Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-07-01 · Heft 7 (Juli 1927) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1927
Issue
Heft 7 (Juli 1927)
Date
1927-07-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2571117-2571131-2571138--166-2571470
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

SrgMMsLarM-lkvmrs ürullcner SLaaksdürae»' iüMLWSlovvens'L MrsürKeMclitum frTopgnturo.1 Die MMW Eymbele. Won Nrofefsor Dr. Erik Nöiting (Frankfurt a. M Es ist ein altes Thema der Soziologie, daß im sozialen ruppenleben die Unmittelbarkeit der Anschauung verlorenst. Völker und Rassen, Klassen und Parteien sehen sich nur och durch einen Schleier von Vorurteilen und Entstellungen, ie Oekonomie des Lebens zwingt uns dazu, in Verdichtringen l denken. Wir müssen den Begriff „des Deutschen", „der „des Proletariers" bilden, wenn wir in einem unbersehbaren Gewoge die Ordnung nicht gänzlich aus der and geben wollen. Nun ist mit jedem typologisierenden rken die Gefahr einer Schematisierung unlösbar verbunden. kann nicht ein gesellschaftliches Kollektivurtcil über die ui abgeben, ohne der einzelnen Erscheinung, der konkreten mance damit unrecht zu tun. Dennoch wäre die Gefahr icht so schlimm, wenn es sich bei den durch Typisierung entehenden Kollektivgebildcn um das handelte, was die Wissendst den „reinen Jdealtypus" nennt, d. h. um den Prägeften und konzentriertesten Wesensextrakt. Jede Gruppe die, um zu klarem Eigenbewußtsein zu gelangen, ihr iruppenselbst heraushebt und die sich als Korrelat das Bild ' : anderen Gruppe gegenübcrstellt, ist bei diesem Prozeß t unentrinnbaren Zwang unterworfen, von der Wirklichabzuweichen und statt wirklichkeitstreuer Porträts slischees anzufertigen, die die Lebensrealität verfälschen. Man ilisiert und idealisiert das eigene Bild und verzerrt und entxllt das fremde. Immer ist die Fixierung' des eigenen Lesens verbunden mit Eigenlob und Dünkel. Immer wird us den eigenen Zügen eine Auserwühltheit, eine Sendung ^rausgelescn, möge sie auf göttlichem Beschluß oder auf fgssenanlage oder besonderer historischer Mission beruhen. Der -berbelichtung des eigenen entspricht aber eine Verdunkelung s fremden Wesens. Stets führt hier, wenn auch häufig unwnßt, eine unfreundliche Absicht die zeichnende Feder. Nur tf dem dunklen Hintergrund der anderen erhebt sich um so ögenfülligcr die strahlende Reinheit der eigenen Art. Statt ßesensanalyse treiben wir Symbolik. Diese Symbole aber, r wir von uns und den anderen entwerfen, sind ebenso auskzeichnet durch eine außerordentliche Beharrlichkeit wie durch me tiefe Unbekümmertheit um alle wirkliche und reale Erwrnng. Cymbolurteile sind souverän, und jenseits aller Mpirie, nicht gestützt ans Erfahrungen, deuten sie diese um. Jemals vermag eine Theorie sie zu widerlegen, niemals ein Mrgang sie zu erschüttern. Erhöhung des eigenen und Mabsetzung deS fremden Wesens ist der Zweck aller sozialen Wnbolikf sich selbst zu entlasten, den anderen aber zu bewveren, ist ihr geheimer Sinn. Dabei sind solche Symbole Hcswcgs nur das Spiel einer müßigen Phantasie. Sie sind Mchtsbewegende Mächte von außerordentlicher Wirksam- |. Sie sind die fürchterlichsten Götzenaltäre der Menschheit, m denen Blutströmc durch alle Zeiten rinnen. In historische Mntasiekostüme gekleidet, sind die Menschen zu allen Zeiten Mnander losgerannt, immer war das verlogene Spiegel- [ ihnen wichtiger als der unverfälschte Wesensausdruck. Liegt im Menschlichen das Gemeinsame begründet, so das Trennende im Klischee. Uns aber treibt ein finsterer Dämon, das Trennende und das Klischee zu sehen. Von der unheilvollen Macht der sozialen Symbolik handelt ein Buch, das Dr. Michael M ü l l e r - C l a u d i u s unter dem Titel „D e u t s ch e R a s s e n a n g st" unlängst im Verlag C. A. Schwetschke & Sohn erscheinen ließ. Esist ein Nachteil dieser sonst sehr bedeutsiunen und wertvollen Schrift, daß sie den Antisemitismus zu sehr als bloßen Einzelfall betrachtet, statt in ihm eine der unzähligen Abwandlungen zu erblicken, die die moderne Soziologie längst analysiert hat. Aus diesem Grunde vermögen wir auch dem Kernsatz dieses Buches, der heutige Antisemitismus sei n u r entstanden aus R e l i g i o n ssymbvlik, nur mit starker Einschränkung zuzustimmen. Ter Antisemitismus entsteht unseres Erachtens vielmehr aus dem jeder Gruppe innewohnenden Triebe nach Selbstabgrenzung und Ueberhebung. Dabei ist es selbstverständlich, daß in einer Zeit, wo alle Empfindung und alles Denken die religiöse Orientierung auswcist, die erste judcnseindliche Symbolik zunächst die religiöse Färbung annimmt. Als sich später im allgemeinen Kurssturz der religiösen Werte die Bewertungsweise von der religiösen auf die rassischen und nationalen Ünterschiedsmerkmale umlagerte, konnte sich natürlich auch das Judensymbvl diesem Bedeutungswandel nicht entziehen, so daß neben dem religiösen der ökonomisch-biologischkulturelle Antisemitismus in den Vordergrund tritt. Auf dem Grunde aber wirkt der ewig gleiche Abhebungsdrang, der von' dem Augenblick an vorhanden ist, wo das zunächst vegetative und unbewußte Gruppenlebeu in die Zone der Bewußtheit und Selbstspiegelung tritt. Nur die historische Ausdruckssvrm der Symbolik wechselt, aber bleibend ist ihr Gehalt und ihr Funktivnswert. Immer soll der Jude als der Schädling dar» gcstellt, immer sollen die abwehrenden Gruppeninstinkte am antisemitische Woge über Deutschland hinweggeht, der Messiasmörder, der Ungläubige und Gottwidrige, der Gottes Zorn ins Land trägt, an dcm'die Tat bon Golgatha noch.einmal zu verdammen und zu richten ist, so ist er später in einer Zeit, in der die ökonomische Zielsetzung überwiegt, .der Wucherer und Halsabschneider, gegen den deutsches Gewerbeleben und deutsche Wirtschaftssitte geschützt werden müssen. Ebenso selbstverständlich wird er in einer Epoche, als sich .das Anä hpttl Professor Dr.Erik Rölting (Frankvtlll JHlJUU. furt «. M.: Die Macht der Symbole. — Georg Hermann: Max Liebermanns Stellrms innerhalb der Moderne. — Dr. Richard Lewiusohn (Berlin): Genf und Stockholm. — Rabbiner S. Kstnsri (Berlin): Kulturkampf? — Der verleumdete Talmud. — Lion Wolfs: Wie ein Ritual,nordinärchM ««WW wird. .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.