Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2571117-2571168-2571175--480-2571815- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Monatsausgabe Juli/MM läntral Imin Blätter für Heutfklitum und Fuüentum ' hryan öes tentrat^erkiusöeutfekex^, LtaatsbüryerMöifetten ölaubens e.V. ^lltzsmeins ^sikuntz des Dudentum3 Offener Brief an Herrn Pastor Stephan vollert in Greiz Berlin, im Juli 1930. Sehr geehrter Herr Pastor! Die.Not des Vaterlandes hat auch Ihnen die Augen über gewisse Schäden im deutschen Volkskörper geöffnet, und so wandten Sie sich in einem Sendschreiben an — das deutsche Volk? . O nein, aber nach berühmten Mustern „An die jüdischen Einwohner Deutschlands", auf daß sie — die Juden nämlich, die Christen haben es Ihrer seelsorgerischen Erfahrung, nach scheinbar nicht nötig — „alle sich vereinigen und der Welt kund tun,' daß alles Gebaren, welches wider Gottes Gebot ist, welches gegen die Gottesfurcht und gegen die Nächstenliebe verstößt, verdammlich und gefährlich ist". Und warum sollen die Juden Buße tun? Weil nach Ihrer Ansicht „die niedrigsten Elemente ihres Volkes die wildesten und rohesten Umsturzgedanken tragen", nämlich als Sozialisten und Kommunisten, weil Ihnen die „reich werden wollenden Juden" nicht gewissenhaft genug in Geldgeschäften und kaufmännischen Unternehmungen Vorgehen, weil die „Judenblätter" nicht ,-das Edle, Schöne und Gute ausbreiten" und weil endlich „in den Lichtspielhäusern Religion und Sittlichkeit geschändet" werden. Es ist nicht gerade neu, was Sie gegen die Juden vorzubringen haben, und was Sie zu Ihrer öffentlichen Büßpredigt veranlaßt hat. Darum könnte sich wohl auch eine öffentliche Antwort erübrigen. Wenn ich mich trotzdem dazu entschließe, so geschieht es weniger des Ernstes und sachlichen Gehaltes Ihrer Anklage wegen, als aus Rücksicht auf die Hunderte oder gar Tausende von Empfängern Ihres Briefes, die, vielleicht weniger abgehärtet solchen Zumutungen gegenüber als ich, aus dem allgemeinen Stillschweigen etwas ganz anderes herauslesen könnten, als es bedeuten sollte, nämlich die Berechtigung Ihrer Anklage. Diesen zuliebe richte ich meinen Brief an Sie. Glauben Sie nicht, Herr Pastor, daß ich Ihre Behauptungen zur höheren Ehre des Judentums so kategorisch ableugnen werde, wie Sie sie aufgestellt haben. Jawohl, es gibt sozialdemokratische und kommunistische Juden, auch in Führerstellungen; es gibt jüdische Schieber und Betrüger, und es gibt vielleicht sogar noch in der Zeit der Hugenbergschen Kinodiktatur einflußreiche Juden in der Filmindustrie. Die Frage ist nur, was diese Tatsachen beweisen sollen. Sollen sie nämlich beweiskräftig gegen die Juden sein, dann sind sie es gewiß auch gegen die Christen. Oder aber Sie müßten auf den sonderbaren Einsall kommen, das Vorhandensein von Christen in den von Ihnen hervorgehobenen Lagern und Stellungen leugnen zu wollen. Wie man sich zur Sozialdemokratie und zum Kommunismus stellt, ist jedermanns eigene Sache. Mag man die praktische Politik dieser Bewegungen anerkennen oder verwerfen, ein objektiv und vor allen Dingen wissenschaftlich urteilender Mensch kann doch m. E. unmöglich ihren tiefen ethischen Kern und Gehalts verkennen. Darum empfinde ich es nicht nur als Jude, sondern auch als Mensch — obwohl ich, nebenbei gesagt, mit beiden Parteien niemals etwas zu tun gehabt habe — als eine Ungeheuerlichkeit, wenn ein Geistlicher zu sagen wagt, „daß nur die niedrigsten.'Elemente (innerhalb dieser Partei nämlich) die wildesten und rohesten Umsturzgedanken tragen". Ich kenne Sozialisten und Kommunisten — jüdische und christliche — von einer sittlichen Höhe, die sie über die ihnen gegenüber geäußerten Zumutungen weit erhebt. Ist es Ihnen denn auch so ganz Und gar unbekannt, daß die sozialen Bewegungen im Anschluß an die Reformation, die dem heutigen Kommunismus gleichen wie ein Ei dem andern, sich auf das Evangelium stützten? Und wissen Sie daß eS einen Bund religiös^j^HßM^MWbtdem "nicht wenige Pastoren Mitarbeiten, die mehr von der Bergpredigt als vom Marxismus beeinflußt und getrieben sind? Und da Sie von Roheit und Wildheit sprechen — wie gedenken Sie die Ausschreitungen der N a t i o n a l s o z i a l i st e n — ihre Messerstechereien, Niederknüppelungen, Grabschändungen, Ehrabschneidungen usw. — zu klassifizieren? Gehen wir zu den „reich werden wollenden Juden" über, bei denen Sie die Gewissenhaftigkeit vermissen. Die betrüblichen Vorfälle in Berlin, auf die Sie hinwelfenund die kein Jude zu beschönigen wagen wird/IrA doch nur Ausnahmen, die weniger durch Ws ÄMesein der Betreffendenals durch die ungesünbe wirtschaftliche Atmos pH äre zu erklären sind. Wollen Sie nun etwa einen Emil Ra LH enau, den Mitbegründer der elektrotechnischen /Industrie in Deutschland, einen Albert B a l l i n, den Mitbegründer der weltumspannenden deutschen . Seeschiffahrt, und die Zehntausende .solider, reelle« jüdischer Kaufleute mit: eiper -Handvoll Schieber in einen Topf werfen? Haben Sie . anderseits "gär. nichts/von den Berliner Grundstückschieb'ern B üs ch und H i l l e r, den deutschnationalen Geschäftemachern der Raiffeisenbank, die durch Unfähigkeit und Korruption die Preußische Zentralgenossenschaftskasse um Dutzende von Millionen geschädigt haben, gehört?. Nichts von den Bankrotteuren der Deutschen Beamtenbank, die Taufende von vertrauensseligen Beamten für alle . Zukunft in Not gestürzt haben? Wenn Sie sich weiterhin über die „jüdischen Blätter" entrüsten, die das Gute, Edle und AUS D EM INHALT : „Der letzte Sturm?** Seite Ü5. S. W. Jaeger: Völkischer Feldzug gegen die katholische Kirche, Seite 57. — Gutsbesitzer Oskar Seitz, Ludwigsau a. RJi.: Kameradschaft, Seite Ö9.>— Pfarrer G. Fritze, Köln: Was sagt Religion zum Judenhass? Seite 60. ■ '