Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 8 (August 1927)
- Date
- 1927-08-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Der Dichter spricht . . . Die Frage »ach den Einflüssen des Jndeninms auf die deutsche Kultur verlang! ein weltgeschichtliches Werk als Antwort, nicht einen kurzen Zeitschrisieiinnfsatz. Vom Alten Testament und den jüdischen Grundlagen de» Neuen Testamentes an bis zn Spinoza, von den Geheimnissen des Talmud ln» zur Mpstik der Chnssidnn im ucunzehnten Jahrhundert;, »eben schöpferischen Ätännern, ivie Heine, die erkennenden Nature»: Nahe! Levin für Goethe, Kleist; Engländer, Kuh für Hebbel; Hitzig für Hvssmmm. Ehmnisso und andere Nvnmntiker; die fördernden Naturen, die so oft früher und nachdrücklicher als die cigentiichcu Stnmniesgcnosscn sür deutsches Genie cintrnlen — dieser Einsliiß, der iinturgeinns; später eine Wechselwirkung wird, ist mit Händen zu greisen. Mir ist eine andere Seite des Vorganges persönlich »och lebendiger geworden: die einfache, mittelalterliche Tatsache des EingesprengtseinZ vieler jüdischer Gemeinden in da? deutsche Volksganze, die mit ihrer engen Abschliesnmg i» sich und ihre Vergangenheit ein uraltes Geheimnis in unser Leben brachten. Trotz aller traurige» Feindschaft, aller grausamen Kämpfe, liegt hier vielleicht der Grund für ein Wesentliches in »nsercm Wcltanschnncn. Das metaphysische Leid, das überwcltliche Verlangen, das Uebcrwinden der Wirklichkeit — ist es nicht ans diesem geheimnisvollen, iiiartcrreichcn Dasein der Inden in unsere Seele gekommen) Als ich mein Trauerspiel „Der Jude von Konstanz" schrieb, war mir dies erschütterndes Erlebnis. Ich glaube nicht, hier i» kurzer Prosa meine Antwort ans Ihre Frage so gut geben zu lönnen, als ich sie vielleicht in jener Tragödie ausgesprochen habe. Wilhelm v. Scholz. (Fortsetzung von Seite 63) Hans Sachs u. a. vielfach Stoffe geliefert hat. das; es in Kinderspielen, wie „Adam, wo bist du?", mitwirkt, mag hier anzndenten genügen. Nicht übergehen möchte ich. das; die „Lorelei" »nd „Leise zieht" von Heine, „Zu Strnsibnrg ans der Schanz" von Mosent h a l, „Wenn die Schwalben heimwärts zieh'»" von H e r I o 8 s o h n, „Es hatten drei Gesellen" von Elias Calvin v n. „Die alten Deutschen tranken noch eins" von Kunitz, das; „O Täler weit", „Es ist bestimmt in Gottes Nat", „Wer hat dich, du schöner Wald" von Felix Mendelssohn in Musik gesetzt sind. So ist denn auch Sitte und Brauch der deutschen Ehr istcn von dem Zusammenleben mit den Inden nicht unberührt geblieben. Auch hier läßt sich, wie bei der Volksdichtung, eine Abhängigkeit vom Judentum nicht immer klar erweisen. Biele dieser Erscheinungen sind international, mitunter schon im grauen Alicrtnm nachweisbar, so wie eiwa das Cliad gnckju-Liedchcn in der Passahnacht. das übrigens auch in „Des Knabe» Wundcrhorn" ausgenommen worden ist, nicht als nnsschließlich jüdisch angesprochcn werden darf. Doch liegt dies bei m a n ch e» d e u t s ch nt Brau ch e n nahe. Sv läßt man rein ganzes Brot, auch kein Messer auf dem Tische liegen. Vvr altem gehört Salz zur Mahlzeit. Lor ihr und nach ihr begießt man die Hände. Mit dem linken Fuß soll man nicht zuerst ausstehcn. Das Bett stehe zwischen Nord rmd Süd. Alan schlnse nicht aus Hiihnersedrrn. Haare svllcn bei zunehmendem Alande, aut besten am Freitag, Kindern nicht unter ciinnt Jahre neschuilten ivcrden. Tetti plengcborenen legt man ein heiliges Buch unter das Kvpskissen. Tic Nacht vor der Tanse bleibt inan wach. Tie Kinder erhalten die Vornamen der Großeltern. Tas Lernen beginnt damit, daß man das Kind das Alphabet, aus Kuchen geschrieben, naschen läßt. Ter Braut wird vor der Hochzeit das Haar geschnitten. Feierlich wird sie in§ Bad gesührt. Sie besucht die Gräber der Angehörigen. Am Morgen des Hochzeitstages ißt das Brautpaar gemeinsam die Alvrgensuppe (Gallbeimc gemmiit, Gtticlel v. Hamei» spricht von ciium „Cliossenselialetelie"), nach der Trauung ein Hub». Beide trintur ans einem Glase und werden mit Getreide beschüttet. Alan zerbricht einen Tops und legt die Scherben aus den Braullvagen. 41,ich die Braut trägt das Totenkleid, die Brautjungfern brennende Lichte. Avrnehme Gäste beginnen de» Tanz, indem das Paar die Ende» eines Taschentuches hält. Ein Krauter wird gemessen oder geivvgcn nnd sein Maß oder Gewicht in Speise» oder Geld den Armen geschenkt. Tie kirchlidje Aussegnung der Wöchnerin erfolgt nach -!«) Tagen. Nach Eintritt des Todes werden die Fenster gcössnet, die Spiegel verhängt rmd Wasser ausgegosscn. Ter Leiehnain wird gewaschen, ihn, die 'Nägel geschnitien nnd der Mund geschlossen. Ter Totentanz (auch bei Glückcl v. Hameln ein Tanz dieses Namens) geht ivvhl ans de» Tanz des TvdesengclS (Lereseii. r. 3b, 1 «. f.) zrirück. Gegen dir Einwirkung der Gestirne ivird Stahl angeivendet. Pnienpseimigc zelgeii mitunter hebräische Inschriften. Der Narrenbischos der Fastnacht entspricht >vvl>l dem Pnrim-Nabdi. Erfurt feierte 1031 nach seiner Besreinng „2 Tage Puriin". Am I. Ostcriage ißt jnmt in Lbcrschlcsicii Alecrrettich. Zu», Qstermahl gehören Eier mid bittere Kräuter. Man hängt zum Schutze gegen den Blitz eine M:izza (Osierbrvt) in die Stube oder nagelt sie an die Scheune. Alit der Ausschrift Aßla (atta gibbor l'olam Adonai, b. h. du bist liiüchüg!» Eiviglett, v Herr) wirst man eine Maz.za bei einem Brande als Wschniittel i» die Flamme. So ivurde es 1712 von Ernst August von Sachsen gnbesohle». An den Becher Elias erinnert die schlesische „Ehrisllmdelluse". Tie Mütze eines Mabbiners eilt in Ostpreußen als glückbringend. In Krnnlhüt wird sein Segen gesucht (»nie im Mittelatter Ebriste» bei Js. Isserlein in Wiener- Neustadt verkehrten). Am Psingsten ivird besondere Alilch und Käse genossen. Eine Laubhütte gehört znm Maibnm». A» Epiphanias Iverden Lichter angezündet. Ter Ehristbani», verhältnismäßig juiigeii Dalums (in Wien hanphsüchlich durch Fainih v. Arnsteni ringesiihrh, diirste ans die Chanukka-Menorah znriickzuführeii sei»: Tie dlenorali der Bibel stellt eine» Baum dar, in den Kirchen heißen die ficbenarmigen Leuchter „arbores“ (Bäume), Manches Weihnnchlsspiel schließt mit der Klage «intvoia ai ir, hie mifb im jüdischen Jvscssspiel eine Stelle ge- Nach diesen in Eile ansgeivählte» Proben zeigt sich das deutsche Volkslelren vom Jndentiiin nicht viel weniger beeinflußt. als daS dcnlsche Jndcntnm von seiner christlichen Umgebung (vgl, „E. V- Zcitnirg" vom II, Februar d, I,). Beide Teile haben dadurch an ihrer Wesensart nichts eingcbnsst und so sollten sich jene, die jetzt wieder über „Berjudung" des Deutschlinns Zcler und Mordiv schreien, von einem Goethe belehren lassen, der durch Bibel. Bolksglnuben und Spinoza das Jiidcntiiin nris sich hat ivirken lassen, Er'schrieb eigenhändig einen hebräischen BibelverS — Pf. IG, 8 — auf ein Lesezeichen aus seiner Jugend, das sich heute im Frankfnrlcr Goethe-Hnus befindet. „Es Zeigt sich eben, dnß die anderen ebenso recht haben, nach ihrer eigentümlichen Art zu existieren, als ich nach der meinigeii," „Juden auf tvanüerschaft." Der sehr rührige Verlag „Die Schmiede", dessen Erzeugnisse stets Miherordentlich lesenswert sind, hat jetzt eine Bücherreihe hernuKgegcben, die sich „Bücher ans der Wirklichkeit" nennt. Als Heft 4 Ichneb Joses Roth: „Inden ans W a „ d e r s cha s i". Es ist ein interessantes Büchlein, das das Leben und die Wesensart der Ostiildcn. zivar nicht mir ans der Wanderschaft, sondern alich rn ihrem Heimatland schildert. Den Titel hat der Verfasser ivohl deshalb gewählt, tuet! er den seltsamen Trieb dieser ostjüdischeii Menschen, zu wandern, für cinZ ihrer charakteristischen Merkmale hält, ,.Der Ostjndc sieht nicht die Vorzüge seiner Heimat, nicht die grenzenlose Weite ves Horizontes, nichts von der Qualität des Mcnschemnatcnals, das Heilige und Mörder ans Torheit hergeben kann. Melodien von trauriger Große ntid besessener Liebe. ' Der Ostjnde sicht mit einer Sehnsucht nach dein Westen die diestr keinesfalls verdient." Es ist ein Buch voll Poesie und Liebe, nicht immer voll Wahrheit, Dnrchaus.richtig schildert Roth, wie die Ostjuden ein Leben sür sich leben. Er begnügt sich aber nicht mit dieser Feststellung, sondern er erläutert auch, ivcshalb sic dieses Leben führen müssen. 'Verbannt von der Kultur, der Uimvclt, niiniiterbrvchcn gequält »ind gedrückt, der Willkür bestechlicher Beatiiten PrciSgegebcn,' mußten sie zu dem iverden, als die sie heute scheinen: Wahre Söhne Ahasvers, ivandern sic ruhelos hierher nnd dorthiii, »in niemals die Erfüllung der Sehnsucht, die sie in sich tragen, zu finden. Und doch bergen diese Menschen, die so vielen, mich Juden, ein Gegenstand des Spottes mch der Berachimig sind, tiefe Kulturwerte in sich. Und selbst, ivcnn sie ans der Bahn der Or-dinmg und Sitte gcivorfcn ivurdcn, so mußten sie straucheln, iveil ihnen die Menschen, die sich so hoch erhaben über sie dünke», den Weg ihrer Sehnsucht verspcrrtcii. Gerade iveil dem europäischen Judengegner der Typiis des ostjüdischen Menschen ein lrclicbter Vorivand für seine judenseindliche Aetäiigmig ist. ist diese Veröffentlichung eines anerkannten Verlages eine hochcrfrcnliche Erscheinung. Leider bietet das Buch al»cr in einem Pmilie Anlaß zur Kritik, auch für den, der feinem sonstigen Inhalt gern znstimint. Der Dersasser beschäftigt sich mit der Einstellung des Ostjndcn zur jndischnaiivnalcn Idee. Daß die Ansainmlnng jüdischer Menschemnassen im Osten Europas nationalen Charakter aiigenvimnen hat, ist unbestreitbar. Sehr zweifelhaft ist es aber, ob der Wille der Ostjlidcn ans diese nationale Idee h in zielt. Und ha ist es vor alleni falsch, ivcnn der Verfasser schreibt, daß schon der Wille von einigen Millionen Menschen genüge, eine Station zu bilden, selbst wenn sic vorher nicht besiandcn haben sollte. Zur Schnsfnng einer Nation gehört doch erheblich mehr als ein Wille. Aber auch die Ersahrung, di« die neue jüdische Kolonisation im Osten zutage gefordert hat, zeigt, das; der Wille der von der Kolonisation Betroffenen selbst nicht in Nichtling einer jüdischeii Nation geht. Die nationale Frage ist auch nicht, ivic der Verfasser meint, eine uralte Frage, soiidern sie ist eine moderne Frage, die vom Westen nach denn Osten importiert ivvrden ist. Bis dahin gab e» mich für den Juden des Ostens nur eine religiöse Frage. Alle Einwendungen tut der Verfasser mit dem Hinweis ab, das; er selbst gesehen habe, daß der russische Jude erst Jude und dann Bauer ist, im Gegensatz zinn russischen Bauern. Sv einsach dürste die Feststellung nun doch nicht sei», denn es gibt sehr gründliche und unterrichtete Sachkenner, die genau die gegenteilige Bcobachiniig gemacht haben. Wenn man daher sich mit der Lösung der ostjüdischcn Frage überhaupt befassen will, sollte man sie durch das nationale Problem, dem hier eine viel zu große Bedcninng beigemcssen ivird, nicht komplizieren. Um so weniger sollte man das tu», ivie ossenbar auch der Vcrsasscr, der Ansicht ist, das; die oft jüdische Frage nur ans östlichem Boden gelöst werden kan». Das aber beweist doch >inr, daß daS Hcimntqcsühl stärker ist als der Wille znm Jüdisch-Nationalen. Rechtsanwalt Dr. Kurt 'Alexander (Krefeld). Verlag n. EchrMettcnig: Centralvcrein. dcuisch. CtaoisbUrgcr iiid. Glaubens e.V.. Berlin 8ZV 08, Lindenstraße AS. Fiir d. Echriftieit. verantw.: Dr. L u d w! g H o l l ein d ° r , B-rlin SW 08. - Druck: R u d ol f Masse. Berlin SW 68.