Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 11 (November 1926)
- Date
- 1926-11-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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und Ferment in die Völker der Welt überging, ist cs ganz nmnöglich, sie mit einer Kategorie zu fassen. Wenn nur daher d i c S t c l l unq der Inden z„ r de ntscheu Musik verstehe» wolle'», so tn» wir gut. die G e g e n ü b c r st e l l » n g von jüdischer und deutscher Seele zu ri » t e r l n s sc n. Diese geschieht in doppelter Farin, Entweder spricht man de», Juden das Verständnis für die dcntsche Musik ab; oder man billigt ihm das Verständnis zwar zu, behauptet aber, die Aufgabe sei für das Iudeiitnm, die ihm iveseiisgemäsic Art der Musik zu schassen, die dann doch in deutlich erkemibaren Griindecu erkennbar sei (Klangfarbe ivichliger als Tonalität, „Antinionictehre", Urgestnlt des EprechgesaiigeY, Die erste Art ist die eines mehr oder ivcniger seinen Antisemitismus, die ziveitc die A»fsassiing von Dcrl, ctiva im zianistischen Sinne. Die antisemitische Ansicht ist leicht zu widerlegen, ES mag einem noch so schwer fallen, es ziiziigestcheu — und ich bekeiiue, das; ich ernstlich mit der Frage gerungen habe —, bei tieferem Eindringen »»ist man sagen, das; i» der Nachschöpsnng der grössten Werke nnscrcr deutschen Mnsik w i r k l i ch k c i n II n t e r s ch i e d z iv i s ch e n Deutschen und m ä n 11 er n j übischer A bst a m m n n g besteht. Die Tat der Miederentdeckung Bachs durch Mendelssohn kann durch die — im übrigen gar nicht licsgchenden — Bedenken Wagners nicht verkleinert Iverden, Ob M c n d c l S s o h n, Hermann L e v i, Gustav M a h l e r, Bruno Walter oder Abendro th die Werke unserer Grasten interpretieren oder Ai v t t l, S t c i n b ach, R i ch n r d S t r n » st, das macht nie einen wesentlichen Unterschied, Die jüdischen Interpreten Nüssen auch um die Vermittlung des Schwebenden. Distanzierte», Unendlichen in Bach, Beethoven, V r a h in s, sic iverden dein „Dionysischen" in Beethovens Siebenter oder Brahms Aierter ebenso gerecht Ivic dem „Apollinischen" in Mozart oder Händel, Aber da sagt man: Ja, als Nacheinpfinder, Anglcicher, Ausschvpfcr zugegeben, doch Ivo bleibt die s ch o p s e r i s ch e Tätigkeit? Auch in dieser Frage wollen Nur uns nicht mit billigen Mitteln eine Lösung erschleichen, Zivei Gesichtspunlte erscheinen mir da wichtig. Einmal ist mit Recht bemerkt worden, das, Deutschland bis auf die klassische Zeit leine jüdischen Komponisten hervorbrachte, und dast der erste derselben der svgenninile „Bcrwässcrer der Klassiker", Mendelssohn, war. Das ist richtig und hat ctivas z» bedeuten, Aber was? Doch vor allein dies, dast cs de» Juden vor ihrer Emanzipation nicht möglich tvnr, mit jenem letzten tiefen B e r t r a n c n, mit jenem Gefühl einer wirklichen Verwandtschaft aus dem Born deutschen Empfindens und G e st a l t c » s z u f ch öpsc 11, die gerade zur Schafsnng nnisikalischcr Werke notig sind. Zn sehr hatte sich das Gefühl der Ablehnung und der Fremdheit, eben das unwiderlegliche Ghettvbenmsttsem, der jüdischen Seele bemächtigt. Und nun war cs doch so: Die ganz groste» Zeiten der abendländischen Kultur waren vorüber, Nikolaus Gusnnns, N einst randt, Vach, Goethe koinnien nicht ivieder, Spenglers Konzeption eines organischen Werdens und Berfallens ivird da recht behalten, mag da koinnien, ivas da »uill; selbst eine neue Kultur aus dem alten Boden Europas wird daran nichts ändern lönncii. Und da gab e8 für die Inden jenes unerbittliche, schicksalhafte „Zn spät", das mm einmal ans der Weltgcschichtc mit ihrer Einmaligkeit (Koniingeiizj und der Uinviedcrbringlichkeit der Entscheidimg nicht zu streichen ist. Wenn sich nun die Inden in solch hervorrnaender Weise an der Lebendiginachimg de? Gröstten in der deutschen Knllnr als wahre Ausdentcr beteiligen, so ist daS eine Gelegenheit, das Bersämntc wieder gntznmachcn, und gerade Nichijndcn sollten das dankbar nnerlenncn und die Jiiden nicht sür ihre, der „Ehristen", Sünde» durch eine Ablehnung strafen, die menschlich und sachlich gleich »„gerechtfertigt wäre. Aber man geht ja weiter ,md sagt, der Jude sei zur konzentrierten Gestaltung ans der deutschen Scctc heraus nnfnhiq. Man nimmt die Waffe» in diesem Kampfe ans dem Arsenal W n g „ c r §. Tie er, ZN sehr ans M c n d e! s s o h n und M e y e r b e c r hinstarrend. sagte ja, der jüdische Musiker werfe die verschiedenen Formen und Stilarien aller Meister und Zci-ten durcheinander, Oder er stellt Beet l> v v e n und M c » d e ls so h „ („der uns gezeigt, dast ein Jude von reichster spezifischer Talcntfnllc sei», die feinste und innniiigsaltigstc Bildung, das gesteigertste, zarten,pfiiidcnde Ehrgefühl besitze,,' kann, ohne durch die Hilfe aller dieser Vorzüge cs je ermöglichen z» können, a»ch mir ein einziges Mal die tiefe, Herz und Seele rrgreisendc Wirkmig ans uns hervorzubringcn, welche wir von der Kunst erwarte»") gegenüber, Da sagt er: „Rang der letzte i» der Kette unserer wnhrhnstcn Musikherocn, Beethoven, mit höchstem Verlange» »nd wniidcrwirkendem Acrinvgen nach klarstem, sicherstem Ausdrucke eines >nisäglichcn Inhaltes durch scharfgcschnittene, plastische Ecstaltnng seiner Tcnbilder, sv verwischt dagegen Mendelssohn in seinen Produktionen diese gewonnenen Gestalten z»m zcrsliestcnde», phantastischen Schattenbilde,.." Rn» ivird cs ja viele geben, die zmn mindesten Über einzelne Werke Mendelssohns anders denlc», aber auch, wenn mir Wagner diese radikale Unsähigleit, ans der ursprünglichen deutschen Seele heraus zu gestalten,' zngebc», sv bleibt doch auch hier ivieder, in einem noch tieferen Sniii, jenes schicksalhafte ,Lii spät". Denn daS deutsche Wesen ist nickst mehr in seiner ursprünglichen Fülle, >vo man die Dinge der Diese noch nnmittelbar schaute »nd gestalten konnte, sondern es ist in der Reflexion und Zerrissenheit, Und ist dabei, angesichts des ungeheure» AusbänmenL der Wcltprvbleiiic, der ganz anderen Ersordcrniste der jetzigen Wende, vielleicht doch feinem ursprünglichen Wesen treu geblieben. Und dast hier der Jude wirklich schüpserisch sein kann, zeigt eine Gestalt >vte G n st <r b Mahle r. Davon hat Wagner sreilich noch nichts gewusst: aber es ist gcwist, dast Mahler, auch in seiner Unvollkommeiiheit, ein Spiegelbild war unserer sich ans tiefster Not zur höchsten Schn» anstürmciiden Zeit. Man kann dabei etwa an die „Sinfonie der Tausend" denken. So dürfen wir sagen, dast die antisemitische Einstellung auch in den mnsikalischcn Dingen dem Wesen der Sache nicht gerecht ivird. Aber ich glaube, dast auch die Bcrlsche Weise, jüdische und deutsche Art in der Musik als sich ansschliestcnd gegenüberznstelten, sehr fragwürdig ist. Das kann natürlich hier nicht in derselben gründlichen Form, in der das Bcrlsche Buch geschrieben ist, nufgeivicscn werden. Das Wichtigste möchte ich sv ziisainmensasscn: Jüdischer Geist ist heute keine isolierbare Erscheinung mehr, sondern das, w a 8 in a n m i t i r g e n d >v c l ch e m R c ch l noch als spezifisch I ü d i s ch a n s p r e ch c n kann, i st mit tausend Fasern verflochten in die K » l t u x dc8 betreffende» Landes, und auch in b e z n g ans diese Lander kann man nicht mehr von isolierten nationalen Kulturen sprechen, sonder u a n ch da ist ein Netz von gegenseitiger B e c i » s l u j s » n g über die ganze Erde gebreitet. So stehen ans dcm Gebiete der Musik >vie auf allen anderen Gebieten deS Lebens dculscher und jüdischer Geist nicht gegensätzlich und nnsschlics-end widereinander, sondern sie ergänzen sich und bedingen sich iv i e z w e i Pole in einer grostcn, »msassciiden Wirklichlcil, Und wir sind überzeugt, das; das Wort Richard Wagners, knS Judentum sei das üble Gewissen unserer Zivilisation, sich i» ein ganz anderes, von ihm »»geahntes vcrivandcln wird. Das Judentum gehört zu dcu ewigen Mcuschheitserschciinmgc», die das Geivisseii der ganzen Welt und damit auch das Gewisse» des dculschc» Volkes und seiner Kultur sind. Das bedeutet dann auch in der Musik: Nicht Abwendung, sondern H i n wendnna zu srnchtbarer »nd kritischer Förderung und gemeinsamer Echöpsnng, der Nobelpreisträger James Zranck. Don Rechtsanwalt Walter Proskauer (Güttingen), Ter altberühmtcn inathcmaliich-naturwisscnschasttichen Fakultät der Georgia Augusta ist moste Ehre erwiesen. Zwei Nobel-Preisträger in einem Jahr! Professor Zsigmondy, der anorganische Ehcmiker, und Professor James Franck, der Ordinarius für Erpcrimcntalplihsik, haben ihn erhalten, A!tt Stolz und Genngtmmg blickt die berühmte Satte natnrwisscirschastlicher Gelehrsamkeit ans ihre beiden Mitglieder. In die Reihen der Meltgrösten, der Eanhs, Weber, Nie mann, Wallach, Minkowski, .Klein, Hilbert, sind nunmehr chie beiden Preisträger getreten. Grob ist aber auch die Freude der kleinen Göttinger jüdischen Gemeinde, einen Göttinger jüdischen Professor dieser höchsten internationalen ivissenschnstlichen Anerkennung teilhaftig zu scheu, imd darüber hinaus cmpstndet cs das gesamte deutsche I „ d c n t n m mit st o l z c r Freude, dast James F r a n ck der Mehrer des N „ J> m 8 Iber deutschen Wtsscnschnst gcworden ist. Die mathcmatisch-nntnrlvissenschastliche Fakultät der Georgia Augusta kennt keine völkischen Bestrebungen. Ihr gehören mehrere bedeutende jüdische Gelehrte an. Aber wenn anderwärts der Ruf nach Frcihaltung von jüdischen Lehrern erhoben Ivird, so mag neben andern auch James Franck als Beispiel dafür dienen, was der deutsche Jude der deutschen Wissenschaft geivescn ist, Franck ist als Nachfolger Dcbhcs hierher gekommen. D c l> h c, der berühmte Atomtheoretiker, hatte in Gemeinschaft mit dcm genialen Mathematiker Hilbert grundlegende Forschungen über die Strulinr der Materie angcstellt. James Franck mit seinen Arbeiten über den Ausbau der Materie, über die Elcltroncnstvste, die Gallonen »nd die Spektralanalyse ist der gegebene Nachfolger seines Vorgängers gcivordcn. Er hat die Göttinger Tradition gehalten und gewahrt, lim ihn sammeln sich begeisterte Anhänger feiner Wisscnschmst, die in jungen Jahren unter seiner Leitung bereits wichtige neue Ergebnisse gesunden und wisscnschastlich verarbeitet haben. Unser Grub und Glückivnnsch gilt aber auch James Franck als deutschen Inden! Doppelt grob ist unsere Freude, dast diese Auszeichnung ciiicm Freunde nnscrcr Sache zugesallen ist. Unser Glückivnnsch gilt schlicstlich auch dcm Menschen. Sv grob wie seine Bedcutiing ist auch seine Bescheidenheit, Den ehrenvollen Ruf nach Berlin, der in jungen Jahren ihm das erste deutsche Ordinariat anbot, hat er abgelehnt. Ihn grüstcn in dieser Stunde ganz Deutschland, das ganze deutsche Judentum und allen voran der Eentralvcrein! Verlag u.Schrisllcttung: Ccntralvcrcln deutsch, Staatsbürger jitd. Glaubens e.V., Dcrlin 8ZV 68, Lindcnstr. lg. Für d. Schriftleit, vcrantw.: l. V. Dr. A l k r e d Wiener. Berlin SW 68. - Druck: Rudolf Moll-, Verlin SW 68,