Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 1 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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8 Der 9. November 1918 in Nünchen-Glaübach. Rettung vor Pliinverung und Gewalttat. Die lOjührigc Wiederkehr des NevvlntivnstagcS hat der gesamten beutjd>cn Presse Slnlof; zu Rückblicken auf dieses geschichtliche Ereignis gegeben. Vielfach wurde jetzt erst der Anteil »»bekannter Leute aus dem Volke bekannt, die d>>rch beherztes und nmtiges Jugrrifcu Plünderung, Mord und Chaos unter Volksgenossen verhütet haben. So ging durch Berliner Leitungen ein Bericht über die Rettung des Berliner Schlosses vor dem Sturm der erregten Menge. Verdienten Anteil hieran hatte rin jüdischer Mitbürger namens S ch l c s i » g c r. Auch au anderen Orten haben jüdische Deutsche sich um das Leben und Eigentum ihrer deutschen Mitbürger mit Auszeichnung hervorgetan. Rühmend erwähnt die „G l n d b a ch c r Z c i t u n g" vom 10. November 1928 die Verdienste des Direktors der Bnumwollweberci Akt.-Gcs. in M.-Eladbnch, Heinrich Abraha in, der deshalb seinerzeit einstimmig zrnn Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldntcnrats gewählt wurde. Herr Abraham selbst gibt uns folgende Darstcllnug über die damaligen Ereignisse: „'Meine Besiirdcrung zuiu Offizier war eineercicht und wnrde täglich erwartet. Ich wurde deshalb von meinem Batterieführcr Ende Oktober zur Einlleidnng für einige Tage beurlaubt. Am Abend des 9. Nvvcniber kam ich ans dein Bahnhof M.-Eladbach von E l b e r s c l d kvinmeud au. Kurz vor der Sperre traten ctiva sechs junge Burschen mit rvten Kokarden an ihren Mützen, das Gewehr mit nach nuten gerichtetem Lauf »mochängt, ans einen vor mir gehenden noch sehr jungen Leutnant zu, rissen ihm die Achselstücke herunter, nahmen ihm die Waffen ab und brachen seinen schonen llrlaubsdcgen mitten durch. Das Kindergcsicht deS Leutnants wurde leichenblaß und lieh mich blitzartig daran denken, daß so etwa ein Knabe nussehen müßte, dem man ohne Grund sein schönstes Spielzeug zerbricht. Danach kamen die Jünglinge zu mir. Ich trat unwillkürlich eine Schritt zurück und fragte: „Was wollt ihr?" Ein Schnösel von inindestens 18 Jahren fuhr mich barsch an: „Waffen her, Achselklappen herunter. Eisernes Kreuz weg." Damit griff er nach meinem Eiserne» Kreuz L, um die Durchführung seines „Befehls" zu beschleunigen. Ein Faustschlag mitten ins Gesicht lies; ihn bis zur gegenüberliegenden Wand znrücktaumcln, während ich gleichzeitig meinen Browning aus der Ledcrhülle ris; und dem Gesindel zririeß das; ich jeden crschiesic, der e8 wagt, mich zu berühren. Damit schritt ich nnangesochtc» durch die Sperre dein Ansgang zu. Einige Matrosen, Riescnkerls, und einige Laudstürnicr älteren Jahrgangs hatten die Szene beobachtet. Sie hatten, wie ich, erkannt, das; diesen Burschen die Revolution weniger politisches Ereignis war als vielmehr eine günstige Gelegenheit, ihre kindisck>e Wut an bisherigen Vorgesetzten nuSzulnsjeu, und Haiidlimgcn zu begehen, die sic im gewöhnlichen Leben mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt gebracht hätten. Diese Matrosen und Laudstürnicr kamen mir nach und einer sprach mich n». Ich hätte recht gehabt, das; ich dem Bengel eine rnntergchanen hätte. Das wären meist Leute, die man a u s den Gefängnissen befreit hätte. Inzwischen lvaren wir am Ausgang des Bahnhofs. Ans dem davorlieeenden Platz formierte sich gerade ein Zug der übelsten Gestalten, die sich mit brennenden Fackeln ausgerüstcl hatten. Bor dem Zug fuchtelte ein verwegen nussehcndcr Kerl, angetan mit Zivilhvscir, Untervffizicrsrock, Osfizicrsmütze und einen! dicken Wollschal um den HnlS mit einem Ofsiziersdegen wild in der Luft herum und brüllte: „Ich bin der Svldatenrnt, altes hört ans mein Kommando. Wenn ich sage Sturmi — dann jeht et op de Hüser." Einer der Matrosen erklärte mir, das; man den Kerl mit dem Ofsiziersdegen heute ans dein NntersuchungsgefängniS befreit Hütte. Wenn sich keiner fände, der diescin schivcren Junge» daS Handwerk legte, konnte Gladbach hcntc noch >vnS erlebe». Inzwischen Hatto sich ei» Zivilist zu unserer Gruppe gesellt. Aus miserem Gespräch hatte er cutuommcii, das; iviv mit deu Borgäugeu da drausic» nicht ganz cinverstaiiden wäre». Er sei Kriiuiunlbeainter, flüsterte er mir zu, und steckte mir einen Zettel in die Hand, auf dem die Nnincn aller derjenigen Personell »nd Firmen bezeichnet lvnrcn, für die man in dem sich forniierenden Zug die Parole zur Plünderung ausgcgebcn hatte. In erster Linie lvaren cs Namen der hier ansässige» Offiziere, denen in, hiesigen Bezirk Landftnrmbatnillone oder dcrgleick^n nntcrstelll lvaren, mrd die sich durch allzu strenge Zucht missliebig gcmacht hatten, Ansicrdeni sollten natürlich die g r ö s; erca Geschäfte mit dem Besuch der Herrschaften beehrt lvcrden. Ein Landstürmer meinte, es müsse doch irgend eine Möglichkeit gebe», gegen diese notorischen Aerbrecher. die keinerlei Gemeinschaft mit irgendeiner politischen Partei haben, cinzuschrcitcn. „Warum tut ihr cs beim nicht?" ries ich. „Ihr seid doch KerlS >vie die Bäume und müßtet euch gegen solch ein Gesindel wehren können." „Da muß einer jet kalte küuuc," bekam ich zur Antwort und sah ein. daß hier nur wirtlich schnelles und energisches Handeln helfen konnte. „Gut", sagte ich, „dann lvill ich kalte", und ging mit meinen Getreuen zuin Wartcsanl zurück. Dieser war voller Mcnfrtjen, die der Dinge harrten, die da kommen sollte». Ich bestieg einen Stuhl und hielt eine ans die Bviksscele abgestiminte Ansprache, in der ich mich im Namen der lvirklichen Fwiitsoldatc» dagegen verwahrte, das; Aerbrecher die Macht in der Heimat an sich reißen und Leben und Eigentum unserer Mütter und Väter, Schivcstcrn und Brüder gefährden. Ich forderte dann alle Frontsoldaten, die gewillt sind, inir dabei zu helfen, die Ruhe nnd Sicherheit in Gladbach und Rheydt aufrecht z» erhallen, auf, sich mir zur Verfügung zu stellen und i»> Wartcsaal zu verbleibe». Alle anderen, rief ich, haben innerhalb einer Minute den Wartesaal zu ränmcn. Das geschah. Inzwischen hatten sich die Jünglinge der sogenannten BahnhosSivache vor dem Wartcsanl in drohender Haltung vcrsnnimell. »in mich als Gegenrevolutionär zu verhaften nnd, >vic sie riesen, sofort z» erschiesie». Mit vier handsesten Leuten ging ich hinaus und hatte die Bengels in wenigen Sekunden cntivasfnet und sortgejagt. Meine Schntzwehr >var iin Nu ans »00 Mann gewachsen, die ich mit den im Bahnhof anfgehäusten Massen ausrüstctc, i» Gruppen unter je einem Unteroffizier eintcitte und ans die verschiedenen bedrohten Bezirke nbkonnnandicrte. ""'t aufgepslnnztem Bajonett ging ich dann an der Spitze einer Gruppen gegen den Hanptzng vor, der unter Führung des Schwerverbrechers K, stand nnd sprengte ihn sehr schnell anseinander. Die ganze 'Nacht waren wir iinterwegs, so das; nichts passiert ist, Ilm 8 Uhr morgens bat mich der damalige Oberbürgermeister Picq z» sich, »in mir zu danke,!. Ich ineinte, da ich nun meine Schuldigkeit getan hätte, nnd die Ruhe wieder hergestellt sei, könne ich wohl vom Schnnplntz der Revolution M.-Gladbachs abtreten. Davon wollte er aber nichts wisse» und bnt mich insiändig, ihn nicht im Stich zu lasse». Gr machte mich dann mit den Führern der Uiiabhängigen, der Sozialdemokraten nnd der Ehristlichcn Gewerkschaften, bekannt, die sich mir sofort al? Arbciterrat zur Aerfngnng stellten. In der «in nächsten Tag stnltsinidcndm Süldaknversaiimitnng, die von Tausenden l>csnchi war, erklärte ich ausdrücklich, daß meine Tätigkeit am Borabend keinerlei politischen Erwäg»» gen entsprang, sondern lediglich der Notwendigkeit, s ü r R »he, Ordnung n n d S i ch e r h c i t unserer Batcrstndt c i n z u - treten und sie vor verbrecherischen Elcinentcii zu schützen. Trotzdem wühlte man mich cinstimmig znm Vorsitzenden des Arbeiter- »nd Soldatcnrntes." Harrt» Graf Keßler: „Walther Nathena». Sei» Leben und sei» Werk.« (Verlag: Her,». Klemm A,-G„ Berlin-Griiiiewald.) Die Literatur über Walther iitnthcna» hat Gras Kehler durch ein meisterhaftes und verdienstliches Werk ersrcnlich bereichert. Wer Nathena» in seiner Bedeutung ermessen ivill, luird stets seine Persönlichkeit in den Mittelpunkt stellen inüssen, Gras Keßler löst diese von ihm richtig erkannte und betonte Ausgabe mit crstannlichcnr Fleiß unter Verwertung einer Fülle trejsendcr Zitate aus bekannten und weniger bekannleii Schriften RathenauS. Wieder nimmt das prophetische Format des Genies den Leser gesaugen, und erneut lehnt sich der Gerechtigkeitssinn gegen das grausame Schicksal auf, das diesen glühenden deutschen Patrioten von Mvrderhand fallen lieh. „Halle er (der überlebende Techow) meinen Sohn gekannt, den edelsten Menschen, den die Erde trug, so hätte er eher die Mvrdwasse ans sich selbst gerichtet, als auf ihn," So schrieb in kkafsischcr Größe die Mutter des Tote» a» die Mutier des Täters. Verblüssend wirkt die Hellsichtigkeit, mit der Rathcnan schon unter der wilhelminischen Aera die den mcistc» verborge» gebliebenen polikischc» und gescllschastlichen Schäden erkannte. Großzügig wird seine Organisation der Nvhstossversvrgrmg im Kriege geschildert, die er gegen starte e-tröiniingcn durchsetzte. Richtig erkannte er, waS heute Ecnrcingut aller Unvoreingciloimnciicn ist: den Fehler des überstürzten WassenstilkstandSangcbvlcs, dcui gegenüber er zur uationalcn Verteidigung ansrief. Ob Rathenaus Ansichten nnd Theorien, uamenüich ieirischastticher und philosophischer Art, neu oder richtig Marc», ist nebensächlich. Vielleicht gibt cs völlig neue Gedanken überhaupt nicht, nnd die Originalität ciires Denkers liegt nicht iu dem, io a s er beult, sondern w i e er cs denkt, und vor allem in der Tiefe des Erlebnisses, aus dem er schöpft. „WaS Mensche» sich zu sagen haben, auch ivenn cs die Form von Meinungen nmiimmt, sind Erlebnisse," Wisicnschasiliche Beweise für seine Kvirstrnltivncn hat Nathena» iiinner verschmäht und sich stets ans die Sicherheit seines Blickes, seiner Phantasie nird Jniniiion gestützt. Bezeichnend beginnt sein Eintritt in die Oessentlichkeit mit dem Aussatz „Höre, Israel", einer Anseinandersetzung mit seinem eigenen nnd dein Judentum überhaupt. Für ihn liegt die Lösung der deutschen Iudensrage nicht in der Beseitigung des gesellschaftlichen Bvhkvtls, des Staatsbürgcrinms zloeiter Klasse, nicht in der Beseitigung aller Beschränkungen oder im Ilcbcrtritt znm Christentum oder in, Zimiisinus, Bewusste Selbsterzichung einer Rasse zur Anpassung an sreindc blnsvrdcrrnigeii bedeutet für ihn die Losung, Anpassung jedoch nicht im Sinne der Darwinschen Mimilrii, Das Ziel des Prozesses sollen nicht imitierte Germane», sondern deutsch geartete iind erzogene Inden sein. Diese Losung hat Rathenan ausgebant, als er Rasiengegensützen eine tiefere Bcderitnng absprach und nur „och einen Unterschied in der Gcs i » n n » g ancrkaiinie, den Unicrschicd zivischen Menschen, die aus Furcht, und solchen, die ans Mist handeln. „Ich bin der Ucberzciignng," schreibt er an einen völkisch gesinnten Freund ivährcnd des Krieges, „daß Glaube, Sprache. Geschichte »nd Kultur hoch über den phhsiolvgischcn Dingen der Blttlmischimg stehen und sie arisgteichen," Und tveiler: „Du sagst gewöhnlich: .'Dicht Volk' und .Dein Lol!', Mein Volk sind die Deutschen, niemand tonst. Die Juden sind für mich ein Stamm wie Sachsen und Naher». Für mich cnllchcidct die Zugehörigkeit zu Volk rmd Nation nichts anderes als Herz, Geist, Ecsinnung »ud Seele," Dr. HauS LazaruS. Verlag u. Echrlftl-ilung: Lenlralocreln deutsch, Staatsbürger Ilid. Glauben» c.B.. Verltn SW 08, Ltndenftraße 18. FUr dle Schrittl, veraniw.: t. V. Dr. A l f re ü Wiener, SOerlin SW «8. Drm« von R n d o l f Masse, Berlin 8W 180.