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Central-Verein-Zeitung · 1927-07-01 · Heft 7 (Juli 1927) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1927
Issue
Heft 7 (Juli 1927)
Date
1927-07-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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56 «ebercheiten: Boxernusstand in China, Burenkrieg und Assäre DrehfuS vollauf inAnsPruch genommen, und einzelne Mordtaten wurden ohne großes Aussehen aufgeklärt oder auch nicht. In demselben Monat wurde in einem Dorse des badischcnLandes, wo auch Juden wohnten, ein Kind vermisch und später als Leiche ausgefunden. Da von keinem vernünftigen Menschen an einen Blutmord gedacht tvurdc, konnten die Behörden alle Spuren verfolgen und mürben nicht durch ein Ncbcnnntcrsnchungskomitec, wie hier in Könitz, verwirrt und irregeführt, Ich tvagc zu behaupten, das; auch der Konitzer Mord diese Aufklärung gesunde» hatte, wenn nicht die genannt.- Zeitung und ih re H el fc rSH el fer durch die vorangegangenen A e r h ö r e » n d Belehrungen der Z e n - g c n, d u r ch z a h l l o s c A n z e i g c n bei d e r P o l i z e i diese z i e l b e w u s! t auf falsche Fährte geleit c t hatte. Sie, die Berichterstatter und Rechercheure, arbeiteten iiach einem bcstiimiitcn Schema: Der junge Atcnsch wurde ein Opfer dcS Blntaberglanbens der Inden; der Mord ein Nitnalmord, der Monate vorher schon von den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde sorgfältig vorbereitet ivurde. Die „Staatsbürger Zeitung" lag damals in der Agonie; nur ein Nitualniord oder doll) ein Aussehen erregendes Verbrechen ä la DreyfuS in Deutschland, konnte Hilfe, d. h. Abonnenten bringen. Zunächst mußten Gelder hcrangeschasst ivcrden, iind so fanden sich wohl einzelne Fanatiker, die im guten Glauben Opfer brachten, oder solche Antisemiten, die mit Freude» diese Gelegenheit benutzten, um den verhaßten Juden einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Daun wurden vier bis fünf Reporter gedungen, die in Könitz jedes Dienstinädchen, besonders solche, die bei Juden in Stellung waren oder gewesen waren, jedeii Schüler, gelegentlich auch einen ivanderndcn Handwerksburscheu, im Notfälle auch Kinder auf der Straße, verhörten. Denn diese Burschen mußten täglich zweimal Bericht erstatten. Die so gefundenen Zeugen ivnrden dann zur Polizei geschleppt. Diese soivie die Untersuchungsbehvrden inten ihre Pflicht, verhörten und vereidigten sie, und so mußte ein Arbeiter M n ß - l o f s und seine Schivicigermnttcr, die beide durch iviinderbare Märchen die Reporter erfreuten, init Zuchthaus büßen. Die Mannen Bruhns kamen etwa 8 bis 10 Tage nach der Entdeckung nach Könitz, und da die Polizei bis dahin noch nichts gesunden, nahmen sie die Untersuchung in die Hand. Ich muß der „Staatsbürger-Zeitung" das Zeugnis gebe», daß sie streng methodisch vorgegaiigcii ist und keinen Punkt außer acht gelassen hat. Daß sie leine anderen Beweise lind Zeugen gesunden, ivie ich sie angegeben, ist nicht ihre Schuld. Wirklich ehrenhafte, vertraucnslvürdige Männer waren für ihre Zwecke nicht zu haben, konnten nicht gefunden werden, denn nur die Tat selbst und die Biotive dazu wurden entdeckt, und nicht der Schatten eines Verdachts auf irgendeinen Inden ergab die höchst eingehende Untersuchung. Die Wirkung in öer prsvinz. Mit allen Mitteln versuchte man, ans dem Mord einen Ritualmord zu machen. Zuerst ging, wie mitgcteilt, der Klingelbeutel herum, »m den Druck der zweimal erscheinenden „Staatsbürger- Zeitung", die in den Nachbarorten urbi et orbi gratis verteilt wurde, und um die Reporter, die eins lustige, bierreiche Zeit in Könitz verlebten, zu bezahle». Dann wurde aufs neue geschnorrt, da die 400 Mark, die die Antisemiten und die „Jungfrauen" von Könitz sür ein Grabdenkmal des Ermordeten spendeten, nicht hingereicht hatten. Die Gesamtsumme aller dieser Aufrufe und Spenden habe ich nie in der betreffenden Zeitung gelesen. Bei dieser Gelegenheit wollen wir nicht unerwähnt lassen, 'wie diese Zeitung sür eine öffentliche Beerdigung des Ermordeten agitiert hat. Sie bursch annehmcn, daß dieses Ergebnis sicher zu einer Revolte gegen die Jichcn führen würde. Sie hatte sich getäuscht. Die Jude» blieben selbstredend in ihren Häusern, und wc'nn auch die Zeitungen behauptet haben, es hätten Jüdinnen aus den Fenstern gekichert und sich lustig gemacht, so konnten sie doch weder'ein Haus noch einen Namen nennen. Mehr Glück hatten die Aufwiegler in der Provinz. Man muß die Art und Weise der „Staatsbürger-Zeitung" verfolgen, in der das Bolk aufgewühlt wurde: „Die Unruhen in Könitz wachsen von Tag zu Tag. Das Volk schreit nach Rache! Der Zorn der christlichen Bürger ist bis zur Siedehitze gestiegen! Die Erregung spottet jeder Beschreibung!" Und wenn auch anfangs durchaus' keine Unruhe bemerkt wurde, so wirkten die Racheschreic aus der Berliner Redaktion von Nummer zu Nummer, Die Zeitung schrieb weiter: „In der Provinz beginnt das Volk Ml M erheben; es übt seinen Zorn an den Geschaftslokalen und Fenstern." Und der Janhagel gehorchte pünktlich, wie es die Zeitung deutete. Mehrere Revolten in Schlvchan, Hammerstein, Baldenvurg, Bütow „sw. Uebernll dieselben Rufe: „Hepp hepp!" und eine neue Snmmbnndübuiig: „Puh!" Wie dieses einsilbige Wort auf uns gewirkt hat, vermag ich kaum zu schildern. In «chlochau befand sich damals, und wohl noch heute, eine Taubstummenanstalt. Auch diese Unglücklichen kannten und übten diesen Ruf, und ivo ich die Eleven tras, bekam ich pünktlich diesen freundlichen Gruß. Kein Jude konnte die Straße passieren, ohne daß vor ihm ausgcspuckt wurde. Als ich einst in der Bahnhofstrntzc einige junge Damen bemerkte, die vor ledcm Juden ostentativ ansspnckten, da trat ich zu einer Gruppe heran und sagte: „Ich finde es gar nicht schön, daß junge Dainen schon so früh Tabak kauen. Wenn Sie aber dabei nusspucken, so nehmen Sie doch den Amerikaner zum Muster, der macht es bester! - Mer nicht einen Schifferknccht!" - „Frecher cYuS war die Antwort. ■ -.v" Die abendlichen Ausschreitungen gingen nach einem b Plan vor sich. Wenn sich eine Anzahl des Pöbels versamineiÄ tvarfcn einige geübte Mnstcrknaben große Steine, nicht fM Fenster, sondern an die steinernen Zwischenwände der HäuseM, dem Gesetz der Schivere schnellten die Steine aus die WS zurück. Das war das Signal. „Ho, ho, die Juden werfen ans die harmlosen christlichen Spaziergänger!" Und nun a Bombardement los. In den geimn-men «trotzen und FW blieb keine Fensterscheibe ganz. Und sie winden auch woL nicht erneuert, da sie doch iminer U'iebt'v von dem Pöbel zertrij» ivnrden. An und in den Synagogen zn Könitz, Hammcrsteiw- Baldenbiirg wurden nicht allein Zäune lind Fenster, sonderst ganze Einrichtung völlig zerstört. Das Innere der Lynagvg» Hammerstem habe ich selbst sür die Wochenschrift „Israelit? Mainz photographisch anfnehmen lassen. Kam es zu einer Anzeige wegen Ln>idcs;r,ede»sbri,chcs. so jat sich genügende Zeugen, die die Juden beschuldigten, daß sie du Schimpfworte und Steinwttrse daS Volk gereizt hätten. Und st in Könitz, wo der Landrat beschimpft, der Vürgeruicistcr und *, Kriminalinsncktor mißhandelt ivnrden, kam es zu einer Verurteil^ der Erzcdciitcn. Das geschah nach einem Sonntag, ivo nicht alle die Bürgerschaft durch einen besonderen Alnrniartiket in der Zeit»» aufgeregt, sondern die ganze Umgegend ans fast allen Dörm Durch Stassctten mittels Radfahrer anfgebotci' wurde. Mennnicht irre, marschierte an diesem Tage ein Bataillon aus der C son Graudenz ein. Ich habe es aber auch erlebt, daß ein alter leidender jüdiW Kantor (Gabbe nus Prechlan) von einer Rotte Buben mißhandH uich blntiggcschlagim ivurde. Tie Täter liefe» znm Ortsvorstch« und machten Anzeige, daß der alte Man» sie mit Steinen gcwor hätte. Und der mißhandette Greis ivurde ivegen Aiisreizniig bestra Was ich hier ans meinen Eriiiiieriuigeii mid Notizen nied« geschrieben, ist nur ein Gerippe der furchtbaren Tragödie'des Zahlt 1900 in Westprcußen. Die Wirkiingeii aber ivareu ungleich schwer! Monatelang konnten die seinen Händler ihren Gesebäften nicht nai gehen, da sic überall, besHMrs ans dein Lande, beschimpft mid mi handelt wurden. Die LMst der jüdischen Kanslente standen fee die Angestellten ivnrden emuDen. Ein großer Teil der vermögend^ Gcmciiidciiiitgliedcr in Dlvliitz, Batdenburg, Hminnerstein m Schlochan verließen die aMZiebgcwvrdciie Heimat. Das Gemeinö einkommeii in allen dieses Oemeinbcii ivurde stark geschädigt u 1 ‘ städtischen Behörden haben sicher auch den Ausfall der Komu steuern gespürt, abgesehen davon, dag die Stadt Komtz durchs Besatzung schwer gelitten hatte. Das bisher friedlicheEiiwerneht mit der christlichen Bevölkerung ivar völlig gcschwimden. Pi wegen Beleidigung, Bcschiinpsiiiigen und Mißhandlungen > an der Tagcsordming. Der „«taatsburger-Zeililiig" lvimcn wirsl Zeugnis nicht versagen, daß sie wacker gearbeitet hatte, dauernden Segen innerhalb der antisemitischen 'Parteien { wagen wir zu bezweifeln, denn die Wortführer ivnrden all. sehr kleinlaut. Die Zeitung selbst hat mir mit Mühe und Noch» einige Jahre über Wasser gehalten. Heute aber ist sie ausoj» Blüttcrwalde verschwunden. Es konnte doch nicht altjährlichW einem Morde oder einem Totschlag ein Blntmord fabriziert n was unser Lentralverein tut. Was aber bedeuten diese paar Notizen gegenüber allen Arbel des Centralvereins! Freilich muß ich mir den Bvrwnrf mac! daß ich selbst nicht wenig dazu beigctrngen habe, ihn in ftetec/S Regung zu halten. In allen benachbarten Gemeinden, die ich-A zum Teil genannt habe, kamcii die Beschwerdeführer zu mir, UW ihnen allen konnte ich nur den Rat geben: Schreiben Sie.Ü^ den C e u t r a l v e r e i n! Daß Dieser stereotype Rat besah ivurde, dafür geben die iimfangreichcn Akten genügende Bewehr Es blieb keine Beschwerde ohne Erledigniiq, keine Bitte ohne mögW Berücksichtigung. Was das Bureau 'des' E. B. und besonders »f unvergeßliche selige Justizrai Souneuseld damals geleistet Hab« muß heute nach 27 Jahren noch von „ns allen Dankbar ancrkaM werden. Hätte das Bureau nicht überall die Behörden auf-W zahlreichen Gefahren, denen die Juden ansgesetzt ivaren, aufmerksM gemacht, iväre durch seine energische Intervention in Könitz kiN> militärische Besatzung erfolgt, die Inden dort ivaren ein Opstr-d aufgewühlten Pöbels geworden. Geheimer Justizrat W. Lberneck iBerlin) feierte vor ki.-zeii^» seltener Frische sein fünfzigjähriges Denktju-bilämi,. Er steht noch Vsi seiner Tätigkeit als eine Zierde der deutschen Anwaltschaft. Seine.» schaftlichen Arbeiten, insbesondere aus beut Gebiete des (SriintwUOTj mid des NvtarrcchtS, seine Tätigkeit als Herausgeber der Zeitschrns Deutschen Notarvercius, dessen Jüdin,m er feit Jahren angehvrchZ ihn auch wisseuschastlich in erste Reihe. Persönlich ist dieser u« würdige, jederzeit hiljsbereite, vorbildliche Llmvatt auch das VouuWM guten deutschen Juden. Er hat sich trotz seiner ArbeitsübcrlastUlE" auch in den Dienst deutschjüdischer Interessen gestellt.. Ganz vgalt seine Tätigkeit der Förderung des Krankenhauses der Jüdischen Gemeinde, lins war er stets ein guter Freund, der d sür unsere Ideen eintrat. Mögen ihm und -uns noch viele segneter Tätigkeit beschi-eden sein! Verlag u. Echristleitrmg: Leniralocreiir deutsch. Etaotsbiirger Berlin SW 68, Lindenstraße 13. Flir fr. Echriftleii. verantw.; SH» $ o II än b e t, »erlitt SW 68. — Druck: Rudolf Masse,

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