle Rücksichten außer ihr sind gefallen, die Menschheit glaubt nicht mehr an sie und ist also „frei" zu ausgelassener Gemeinheit. Alles scheint möglich, scheint erlaubt gegen den Menschenanstand, und geht auch die Lehre dahin, daß die Idee der Freiheit zum bourgeoisen Gerümpel geworfen sei, als ob eine Idee, die mit allem europäischen Pathos so innig verbunden ist, aus der Europa sich geradezu konstituiert und der es so große Opfer gebracht hat, je wirklich verlorengehen könnte, so erscheint die lehrhaft abgeschaffte Freiheit nun wieder in zeitgemäßer Gestalt als Verwilderung, Verhöhnung einer als ausgedient verschrienen humanitären Autorität, als Losbändigkeit der Instinkte, Emanzipation der Roheit, Diktatur der Gewalt. Der exzentrischen Seelenlage einer der Idee entlaufenen Menschheit entspricht eine Politik im Groteskstil mit Heilsarmee-Allüren, Massenkrampf, Budengeläut, Halleluja und derwischmäßigem Wiederholen monotoner Schlagworte, bis alles Schaum vor dem Munde hat. Fanatismus wird Heilsprinzip, Begeisterung zur epileptischen Ekstase, Politik zum Massen-Opiat des Dritten Reiches oder einer proletarischen Eschatologie, und die Vernunft verhüllt ihr Antlitz. Ist das deutsch? Ist der Fanatismus, die Glieder werfende Unbesonnenheit, die orgiastische Verleugnung von Vernunft, Menschenwürde, geistiger Haltung in irgendeiner tieferen Seelenschicht des Deutschtums wirklich zu Hause? Dürfen die Propheten des radikalen Nationalismus sich allzuviel einbilden auf den Stimmungszulauf, den sie gefunden, und ist der Nationalsozialismus, parteimäßig gesehen, nicht vielleicht ein Koloß auf tönernen Füßen, der an Dauerhaftigkeit nichts zu vergleichen ist tritt der sozialdemokratischeu Massenorganisation? Nur der Fanatistnus, so heißt es, kann Deutschland wieder aufrichten. Goethe schildert im Epilog hur „Glocke" das Verhalten eines großen Menschen zur widerstrebenden Umwelt und spricht „Von jenem Mut. der früher oder später Den Widerstand der stumpfen Welt besiegt, Von jenem Glauben, der sich stets erhöhter. Bald kühn hervordrängt, bald geduldig schmiegt Damit das Gute wirke, wachse, fromme, Damit der Tag dem Edlen endlich komme." Wäre nicht dieser Mut dem Deutschen, von dem die Menschheit ein Bild der Rechtlichkeit, ^Mäßigkeit, geistigen Biederkeit im Herzen trägt, angemesiener als das Berserkertum der Verzweiflung, als der Fanatistnus, der heute deutsch und allein deutsch heißen will? Staatsntänner von echter Dentschheit, die als solche in aller Welt erkannt und geliebt wurden, haben diesen bald sich vordrängenden, bald geschickt sich schmiegenden Mut, den Mut der Geduld, bewährt und viel mehr damit erreicht, , als zu erreichen wäre, wenn wir der Welt zu ihrem mitleidigen Befrentden das Schauspiel ekstatischen Nervenzusammenbruchs böten . . . Lorö Rothermere oder Jacques Maleh! Seit dem großen Siege vonr 14. September beachtet, was nur selbstverständlich ist, die Presse der ganzen Welt mit größter Aufmerksamkett die nationalsozialistische Bewegung. Journalisten, die von der Partei nichts wußten oder den Hitler-Putsch von 1923 bereits wieder vergessen hatten, bemühten sich, möglichst viel über Partei und Führung zu erfahren und ihren Lesern mitzuteilen. Die nationalsozialistischen Abgeordneten, an ihrer Spitze H t t l e r selbst, kommen diesem Bedürfnis erfreulicherweise entgegen. Zahlreiche Interviews mit ihnen sind in den großen Zeitungen der außerdeutschen Welt erschienen, und mit Genugtuung druckte in größter Aufmachung der „Völkische Beobachter" riesenlange Aufsätze von Lord Rothermere nach, der sich, selbst glühender Nationalist und Gegner gewisser Besttmmungen des Versailler Vertrages, sehr freundschaftlich über Hitler und eine Pläne aussprach. Daß der Moniteur Htters dabei Rothermeres guten Ratschlag seinereits den deutschen. Lesern nicht wetterzugeben ür richtig fand, der sich gegen den ü b e r - lüsstgen, dem Wesen des Nationaismus an sich völlig unverwandten Judenhaß der NSDAP, wandte, ist sehr bezeichnend. Jedenfalls bedeutet die Beachtung der ausländischen Meinung einen Fortschritt der NSDAP, auf ihrem Wege zur Realpolitik. Denn es ist noch gar nicht lange her, daß beispielsweise jede zustimmende französische Presseäußerung über Stresemann vom „Völkischen Beobachter" als bester Beweis für die vaterländische Schädlichkeit des gerade zur Erörterung stehenden Schrittes dieses großen Staatsmannes von vornherein angesehen wurde. Und Walther Rath e n a u, dessen Wirken im Sinne der Völkerverständigung die Presse vieler Länder mit großen Erwartungen entgegensah, galt deshalb in den der NSDAP, nahestehenden Kreisen als „Kandidat des Auslandes". Niemand wird heute Adolf Hitler als „Kandidat der Nothermere-Presse" bezeichnen, obwohl die Analogie dazu berechtigte. Die großen französischen und englischen Zeitungen liest die Redaktion des „Völkischen Beobachters" anscheinend selbst und gewinnt danttt sofort ein gewisses Urteil über ihre Bedeutung. Im übrigen ist sie wohl auf Zeitungsausschnittbureaus angewiesen. Auf diesem Wege gelangte der „Völkische Beobachter" wohl doch ztt einer Nachricht aus einer in französischer Sprache geschriebenen, angeblich jüdischen Zeitung „L'aurore". Unsere Bemühungen, über diese „Morgenröte" Licht zu erhalten, ergeben bisher nur die lapidare Charakteristik: „Käseblatt". Ueber den Verfasser des Artikels namens Jacques Maleh Näheres zu erfahren, mißlang. Aber gleichwohl: weil in einent jüdischen Winkelblatt ein gänzlich unbekannter jüdischer Journalist in Kairo seine Wut etwas kindisch an Hitler und seiner Partei ausläßt und von einer „jüdischen Volksgemeinschaft aller Länder, die ntemals ein leerer Wahn gewesen ist", fabelt und wirtschaftliche Pressionen gegen ein Hitler-Deutschland fordert, um den angeblich drohenden Pogrom zu verhindern, überschreibt der „Völkische Beobachter" einen langen Auszug < PffilzffJj* X LanDerb;Mfrri(}!tK)- nMli.y dieses Gewäsches mit „Die jüdische Volksgemetnschaft aller Länder wird ausgefordert, das deutsche Volk zugrunde zu richten und auszubungern", und beginnt seinen Kommentar mrt dem Satze: „Alljuda hat also die Katze aus dem Sack gelassen". Merkwürdig: Nicht einmal Lord Rothermere repräsentiert England, nicht einmal Adolf Hitler, trotz gegenteiliger Meinung seiner Anhängerkann für das ganze deutsche Volk sprechen. Aber ein unbekannter Jacques Maleh soll nicht nur seine wenigen Abonnenten in Kairo, sondern sogar die „Weltjudenheit", „Alljuda" vertreten und ihnen Direktiven geben können. Doch Jacques Maleh hin — Jacques Maleh her. Wir deutschen Juden verbitten uns grundsätzlich Einmischungen unberufener Elemente in innerdeutsche Geschehnisse. Wir kennen keine jüdischen Sonderbestrebungen in Deutschland, sondern, wie wir stets betont haben, nur einen gemeinsamen Weg des Wiederaufstieges. Jeden Druck auf Deutschland empfinden wir mir gleicher Stärke wie alle anderen Deutschen. Und gegen jede Bestrebung, die diesen Druck verstärken will, werden wir uns m i t allen anderen Deutschen für das gemeinsame Vaterland zur Wehr setzen. A. H. Zur Beschichte -er Iuöen in Deutschland Es ist erstaunlich, welche Fülle meist unbekannten jüdisch- und allgemein-historischen Quellen- und Tatsachenmaterials aus älterer und neuerer Zeit in dem jetzt im Philo-Verlag (Berlin SW 68) erschienenen Oktoberheft der „Zeitschrift für die Gefrischte der Juden in Deutschland" wiederum zusammengetragen und verarbeitet. worden ist. An der Spitze steht ein lehrreicher Beitrag zur Geschichte unserer Reichshauptstadt, betitelt „Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben zur Zeit des Merkantilismus" aus der Feder von Dr. Hugo Rachel (Berlin). Hier wird vor allem — allerdings nicht im Sombartschen Sinne — nachgewiesen, welche Bedeutung das Judentum schon in der Voremanzipationszeit für die wirtschaftliche und kulturellgeistige Entwicklung der Stadt gehabt hat. Diplomingenieur Dr. Alexander P i n t h u s (Berlin) berichtet im zweiten und dritten Teil seiner interessanten „Studien über die bauliche Entwicklung der Judengasse in deutschen Städten" über die Beziehungen der Judensiedlungen zum Stadtganzen und ihre Gestaltung im einzelnen. Seine Betrachtungen zur „Neueren geschichtswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Literatur" beschließt Dr. Raphael Straus (München) mit einer eingehenden Kritik der Passargeschen Arbeiten. Cecil Roth (London) weist neue Wege zur Erforschung der Geschichte der Marranen in Hamburg; Fundgrube und Ausgangspunkt bilden Protokolle der portugiesischen Jnquisitionsprozesse, ausbewahrt im Arquivo Nacional 6a. Torre do Tombo in Lissabon. Studienassessor Hans L i ch t e n st e i n (Schlochau) veröffentlicht Klagelieder Elieser den Natans : und Kalonhmus ben JehudaS über die Opfer der Verfolgungen des Kreuzzugsjahres 1096, Prediger S. S t e i n b e r g (Wolfenbüttel) aufschlußreiche „Bekanntmachungen des Konsistoriums der Israeliten zu Kassel aus den Jahren 1808 bis 1818", jener Zeit, in der.Westfalen „napoleonisches" Königreich war. — tb— * -^ ****«•••-rrv-isift*? r> i