Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 5 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Monatsausgabe Mai 192$ vesLotral tiaflTttvyttfffliVi Allgemeine Zeitung des ^Judentums der Einstuß -es Talmud. Vortrag, gesprochen im Vestöeutsthen Nunöfunk am 22. Mai 1928 von Rabbiner dr. Rofenlhal (Roln). V orbemevkung des Verfassers. Die drei Talmudvorträge, die ich in den vergangenen Wochen durch den Rundfunk gehalten habe, stellen, so viel ich weiss, den ersten Versuch. — wenigstens in Deutschland — dar, Wissen über das Judentum auf diesem modernsten und umfassendsten Wege zu verbreiten. Es waren drei Einleitungen: eine literarhistorische, eine Textprobe und an dritter Stelle die hier zum Abdruck kommenden Ausführungen. Gerade in bezug auf die letzteren ist von den verschiedensten Seiten aus dem ln- und Ausland an den Westdeutschen Rundfunk wie an mich der Wunsch um Ucberlassung des Textes ergangen, wie überhaupt der Widerhall der Veranstaltung in jüdischen wie nicht jüdischen Kreisen ein sehr bemerkenswerter gc- Meimc Damen und Herren! Sie habe» in, ersten meiner Vorträge von den geistesgcschichilichen Grundlagen gehört, ans denen sich der Talmud entwickelt und im Lause eines Jahrtausends anfgcbnut hat Der zweite hat Ihnen eine Literaturprobe dargeboten, zusammengestellt aus den ersten Blattern des babylonischen Talmuds, Wen» >vir mm heute, znm Abschluß unserer selbstverständlich nur als Einführung in de» eigentlichen Stoss zu bewertenden Darbietung, vom Einfluß des Talmuds sprechen tvollen, das heißt von seiner kultnr- und rcligionsgeschichtlichen Bedeutung, so haben wir dabei in der Hauptsache zweierlei im Auge, den Einfluß, den der Talmud ans das Judentum i in Inneren ausgeübt hat, und den Einfluß, der von ihm in den Beziehungen des Judentums zur »ichtj üdischcn Außenwelt ausgcgangeu ist. Hinsichtlich des ersten kann z„- saminensassend gesagt werden: das Judentum hatte all die Stürme, von welchen es seit säst 2000 Jahren in allen Teilen der Welt heimgesucht worden ist, ohne den Talmud niemals ubersteheu können, „Wenn die Juden", so bekennt der Stuttgarter Stadtpfarrer a. D, La m pari er in seiner in diesen Wochen erschienenen Schrift „Das Judentum in seiner kultnr- und religionsgeschichtlichen Erscheinung", „wenn die Juden, was nicht geleugnet weroen kann, unter all den Völkern, über die sie zerstreut waren, durch eine Reihe bürgerlicher und häuslicher Tugenden sich ausgezeichnet haben, so haben sie diese sittlichen Werte wesentlich dem Talmud zu verdanken, . , , Der Talmud mit seinem reichen Wissensstoff und seiner Fülle von Rechts- und Sittcnlchren war die geistige Atmosphäre, in welcher der junge Jude aufwnchs und sein Gedächtnis und seinen Verstand übte. Darum verlieh ihm der Tnlmndnnterricht eine Ucberlegenheit des Wissens und des formalen Denkens gegenüber der christlichen Bevölkerung in einer Zeit, da diese von allen geistigen Bildnngsmitteln noch so gut wie ausgeschlossen war und die christliche Kirche es noch nicht verstand, die reinste Geistes- und Bildnngsgnelle, die Bibel, dem Volke zugänglich zu machen," Soweit Lamparter. Wir füge» dem hinzu: In den Leiden, Berfolgungen und Drangsalen vergangener Jahrhunderte, bei all den Martyrien und Scheiterhaufen wegen falscher Beschuldigung des RitnalinordeS, der Brnnnenvergiftung und Hostienschändung! in der drangvoll fürchterlichen Enge der Judengasse, bei Ausschluß von Zunft und Handwerk, Gesellschaft und Verkehr — bei alledem ist der Jude nicht nur geblieben, sondern hat auch seinen inneren Wert, seine Lcbenshossnung und -bejahung in allen Wirrnissen seiner Geschicke sich erhalten. Das Geheimnis für diese eigentlich rätselhafte Erscheinung der Menschheitsgeschichte liegt in der unauflöslichen Verbundenheit des Judentums mit seiner Lch' " ' *! ~ '' m u d. Ans dem Jammcrleben des Alltags, ans den Ivüsten Beschimpsnngcn eines fanatisierten Pöbels, aus der kläglichen Misere unwürdiger Bcschästigungen für des Leibes und des Lebens kärglichste Notdurft flüchtete sich der Jude an den Abenden und in den Nächten und zumal an feinen Sabbaten in die friedliche, von allen guten Geistern so überreich belebte Welt des talmndischcn Schrifttums. Er versenkte sich in die Rätsel und Schwierigkeiten des Talmuds, schärfte den Verstand an de» Künsten seiner Logik und Dialektik, prüfte das Herz an den Grundsätzen einer ebenso strengen wie reinen Sittenlehre und war inmitten einer Welt der täglich sich erneuernden Schmerzen und Bekümmernisse dem Himmel und seinem Gvite nahe, dem Gotte, in dem er nicht nur gläubig-fromm den Leiter eines harten, durch menschliche Unzulänglichkeit verdienten Schicksals, sondern auch den gütigen Spender der das Herz erquickenden, die Seele über alles Erdenleid hinaushcbcndcn Lehre mit glühender Liebe verehrt. Da wiederholte sich tnnsendsültig, Ivas in der Entstehungsgeschichte dieses Talmuds so bedeutsam gewesen war. Wie damals Köhler und Schmiede, Bäcker und Schneider, Schuster und Lastträger jene großen Rabbis wurden, von denen die miindliche Lehre zusannnengetragen und im Talmud anfgeschichtet und geklart worden ist, so waren cs im Mittelnlter die Parias der menschlichen Gesellschaft, hungernde, frierende, mit der Not des Daseins verzweifelt ringende Inden, die das geistige Erbe ihres Stammes im Talmud nicht nur übernahmen, sondern auch wciterbildeten und in dieser Beschäftigung ans ihrer ziverghaftcn Mißgestalt zn Athleten des Geistes herangewachsen sind. Und wenn bei Beendigung des jüdischen Mittelalters, das ja bis zum Ausgang deS 18. Jahrhunderts, bis zur französische» Revolution gedauert hat, zmn Eintritt in die neue Zeit und Kultur, zur Aufnahme in die europäische Gesellschaft, zur Anteilnahme an Kunst, Wissenschaft und Industrie, — wenn für diesen märchenhaft plötzlichen Umschwung nicht nur Führer vorhanden waren wie Moses Mend eis s oh n. der deutsche Plato und Busenfreund Lessings, sondern auch eine Gesolgseha ft bereitstem!) in der Gesamtheit d e s d n »i n l i a c n I n d c n t n in 8: so liegt das Geheimnis für diese Fähigkeit der Aufnahme und für diese Kraft der Anpassung an neue Verhältnisse in der geistigen Bewegung und sittlichen S ch » I » n g. die dem Juden ans seiner jahrhundertelangen Beschäftigung mit dem talmndischcn Schrifttum zu eigen geworden sind, — Ist so der Einfluß des Talmuds auf das Judentum.selbst ohne Zweifel ein durchaus segensreicher gewesen, so erhebt sich die andere, viel nmstrittene Frage, ob Gleiches behauptet werden kann auch von den, Einfluß, den der Talmud ans das Verhältnis zwischen Judentum »nd Nicht-Judentnm, in der Hauptsache natürlich Christentum, ansgeübt hat. Wir begeben n»s mit dieser Frage ans eine Arena, in der der Kamps der Meinungen ungestüm hin und her tobt und von Eise n m e n g e v bis R vhli n g Hunderte von großen und kleinen Name» nusrngen, die Zeugnis ablegen wider das Judentum und OfttAhottt Gegen die .jüdisch - römische" nnd AlwvkMMWU. gegen die „jüdisch-evangelische" Kirche. Studienassessor Dr. Erich Klibansky (Breslau): Wie Schulkindern Judenfeindschaft gelehrt wird. — Dr. Margarete K d c l h e i m: Der Centralverein aus der „Pressa". — Rabbiner Dr. L S w c n st a m m (Spandau): Menschheit. - Paul Bellardi, Rektor i. R.: Erinne, rungcn aus meiner Schulzeit. — Universitätsprofessor , Dr. W. K inkel (Gießen): Hnnianität! — Z«r Heimats» s e i n/MN-Ä-sL^ch^geschichte der deutschen Juden. /mm\