Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1928-07-01 · Heft 7 (Juli 1928) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1928
Issue
Heft 7 (Juli 1928)
Date
1928-07-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2571117-2571144-2571151--276-2571591
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Monatsausgabe Juli Wtter für-ensschtumW Woryau -es üntrol-^Hrems SevtlckD» unvL«Ser»wm.»E M StmULdükgerfüSilcdrn vlaovens-v. S^UKsn^srns.Lsilurz^ clss Iucksrirurns Ausemmdersetzuug mit Stapel Bon JJcofcfföt Sr. Er» Hölting. M.d.L. (Stonfjutf o. Bl.) Der Name eines Wilhelm Stapel ist verknüpft mit dem oft wiederholten Versprechen, den Antisemitismus zu befreien von der Nvwdygcste und der Geistlosigkeit, ihn aus weltanschauliche Postamente zu heben und eine Aussprache auf sachlicher Basis zu eröffnen. Auch in seiner neuesten Schrift „Anti-Semitismus und Anti-Gcrlnanismns" (Hanseatische Verlagsanstalt) , wird diese Forderung an den Anfang gestellt, und hart gegen Schlich wird auch ein Anlauf genommen, ihr zn genügen. Aber dazwischen liegt ein böses Mittelstück, von dem hier die Rede sein m»f?. Der Kreis um Stapel hat den religiösen, den wirtschaftlichen und den rassischen Antisemitismus als unhaltbare Vorformen preisgegeben. Was man dafür heute in zeitgemäßer Ausmachung vortrngt, ist kultureller Antisemitismus, das Problem einer seelisch - geistigen Symbiose des deutschen und des jüdischen Volkes. Das verpflichtet zur Jnnehaltung einer Niveaulagc, in der sich allein so diffizile Fragen behandeln lassen. Den holzigen Methoden der früheren ' Kampsführung mußte daher endgültig entsagt werden. Das ist, wie oben erwähnt, eine von Stapel selbst des öfteren anerkannte Forderung. Es ist nun überaus interessant, zu sehen, wie Stapel selbst, trotz aller Vorsätze, von der Höhe seiner Forderung immer wieder abfällt, gleich als ob eine aus der Tiefe wirkende Kraft ihn magnetisch herabzöge. Liegt es daran, daß es Probleme gibt, die i hrer „Berge i st i g u n g" spotten, und ist der Antisemitismus unter diese Probleme zu rechnen? Zum Inventar des alten Antisemitismus gehört Gewalttätigkeit, der geschwungene Stock gegen das geistige Argument. Stapel rümpft über den Radanantisenütisinns die Nase. Doch schon am Eingang seiner Schrift (S. 11) steht der gewundene und seltsame Satz: „Aber nicht immer ist der Geist bei den ,Geistigen', sondern oft auch bei dem wackeren und ehrlichen Hans, der die gvttgesegnete Kraft seiner Arme für sein braves Gefühl, über dessen Berechtigung er nicht erst einen Philosophen fragen muß, gebraucht." Das ist nicht etwa eine zufällige Entgleisung, denn auch noch au späteren Stellen des Buches kommt Stapel ans die Gegenüberstellung des „begabten" Tintenspritzers, der vom sicheren Port aus mit „Geist" arbeitet, mit dem wackeren Kämpfer zurück, der Leib^ und Leben (nicht vielmehr das der andern, auf die er einhaut und einsticht?) der Gefahr ausseht. Denn der Beweis körperlicher Kraft und Gewandtheit ist nach Stapel nicht weniger ein Gottesurteil und ein Austragen der Gerechtigkeit als der geistige Kampf (S. 9ü). Der Jude hat die philosophischen Argumente für sich, wir die biologischen. Was heißt dieses „Wir"? Wenn Stapel die Gesamtheit der nichtjüdischen Deutschen meint, so muß von uns, die wir nicht Geist stets in Anführungsstriche zu sehen belieben, gegen diese Mandatssührung ohne Auftrag energischer Widerspruch erhoben werden. Was aber bezwecken letzten Endes diese gedrehten und gespreizten Sätze? Soll man nun hauen oder nicht? Wozu diese Metaphysik des Schlagrings? Es ist halt immer noch die alte Bl ü y e r - Manier. Man schreibt nicht: „Juden heraus!", sondern „86068810 juckaiea". Das ist gebildeter und — feiger. Eine gleichfalls vom Antisemitismus alter Schule verwandte Waffe ist der Boykott. Auch gegen ihn erfolgt zunächst ein strafendes Stirirrunzeln, denn Stapel ist programmgemäß gegen Aufstachelung des Hasses. Dann aber wird mit seltsamem Pathos von der Notwaffe eines gepeinigten Volkes gegen den siegreichen Unterdrücker geredet (wobei, nota bene!, die 99 Prozent nichtjüdischer Deutscher das gepeinigte Volk und das noch nicht eine Prozent Juden die siegreichen Unterdrücker sind!), von einem sittlich durchaus nicht verwerflichen Selbstschutz, über den man keine osfentlichen Agitatwnstränen zu vergießen braucht. Der Jude soll gefälligst kein so weichmütiges Geschöpf sein, das die gesellschaftliche Vereinsamung nicht ertragen kann. (Alles wörtliche Zitate.) Wenn sich aber die Juden zur Wehr setzen, und wenn die „C. V.-Zeitung", der Stapels besonderer Haß gilt, die Namen von Geschäftsleu.ten und Pensionen veröffentlicht, denen jüdische Kundschaft unerwünscht ist, dann fällt Stapel plötzlich höchst unmotiviert in den Ton des Polterns gegen solche unkatrii688. Zum alten Antisemitismus gehört ferner die Waffe der Verleumd u n g und haltlosen Verdächtigung. Von wem stammen die völkischen Flugblätter, die sich durch eine unflätige Roheit auszeichnen? Sie werden von Juden verfaßt sein, meint Stapel, die auf diese Weise den Antisemitismus und die völkische Bewegung diskreditieren wollen. Ebenso wie es auch Juden sind, die gewisse Wände mit Hakenkreuzen beschmieren, ebenfalls nur, um dieses Symbol des Germanismus lächerlich zu machen. Selbst das Märchen von den Weisen von Zion, Urväterhausrat des ältesten Antisemitis- . mus, wird ausgctischt, auch wieder in diesem jede Ableugnung ofsenlasfendcn Stil: man braucht nicht an einen „jüdischen Generalstab" und an die berühmten „Dreihundert" zu glauben, aber gewiß wird es unter den Juden Kreise geben, die derartiges erstreben, denn im menschlichen Herzen regen sich wundersame Dinge, und die Geschichte hat zuweilen die selt- Äus dem Inhall Ludendortts neueste Entdeckungen. — Christliche Gelehrte über das Judentum: JR. Travers Herford, „Pharisäer“. Eduard Lamparler, „Das Judentum in seiner hui tur- und religionsgeschichtlichen Erscheinung“. — Gemeinderahbiner Dr. Kober (Köln): „Vom ältesten jüdischen Friedhol in Köln“. — A. Deuber (Breslau): „Warum ich nicht Antisemit bin“.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.