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Central-Verein-Zeitung · 1927-06-01 · Heft 6 (Juni 1927) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1927
Issue
Heft 6 (Juni 1927)
Date
1927-06-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sagen von Moses. Von Ernst Listauer (Wien). Das große Werk „Die Sagen der Juden' wird, nach einer Pause von mehreren Jahren, vom Verlag Rütten u. Loening in Frankfurt n. Main wieder ausgenommen. Micha Josef bin Gorion hat den Stoff dieses Bandes noch zu seinen Lebzeiten gesammelt; als Uebersetzer und Herausgeber zeichnen nun nach seinem Tode Nahe! und Emanuel bin Gorion. Wer, wie der Verfasser dieser Anzeige, an diesem gesamten Bereich mit besonderer Eindringlichkeit äeilnimmt, dem ist jede Zeile unschützbar; eine andere Frage ist, inwieweit diese Sagen einen gebildeten deutschen Juden, eine gebildeten Deutschen überhaupt, angehen, wie weit sie nur geistcsgcschichtliche Zeugnisse von allerdings nicht überschühbarer Bedeutung sind, oder aber eine sozusagen selbstverständliche Lektüre, gleich den Volksmärchen und -sagen der Deutschen oder anderer Völker, wie sie etwa das große Mürcheuwerk des Verlages Dicderichs sammelt. Diese Sagen sind dem gesamten nachbiblischen Schrifttum entnommen, insbesondere, wie es im Vorwort zum ersten Baude heißt, dem talmudisch-midraschischen. Sie deuten die Erzählungen der Bibel und legen sic aus, doch nicht begrifflich, sondern wiederum durch Erzählung. Man glaubt oft mjt vollkommener Klarheit zu erkennen wie diese Sagen entstanden: Fragen wurden im Gespräch von Lehrern untereinander oder in der rabbinischcn Schule aufgeworfen, und die Antwort gab neue ergänzende oder ausschmückende Tatsachen. Mit anderen Worten: man erfand, man fabulierte, ohne sich dessen bewußt zu sein; man dichtete — und je nachdem mm das dichterische oder das begriffliche Element überwiegt, wirkt diese gleichsam von selbst entstandene neue Ueberlicfcruug auf den heutigen Leser dichterisch, visionär, sagenhaft oder aber verstnndesmäßig, erklügelt, allegorisch. Diese Sagen ergänzen die Nachrichten, die wortwörtlich geglaubten Nachrichten der Bibel. Der Stil der biblischen Ucberliesernng ist in großen, sehr anschauliche», sehr konkrete» Umrissen gehalten; diese werden mm durch naturalistische Einzelheiten ausgeschmückt. Der Dort des Allen Testament-:- besteht, >vie vielfach heute angenommen wird, aus einer Anzahl verschiedener, im Alter mit Jahrhunderte getrennter und mannigfach durcheinander geflochtener Schichten: viele Züge widersprechen der Frömmigkeit der Spätzeiten: diese Unstimmigkeiten werden abgeglichen. Wenn wir uns diese eigentümliche Einstellung vergegenwärtigen wollen: es ist. als ob wer fragte: Warum ist es dem Dichter Goethe gegeben, in Versen zu sprechen, und man daraus mit einer Begründung antwortete, die selbst Dichtung wäre, oder, als ob jemand die große» freskohaften Linien von Goethes „Iphigenie" durch Züge im Siit des „Florian Geyer" nussüllte. So wird einmal ausdrücklich eine Unterhaltung zweier Lehrer über die Wanderung in der Wüste gegeben. Der eine fragt: „Zogen da auch Weber mit?" Ter andere verneint. Aus die weitere Frage, wie es also um die Kleidung bestellt war. erfolgt die Antwort: „Sie waren gekleidet wie die diensttuenden Engel: in köstlich gemustertes Zeug." Und weiter Frage und Antwort: „Wurden den Kleinen die Kleider nicht eng?" — „Die Hülle wuchs mit dem Kind." — „Verdarben nicht die Kleider?" —• „Die Wolken der Herrlichkeit machten sic neu und glänzend." — „Rochen sic nicht nach dem Schweiß?" — „Der Wunderbrunncn ließ Geivürze und duftende Kräuter aussteigen. und mit denen wurden die Kleider abgerieben und dufteten so herrlich wie diese." Man sieht: die Notwendigkeit macht den Antwortenden zum Dichter. Oder: es wird als unwahrscheinlich empfunden, daß Moses nach der Tötung des Aufsehers entfliehen konnte, Antwort: „Es war so: Als Pharao den Mose bei der Tat ergriff, wollte er ihm den Kops abhaucn, aber das Schwert glitt von Moses Hals ab und zerbrach." Nun aber kiiüpst sich an die Vorstellung des Halses in dem die GrsamtlM des Alte» Testaments überschauenden, der Parallelismcii gewohnten Hirn des antwortenden Rabbis eine Assoziation: „Es heißt im Hohelied: „Dein Hals ist wie ein elfenbeinerner Turm." Damit ist der Hals Moses gemeint. Das ist natürlich vollkommen unsinnig, und dergleichen hat uns gar nichts zu sagen. Oder es heißt: „Unsere Lehrer erzählen: Mose sah mit seinem Prophetenauge, daß dem Gottlosen in der ganzen Kette seiner Nachkommen nimmer ein Gerechter entsprießen würde, und so hielt er Rat mit den Engeln und fragte: .Verdient es dieser, getötet zu werden?' Sie antworteten: .Jawohl." Diese Deutung erscheint gleichfalls überaus erklügelt; sie ist offenbar die Antwort aus die Frage, wie Moses, der später das Gebot erließ: „Tu sollst nicht töten", jenen Totschlag begehen konnte. So ist in diesen Sagen Herrliches und Abstruses, Geschautes und Gedachtes, Gesichtchaftcs und Getüfteltes durcheinnndergemischt, und so auch in den erste» drei Banden des Werkes, die von der Urzeit, den Erzvätern und den zwölf Stämmen handeln. Als einnial erörtert wurde, worin die besondere Artung des westlichen Juden sich auspräge, der dock; weithin den Völkern gleicht, denen er zugehört, erinnerte Julius Bab an den Anfang deS „Nathan". Da,a ruft, gefühlsmäßig, unlogisch: „Er ist es, Nathan! Gott sei ewig Dank, daß Ihr doch endlich einmal wiedcrkommti" Nathan antwortet mit heiter fragender Logik: „Ja, Daja! Gott sei Dank! Doch warum .endlich? Hab' ich denn eher wiederkommcn wollen? . Und wiederkommen können?" Und wir erinnern uns der bekannten, auch im Witz scstgehaltenen Unsitte vieler Juden, aus eine Frage «ut einer — nicht immer logischen — Frage zu antworten. Dieses Fragen liegt Diesen Sagen zugrunde. Eine ungeW drängt und wogt. Eine unermeßliche Liebesumfaßtch rungen der herrlichen Vorzeiten. Diese.Frager sindF„. frühreife, scharfsinnige Kinder; seltsam mischen sich Naiviüi wiitzthelt. hingegebener Glaube und logische'Kritik. J.Z, Nicht selten sind die Vorstellungen, die in den Antw^Ä scheinen, unvorstellbar, eben mehr erdacht als geschaut; zun?^S findet sich in einem anderen Werke bin GorionS, dem „BornN die gewaltig- Legende: MofeS, um eine Taube vor dem-FM retten, schneidet sich von seinen eigenen Armen Fleisch hg Der Gedanke ist über die Maßen herrlich, das Bild gräulich.-la solche abstrakten oder häßlichen Vorstellungen finden sich auchM christlichen Legenden des Mittelalters; aber sie sind schlechthW Bewunderung entstanden, es mangelt jedes Element der Frag« diesem Sinne ist cs tief charakteristisch, wenn Sarah nicht g" daß sie in ihrem Alter noch ein Kind Mtbärcn kann, wenn selbstam Gelingen seines Werkes zweifelt, und so wird das „Mur'3 des Volkes in der Wüste in einer dieser Sagen höchst bezeichn mit dem Wort gegeben: „Da begannen sie untereinander zu und zu murren: Ist wohl der -Herr unter uns oder nicht?" Sie grübeln; sic fragen. Ein ganz außerordentlicher Reichs an Zügen und Deutungen, Erfindungen. Gesichten solcher Art M jedem dieser vier Bände enthalten. Nach sei einiges ethisch /.ff dichterisch Mächtige hcrmisgchoben. Welche tiefe Aussage über st' Wirkung des großen Urschöpfers in diesem Satz, der das endet: „Die Seele Moses breitet sich aus und ist da in jedemstD schlecht und Zeitalter; sie erlebt ihre Urständ in jedem >veism uL, gerechten Manne, der in der Lehre forscht." Dieser Gedanke M Nachwirkung — der „Tradition" —, der für daS Judcntupi so übe«, aus bedeutsam ist, ward herrlich Bild in dieser anderen Deutung? „Gott sprach zu Mose: Bon deinem Geist will ich nehmen und au! die siebzig Aelteston legen. Nahm Moses Weisheit dadurch'nicht ab Nein, Mose war ivie ein Licht, mit dem man viele Lichter anzündm kann, und es behält doch seine Leuchtkraft." Und wiederum der Ge danke des Zusammenhangs und der fortwährenden Verschuldung „Rabbi Assi sprach: Es gibt kem Geschlecht, daS nicht mittrüge an der Last, die die Sünde vom goNfenen Kalb verursacht hat", — Um dichterisch-geistliche Deutung daz Dab- und Gutgier, die alle ZAst alter kennzeichnet. - , Ungeheure Visionen erwachs^kl/iiii Umkreis der biblischen Gesetzt gebung und stehen ihr an Gewalt nicht nach. Der Sinai erzittrr in Erwartung Mose; als aber Moses ihn betreten hat, steht er still Die Berge Karmel und Tabor begehren, daß die göttliche MajeÄ aus ihnen ihren «itz aufschlagc; ihnen wird verheißen, daß sie e« höht werden, jener durch Elias, dieser durch Dcbvrah. Da bebM alle Berge in zorniger Eifersucht; ihnen wird Antwort: der Simm wird erwählt, weil er „der geringste ist". Ein seelisches Wort aM christlichem Umkreis: „Die Letzten sollen die Ersten sein" erklingt hiek seltsam als eine Bergsage. Oder die mächtige Schilderung Schweigens während der Verkündigung des Gesetzes. Hier wird von verborgenem Gut Kunde gegeben, das mindesten zu einem Teil dem Grundsatz menschlicher" Dichtung angehörtz Gerade darum erscheint es kam» zweckmäßig, auch solche Dem tungcn und Züge zu bringen, die unserem heutigen GefÜ« widersinnig oder widerwärtig erscheine»; denn cs steht zu bcfürchteM daß die Wirkung der hohen Ucberliescrungen durch die geringeren beeinträchtigt wird. Wie dem aber auch sei: das Werk bedarf lieH voller Versenkung und Sammln,ig, in der sich das Mächtige urt| das Dürftige von selbst scheide». In diesem Sinne ivünschen wir, in viele Hände. Nach Redaktionsschluss eingegangen. Die rujflschen Hinrichtungen. Auch ein Jude zum Tode verurteilt. Die s o w j c t r u s s i s ch e Regierung hat in den leH Tagen eine größere Zahl angeblicher Gegenrevolutionäre hinr^s lassen. Ta die völkische Presse bereits, wie üblich, von dem " rausch Sowjetjudäas" schreibt und die bedauerlichen Todesu^ die auch verschiedene hohe Adlige und alte Ossizicre betroffen ha als „Christcnpogrome" hinstcllt, sei festgcstellt, daß sich unter Hingerichteten auch e i n I u d c befindet. Die „Jüdische Telcgr^ Agentur (JTA) meldet darüber: , '■? „Unter den 20 Hingerichteten in Rußland befand sch Salomo n Gurewitsch, der Sohn eines jüdischer^ manns in M o s k a u. Es wird von ihm behauptet^ während einer Versammlung in Moskau einen SchustM Kommissar B u ch a r i n abgegeben haben soll. SPäterH Gurewitsch ein Attentat gegen Stalin und Rhkow- Versuche wurde er gesaßt und saß einige Wochen im, Jetzt, aus Anlaß der neuen Attentate, wurde er o h nsti hingcrichtct." Verlag u. Schrrstlettumg: Lentralvereln. -deutsch. Siaatsbllrser 1 Berlin SW 68, Lmdanflrahe 18. Für d. Cchristleit. verantw.r- Wtener. Berlin SW68. - Druck; Rudolf'Mosk,

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