Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 8 (August 1928)
- Date
- 1928-08-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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74 knüpfen, sv wertvoll die Erkenntnis dieser Zusammenhänge auch für das geschichtliche Verständnis des Alten Testaments ist. Wir fragen hier mir, welchen Anteil cs an der r el i g i 0 n s g e s ch ich tl ich e n E n t w i ck l n n g hat. Was das Alte Testament als kulturgeschichtliche Größe bedeutet, beruht wesentlich ans seincin Charakter als eines Urkundenwerkes, in dem sich eine vielgestaltige und tiefe religiöse Entwicklung darstellt. Was es daneben an mancherlei Staffen rechtlichen oder geschichtlichen Charakters mit sich führt, ist dach in dies Religiöse cingetaucht. In den Anfängen aller religiösen Entwicklung begegnen wir zwei verschiedenen VvrsteUungssvrmen, die biSlveilen noch im Alten Testament ans der Vorzeit nachklingen: dein M a ch t g e d a n k e n und dem D ü m v n e n g l a n b e n. Was aber daraus durch die religiöse Entwicklung Israels geworden ist, darin liegt ihre geschichtliche Bedeutung. Das Verhältnis des Menschen zur „Macht" ist rein natnrhafter, dinglicher Art, nicht eigentlich persönlich. Die Urvorstellnng, daß die Macht gefährlich ist, klingt im A. T. noch durch Hz. B. II. 8am. 6, 6, Jes. 6, 5, II. Moses 19, 12). Im Dämvnenglanben gewinnt die geheimnisvolle Macht die Züge persönlicher Wesenheiten, die mit einein Willen ansgestattct sind und dadurch auf den Menschen bestinunend einwirken. Damit tritt ein persönliches Verhältnis zwischen den übersinnlichen Mächten und dein Menschen ein. Die Bedeutung der alttestamentlichen Entwicklnng beruht darauf, das; sie die Gottheit als eine persönliche Willensinacht ersaßt. Sie aber waltet nicht in grausamer Willkür, sondern wirkt in sittlichen Forderungen air das Volk. Das ist in der Tat das Entscheidende, was die alttestainentliche Religion geleistet hat. Mag der Gott vom Sinai bisweilen arcch noch Züge aufweisen, die an einen mehr naturhaften, gewaltigeil Dämon erinnern, so gehören diese Züge seiner Vorgeschichte an. Durch Moses wird er der Gott, der sich tu einer Tat seines Willeiis als Erretter uird Führer bekundet. Das Verhältnis stoischen dem Gotte und dem Volke ivird als „B nii d" ausgefaßt, dessen Inhalt kultische, aber auch sittliche Ordnungen sind. Daß die Gottheit als Persönlichkeit ersaßt ivird — weil sie sittliche Willensinacht ist — rind daß sich ihr Verhältnis zum Menschen in sittlichen Bindungen darstellt, das müssen wir als einen der großen Schritte im Geistesleben betrachten. Damit aber hängt das Entscheidende zusammen: in Israel ist der Monotheismus Volksrelig i v n geworden. Das ist eine einzigartige Tatsache. Einen spekulativen Monotheismus haben nitd) indische und griechische Denker erreicht; aber wirkliche Religio» ist er hier nicht geworden. Dagegen sind die drei großen monot h e i st i s ch e n R e l i g i o n e n a u 8 dieser eine» Wurzel erwachse n. Das hat seinen Grund in der geincinsamen Auffassung der Semiten von der Gottheit, in dem Gefühl für die Erhabenheit der göttliche!; Macht, die zur Einzigkeit der Gottheit im Prophetismus geführt hat. Zunächst geht auch diese Entivicklnng durch das volkstümlich Begrenzte: die Gottheit gehört znin Volk, es ist ein seine Ehre mit furchterregender Strenge wahrender Gott. Das ist vei den Semiten überall der Ausgangspunkt des nationalen Monotheismus; er erklärt, das; diese religiöse Vorstellung zu einer reichen kultischen und sittlichen Gesetzgebung führt. Diese aber finden tvir auch bei anderen semitischen Völkern, wie vor allein das Gesetz des Hammurabi zeigt. Das höhere Ziel, der rein ethische und universale Monotheismus, ist ein Ergebnis der religiösen Entwicklung n u r im Alten Testament. Es ist die Tat der Propheten, daß sich diese Idee nach langem Ringen mit einer altertümlichen Volksreligion dnrchgesetzt hat. Die Gottheit >v u r d e von den natürlichen G r n n d l a g e w, auch von der G e - b n n d e n h e i t a n e i n V o l k, l o s g e l v st u l; d z n r universalen, e t h i s ch e n Macht erhoben, deren Dien st in; sittlichen Handeln b e stch t. Was das Alte Testament an unvergänglicher Größe in sich birgt, liegt im P r o p h e t i s m u s. An ihm aber ist das geschichtlich Merkwürdige. das; die Propheten zunächst als einzelne ganz für sich gestanden haben, das; sie vielfach im Gegensatz zur Praxis der Volksrcligion standen (f. das Auftreten' des Amos am Heiligtum zu Bethel). Es sind zunächst nur einzelne gewesen, die sich ihrer Botschaft erschlossen. Dann hat aber doch der religiöse Heroismus dieser Führergrößen die Blassen erhoben und mit sich gerissen. So hat auch das Volk seinen Gott allein an die Stelle alter Stammesgötter gesetzt, und vor ihm sind die fremden Vvlksgötter nicht nur zurückgetreten, sondern zuletzt völlig aufgehoben. Anderseits hat sich der religiöse ttniversalismus der Propheten durchaus nicht von der Grundlage des Volkstums völlig losgelöst. Durch innerlichste seelische Erlebnisse, die inan mit den Mitteln geschichtlicher Forschung nie ganz erfassen kann, ist ein neues religiöses Bewußtsein erwachsen. Es ist das Gefühl, vvl, der Gottheit getrieben, getragen und in ihr geborgen zu sein. Daraus ist der Gottesglaube ertvachsen, der dann auch das religiöse Leben des Volkes zu einer Höhe geführt hat, wie sie keine andere antike Volksreligion erreicht hat. Die prophetischen Gedanken hat die spätere Entwicklung sestgehalten, indem sie das ganze Volksleben organisierte durch das Gesetz, das die prophetische Forderung praktisch dnrchzuführen suchte. „Gesetz und Propheten" bilden trotz aller Verschiedenheit doch eine tiefere Einheit. Natürlich hat es ethische und rituelle Gesetze lange vor der Zeit der Propheten gegeben. Aber das Gesetz, das als Grundlage des ganzen Daseins anftrat, das Gesetzbuch des Josia von 621 und das Kultusgesetz des Esra von 132, sie sind ein rückhaltloser Versuch, d,e Gedanken des Prophctismus in praktische Lebensordnnng umzusetzen. . In diesem Ringen um die Gottheit als sittliche Weltmacht und in dem entschlossenen Streben, ein ganzes Volkstum in allen seinen Lebensbeziehungen unter die sittlichen Forderungen. bte im Gesetz Gestalt gewannen, zu stellen, liegt die b l e i - ende Bedeutung des Alten Testamentes als eines Dokumentes der religiösen Entwicklung. Würden wir, wie es manche fordern, das Alte Testament aus unserer Bildung und Kultur ausschaltcn, so würden wir damit nur Kulturwerte verlieren. Gewiß, die bildhaften Vorstellungen des Alten Testamentes vom Weltganzen sind nicht mehr die unseren und wir stehen nicht unter seinen gesetzlichen Normen. Aber sehr vieles, lvas unseren Kulturbesitz ansmacht, wurden wir ohne das Alte Testament überhaupt nicht mehr verstehen. Es bleibt eine Tatsache, das; die Anschaulichkeit alttestamentlicher Erzählungen und Lebensbilder die Kunst aller Zeiten, von den altchristlichen Katakombenmalereien bis zur Gegemvart, stärkste Anregungen gegeben hat. Und fast noch mehr verdanken Dichtung und Musik dem Alten Testament. Vor allem ist sein ethischer Wert noch lebenskräftig; wie viele Kernworte aus dem Alten Testament sind wegen ihrer ungebrochenen Einfachheit heute noch wirksam, luie sie zu allen Zeiten Mut und Kraft in Menschenseelcn gelegt haben. Man kann durchaus das geschichtlich Bedingte und Begrenzte im Alten Testament offen anerkennen. Um so mächtiger treten dann aber seine tiefsten Werte hervor, die man nicht aus einer Kultur, mit der sie innerlich verwachsen sind, tvillkürlich beseitigen kann. Gerade eine geschichtlich gerechte Auffassung muß die großen seelischen Erhebungen betonen, die Stellen, wo das Menschenleben in seinen Tiefen erfaßt wird, wie im Hiobbuch und vielen Psalmen, wo das religiöse Bewußtsein sich in höchster Reinheit erhebt, wo es universal wird wie in I e r e in i a, im babylonischen Jesaia und im Jona-Buch. Hier hat das religiöse Denken sich von den Bindungen des Geschichtlichen befreit und den Ausblick auf ewige Höhen gewonnen. Nicht dadurch werden wir gesördert, daß wir das Alte Testament als veraltet oder minderwertig veriverfen, sondern dadurch, daß wir zu besserem Verständnis dieses einzigartigen Buches Vordringen, indem lvir durch unbefangene geschichtliche Arbeit seinen inneren Reichtum zu heben Die 60. Zrieöhofsschänöung. Ein trauriges Jubiläum. Ans L tt d i « g h a «f c n in Westfalen kommt die Nachricht, das; in der Nacht vom 31. Angnst znn» 1. September ans Dem jüdischen Friedhof von ruchlosen .Händen dreizehn Grabdenkmäler «mgcstiirzt worden sind. Die Polizei hat die Nach sorschnng nach den unbekannten Tätern begonnen. Es ist dies der sechzigste Fall seit Ende 1923.