Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 3 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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24 und nicht Gäste, nicht Fremde? Tie feindliche Kugel hat es besser gewußt als Sie, Herr Stapel, wo Deutsche zu treffen sind. Sic überschätzen das, was Sie Volkstum ncimen, und unterschätzen die Wirkung der gemeinsam erlebten Geschichte, die Einheit des KnltmgcsnhlS,- Sie weisen den religiösen, Pvlitischcn und wirtschaftlichen Antisemitismus zurück und wollen einen neuartigen, einen sogenannten Edelantisemitismus, begründen. Aber 'die Folgerungen, die Sie zielien, sind dieselbe» tvie tue der anderen, und wenn ich totgcstvche» iverde, bersck>lägt es nicht viel, ob cs nnt einem Metzger,nesser oder einem seingeschliffeucn, kunstverzierte» Dolch geschieht , , , .Gibt es Juden,' frage» Sic, ,die den „Grünen Heinrichs oder Goethe aus dein Innersten heraus verstehen?' Genuß, Herr «tnpcl. Wenn Ihnen Proscßvr R. Mcher den Dichter, de» Ntenschen Goethe mcht zu Tank dargcstetlt hat, was besagt das denn? So viel als Tuntzcr hat er wohl and, gegeben und Gundolf hätte Ihnen mehr gegeben. Mir hat das Ribclnngcnbild em deutscher Professor doziert, der keine blaffe Ahnung von der Große der Dichtung hatte. Daß ein jüdischer Professor einen Goethe nicht ganz ersaßt hat — iver überhaupt kann das? —, ist das ein Beweis für Ihre Bcrallgcmeinernng? Es ist ein hervorragender Schriftsteller, der einmal gesagt hat: .Alles nngennnc BcraUgciiicincrn führt von der 'Wahrheit ab.' Kennen Sie ihn? Er heißt Wilhelm Stapel, Glauben Sic, daß die Rahcl Lcvin Goethe nicht verstanden hat? Aus dein Jnnernsten heraus? Fragen Sic doch einmal Goethe selber an. .Glauben Sie. daß Emil Krih Hebbels Lyrik, Felix Bamberg seine' Dramen nicht verstanden hat? Ans dem Innersten heraus? Fragen Sie doch einmal bei Hebbel selber an. Bon Heine sagt er in seinen, Briefe von, 18. Dezember 1855: .Sie liaben mir in Paris über die „Judith" einmal in einer halben Stunde mehr Tiefes gesagt als alle deutschen Kritiker zusammen'." 'Manche Nunnncr der „G. V.-Zeitung" ziert ein Anssatz Jakob Locwcnbergs. Er feierte gern bei uns die Großen des Hamburger Tichterkreises, Liliencrvn, Dchmcl und Flake, denen er alten freundschaftlich verbunden >var. Traurig und rührend, was er „ns einst über Otto Ernst schrieb, als er „ach dein Kriege zu aller lieber* raschung. nicht zuletzt Jakob Loewcnbcrgs, der den unvermeidliche» Bruch jahrzehntelanger Frenndschnst mit tiefem Kummer aufnahm, völkische Wege ging. von der Hamburger Typhusepldemie. Eine Erinnerung aus Dem Jahre 182V. Von I. Lichtcnstädter (H a m b u r g). Der Altonacr Obcrgcrichtsadvokat Friedrich Johann Jacobson und der Hamburger Jude E, 'Michaelis verdienen es, daß wir ihrer rühmend gedenken, denn sie sind beide leuchtende Beispiele edlen Menschentums. Es gereicht mir deshalb zur Freude, ein Werk Jncobseus aus der Stille der Bibliotlwk in das Licht der Gegenwart zu rücken. Dieses Werk befindet sich in der Hamburger II»i verst tä ts- und S ta d t b i b l i v t h c k. ist im Jahre 1820 erschienen und ist betitelt: „Briefe an eine deutsche Edelsrai, über die neuesten englischen Dickster von dem ObcrgcrichtSadvokaten Friedr, Johann Jacobson in Altona", In eine,» dieser Briefe beantwortet I a c o b s e n eine von der adeligen Dame ausgeworfene Frage: „Sie fragen mich, welchen Geistlichen ich am mchrstcn liebe? Ich antworte Ihnen: die Jerusalems, die Spaldings jedes Glaubens, ich hänge mit kindlichem Sinn und einer Fencrsecle an dem hohen Ideal des Protestantismus, durch gelehrte Forschungen sowohl in der Natur als in der Offenbarung die Gottheit immer Heller und erhabener zu erblicken, aber unter allen Geistlichen, die ich persönlich kenne, achte ich einen katholischen Geistlichen am mehrsteu, einen Franzosen, der arm und unbekannt, in der Demut der ersten christlichen Kirche, unter uns hier sAltona) und in Hamburg »inhergeht, und von allen Menschen. die ich kenne, halte ich einen Juden, der vielfach dem Tode trotzte, um Menschen zu dienen, für denjenigen meiner Bekannten, der am mehrsteu die Rcligivn, insofern Religion nur in wat und Handeln sich offenbart, ausgeübt hat. Wie nämlich zur Zeit der Belagerung Hamburgs im Jahre 1813 in dem zum Hospital für die vertriebenen Hamburger eingerichteten Waisenhause und in den übrigen Hospitalien in Altona die Seuche (Typhus) sich wie ein Feuer im dürren Reisig verbreitete, ließ der Oberpräsident, Herr Gras Blücher von Altona, durch hiesige Acrzte de» Zustand der Hospitäler untersuchen. ES war zu der Zeit, wie die Russen noch kein Stroh, keine Zufuhr in die Stadt lassen wollten, und man nicht wußte, woher man Geld nehmen sollte,-- Kranke, Sterbende, Nackte lagen aus verfaultem Stroh nebeneinander, ,Jch habe viel Elend gesehen,' sagte einer der Koinmissarien des Ober- Präsidenten, der Professor Nissen, .aber von dem Elend in diesem Hause kann keiner, der es nicht gesehen, eine Vorstellung haben.' Bald darauf lag auefj er ans den Tod, dein er sowie der eigentliche Arzt des Waisenhauses, Dr, Jenscn, nur am Rande des Grabes entging, lieber die Schwelle dieses Hauses nun, von den? der Tod und das Schrecken ausging, trat in der gefährlichen Krisis von den Gesundgebliebencn nur Herr Michaelis, denn er bewährte sich dem früher schon-übernommenen Amte völlig gewachsen, und gleich dringende Not beschäftigte seine Kollegen den biederen Herr» Otto van Axen und Herrn Wilhelm Pelzer'? Oft ergriff der Typhus die Befallenen mit augenblicklichem - Wahnsinn — —. Einer, der von Michaelis als Untcrausseher angenommen war, stürzte eines Tages, indem er schrie: .Michaelis sei schuld, daß er sterben müsse', ans ihn, ihn in diesem Hause des Todes zu würgen, Ost legte sich Michaelis im Fiebornnsall nach seinem iniihevnllen 'Tagewerk nieder, aber er erstand immer gestärkt mit Kraft und Mut zu »euer Arbeit. Jeder blickte auf ihn, als dem Tode geweiht. Biele flohen ihn wie die Krankheit selbst, Michaelis hatte in dem Waisenhaus gegen 60 Hamburger Kinder, die in Altona verwaist waren, in'drei Zimmern unter seiner Aufsicht, die er seine Kinder nannte. In einer Versammlung der übrigen Vorsteher, der er nicht beiivohncn konnte, weil er sich, vom Typhus, wie er glaubte, ergriffen, zu Bette gelegt, ward beschlossen, diese Kinder nach einem andern Hvspital in der Ottcnscr Badeanstalt zu bringen. So wie er dies crsuhr, machte der Schrecken, daß sic dort in größerer Gefahr sein mochten, ihn augenblicklich wieder gesund. Er beschwor die anderen Vorsteher, "über die Kinder nicht, ohne ihn gehört z» haben, zu verfügen, ging hin und sprach für sie und bewirkte, daß ein eigene?, frei liegendes Lokal, der Hnhnenkamp genannt, für sie gemietet wurde. Wäre er nicht in der lwgcistcrtcn Stimmung gewesen. in welcher die auf Moral begründeten verschiedenen Rcligiviissetten so viel Heldensinn in ihren Bekennern bei überkommenden Gefahren ofsenbartcn. er hätte bei seinem reizbaren Nerven- - Mein und bei der ihm iiiilcwvhnenden lebhaften Phantasie das - kütm Begonnene nicht immer glücklich vollbracht. Was er geleistet hat. besteht darin, daß, wie die Zeit kam,, daß die Russen endlich 8-trvh und Bedürfnisse zulicßei, und Betten und Bettstellen a,«geschalt werden tonnten. dieser Israelit die kranken sterbenden Christen, die in großer Menge, einige fast nackt, in den Sälen deS WaifciihanfeS Hilfe heischend ans sin,lendein Stroh lagen, in seiner Gegemvart, den Pesthanch ihrer Kleider nicht scheuend, sie reinlich betten-, daß er Reinlichkeit durch das ganze Haus unter seiner Aufsicht schaffen ließ, daß er täglich alle Krankenspeisen kostete, daß er selbst über die Reinlichkeit der Krankengeschirrc wachte, daß er Folgsamkeit unter den vom Eleird Verivilderten Menschen schuf, die Bermüchtniswünsche der Sterbenden aufnahm, daß er über alles die detaillierteste Rechnung führte und lieber Pöste aus seiner Tasche bezahlte, ivcnn Gestorbene nicht quittieren wollten, als irgendeine namhafte Summe in seinen Rechnungen unbewiesen zu lassen; daß er das Hans zu einem allgemeinen Hospital einrichtete, wohin die vom Typhus Befallenen der anderen Hospitäler und der Privathäuser gebracht'werden konnten; daß rv so den Aerzten und Wundärzten, die ihm zur Seite standen, half, Herren der Sterblichkeit zu werden und dem Typhus für daS Haus und für die Stadt Grenzen zu setzen; daß er dergestalt nicht bloß ganze Tage, nicht bloß Wochen, sondern Monate, bis das Hospital aushorte, ein Sieger des Todes, ganz im Geiste der edelsten Ritter des Spitals von Jerusalem, nachdem vor seinem heiligen Berufe wie sie die Waffen getragen, diente, schaffte, waltete, ordnete," Auch in einem „Beitrag zur Geschichte von Altona während der Einschließung von Hamburg in dem Winter von 1818 biS 1814" würdigt Friedrich Johann Jacobson E. Michaels' Tätigkeit bei der Bekämpfung der furchtbaren Typhusepidemie. Jacobs«! berichter, daß die Altonacr, trotz des Wohltätigkeitssinnes und der Gastfrcuirdschaft der Bewohner, ohne die Hilfe»nd die restlose Wirksamkeit des „Hamburger Komitees zur Unterstützung und Verpflegung der Vertriebenen" unter der Last, die ihnen durch die Vertriebenen aufgelegt >var, hätte» erliegen müssen, Oberprüsident Graf Blücher dankte im Namen des dänischen Königs und der Stadt Altona dem Hcrrii^E. Michaelis, einem Mitgliedc des erwähnten Komitees, für die -Sorgfalt, Beharrlichkeit und den Mut, womit er - der Krankenanstalt im Waisenhanse borgestandcn und dadurch der > .Coiitagion und Sterblichkeit in diesem Hanse und für unsere Stadt | Grenzen gesetzt hatte-," j Prälat Dr. Karl Soniicnschci» (Berlin) gestorben. In der Blüte j des Mannesalters wurde in diesen Tagen der Prälat Dr, Karl Sonnen-; schein (Berlin) in die Ewinkeit berufen. Mit ihm gebt ein Priester^ dahin, der ob feiner erbt reliqivieu Gesinnung und ob der viebcstatcn, die *| et als wahrer Diener seines katholischen Glaubens im reichsten 'Maße übte; I allgemeine Achtung in der katholischen Welt, aber darüber hinaus aulh z in Miseren Reihen aeiivsi, Sv manchmal hat Dr. Sonnenschein uns gegen-« über seine» Schmer; über den Haß und die Leidenschaften, die unserW deutsches Balk zerwühlen ansgcdrückt, und er hat ein wnrims Dcrständms« für die Gerechtigkeit unserer Arbeit, besonders ivcnn sie sich in dcrG Znnickivequng der Angrisse auf unsere Rcligivn bclvegte, bcimescn. 6il»W solche Eniltellnng entsprach tcmcsivcgs irgendeiner besonderen Vorliebe suU das Judentum, sondern der Gerechtigkeit und der mcnschlichcii Gute, die stlstM Wesen und sein LcbenSwcrk bestiininten, Möge dm überaus zahlreichelW Ttndcntcn und Studentinnen, und den Akademikern überhaupt, denen? Dr, Sonnenschein seine fördernde Hand und sein lvarmcs Herz bcsondlN zngcwandt hatte, eine gleich edle Persönlichkeit als Freund erstehe». Ai» in unsere» Reihen ivird das Andenken an diesen Diener der Liebe, b ans diescii» Grunde auch ein hilfsbereiter Freund unserer Sache 4“ fortleben.