Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 11 (November 1926)
- Date
- 1926-11-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Oör1 den ernsten srettitev! Wavnutts von Aevvevi Gnßenvevs — Älnttvovt von Mn« OSVovn Wenn a«ch ein bekanutee deutschjsidifchrr Philosoph eiumol die Juden als das klassische Volk der Selbstkritik bezeichnet, so sind es doch nicht nnr Deutschvölkische und Menschen nichtjiidischer Kreise, sondern auch jüdische selbst, dre dem Fudentuni voriversen, es vertrage keine Kritik, gehe ihr ängstlich ans dem Wege und beweihräuchere sich gern. Es wäre unwahrscheinlich und den Naturgesetze» widersprechend, sollte gerade das deutsche Judentum ohne jede Fehler sein, »nd cs wäre ein« beängstigende Kurzsichtigkeit, sollte dieses deutsche Judentum sich nicht einmal von wohlmeinenden Nichtjnden oder Inden selbst den Spiegel Vorhalten kaffen. Wir begrüße» es, das; Herbert Enlenverg, iiber deffen Persönlichkeit kein Wort zu verlieren ist, nns von sich ans warn,herzige Worte der Kritik am deutschen Inden- Inn, übermittelt. Max Osborn ninnnt zn Enienbergs Slnssiihrnngcn gleichzeitig in dieser Nummer Stellung. As« Dem öniWs Wen Deine niclfam feint! Ach, es ist dasselbe, was auch dein n i ch t jüdischen Teil der Bevölkerung Deutschlands i» der Gegenlvart nur zu häufig mangelt, und auch in diesem Punkt teilt der Jude Schicksal und Schuld des Volkes, mit dem er lebt und atmet und denken und fühlen muß. Es ist der Mangel au heißer Liebe, die man seinem eigene» Land, seiner Nation znträgt. Ich meine damit nicht einen äußerlichen Vatertandsstolz und nicht die überhebliche Betvnniig eines Tentschtums, das sich mit seinem harten Anfangs-„T" schon scharf heranshebt und eine besondere Geltung beansprucht. Nein, ich spreche von der inneren, wahrhaftigen Znneignng für dieses Volk, für sein Wesen und seine llrträste, die cs gleich seinen unsichtbaren Duellen speisen. Demi diese Zuneigung geht heutzutage — hört an ch I h r in i ch , I h r Völkis ch st e n unter den Völkischen! - einem große» Teil gerade der sich selber als urdcutsch empfindenden 'Menschen mit ihrer ständigen Unzufriedenheit über nnscre jetzigen Staatsznstünde ab. Ohne Zweifel hat der deutsche Jude in früheren Zeiten dem Deutschtum eine innigere Liebe euigegengcbracht als heute. Ich erinnere nur an Felir Mendelssohn- Barthivldh, den Tonmeister, der sich geradezu vollgesogcn hatte mit deutschein Wesen, also, daß seine Lieder zu den deutschesten gehören, >vas wir überhaupt besitzen, und ganz iief in unser Volk cingedrungen sind. Erinnere nnr an die Ra Hel, die, wie >vir heute sagen tvürde», Goethe eigentlich für Deutschland erst entdeckt hat. Erinnere an den Schwarm Börnes für Jean Paul, dem dieser „Lob Baruch" im Museum zu Frankfurt die herrlichste Gedenkrede gehalten hat, die jemals ans einen deutschen Dichter gesprochen worden ist. Selbst Heinrich Heine hat trotz seiner beständigen sanft-spöttischen Abschätzung gegen Deutschland, die sich übrigens meist nnr gegen seine Fürsten und ihre Willkür richtete, aufrichtig und wann an diesem seincin Volk und Vaterland gehangen, wie wir dies ans Hunderten seiner Lieder wissen und dem an ihm Jn'cifclndcn belegen könne». Denn allbekanntlich liebt nicht mir derjenige seine Nation, der ihr fortwährend schmeichelt und sein Hurra in die Ohren brüllt, sondern weit inchr der, der ihr erhaben, wie Dante rmd Viktor H n g o , oder ironisch. ivie Voltaire nird Hein e, seine Wahrheiten sagt. Ja, bi? in die jüngste Zeit läßt sich an jüdischen Künstlern und Knnstvcrchrern diese fast kindliche, treuherzige Liebe zum dcntsche» Volke und Wesen verfolge», diese Liebe, die sich gern ganz an dem anderen, dem sie sich innerlich verivandt suhlt, verlieren möchte. Noch der Tvnschöpser Knstav Mahler hat dies mit seiner zärtlichen Hingabe für die Volksdichtungen ans des „Knaben Wimderhorn", in dem er lieber las als in der Bibel, bekundet. Au? Walther R a t h e n n » 8 Briefen klingt, wenn mir es noch nicht geivnßt hätten, für jeden heute deutlich vernehmbar eine inbrünstige und fast demütige Schwärmerei für die alte und neue echte germanisch,' Art hervor. Und ein Bühnenbildner wie Otto Brahm hat es sich zur höchsten Ehre angercchnet, gerade der deutschen dramatischen Kunst seiner Gegenwart dienen zu kvimeii. Erst in den letzten Jahren, besonders nach dem, >vie es heißt, für uns verloren gegangenen Krieg, hat vielfach eine geivisse Nichtachtung des deutschen Wesens bei deutschen Inden unb Nichtjnden eingesetzt und ein Liebäugeln mit dein Fremden und ein Ucbcrschätzcn des Ausländischen, das man früher bei uns, in solchem Ausmaß ivenigsteus, nicht kannte. Noch heute gehören die Inden jenseits unserer Grenze im allgenreinen zu den größten Verehrern und Freunden des Deutschtums. Das fällt besonders uns Künstlern und Dichtern ans, iveinr >vir draußen bei Vorträgen uns einem fast ausschließlich jüdischen Publikirm gegenübersehen. Dvch hier im Inland greift letzthin mehr und mehr eine geringere Schätzung und damit auch ein geringeres Verständnis für das Deutschtum nird seine Eigenartcrr Platz. Wie harmlos-volkstümlich und wie getragen von dieser innerlichen Znneignng für das deutsche Wesen waren noch die Stücke von L'A r r o n g e und dem alten Oskar Blunrcnthal! Und ivie verbittert und gereizt iveirdeir sich schon die Komödien von S t e r n h e i m gegen dies ihin verhaßte juslc Milieu. Das soll »utürlich keine künstlerische Wertung sein, sondern nnr der Feststellirng diene», daß der Jude von heute gegen den Inden von früher iveniger Vcrständnis und Mitgefühl für deutsche Art und derrtsches Wesen hat. und dieser sich fremder fühlt und fühlen will als in den Tagen des sirngerr K a d e l b n r g etiva. Selbstverständlich gibt cs auch jetzt noch Ausnahmen, und sie wecken Hoffnung ans einen wieder versöhnlicheren Ausgleich zwischen den beiden Teilen. Der ganz iingelvöhntiche äußere Erfolg, den eile saftiges Bühuenwerk wie Kart Znckmahers „Fröhlicher Weinberg" gehabt hat, ivird wohl herbcigefnhrt durch die Zuneigung und Hingezogenheit zu dem teuivnischen Volk, die, wenn auch etwas roh. aus diesem Stint des jüdischen oder halb- oder vicrteljüdischcn Dichters spricht. Ich hoffe, man mißversteht mich nicht. Ich beurteile diese Erscheinungen hier nicht nach künstlerischen Gesichtspimtien, sondern lediglich nach der Haltung iür oder gegen das Deutschtum. Und nach dieser Richtung hm muß festgestellt tvcrden, daß viele Inden, ebenso wie viele Nichtjnden, hellte bei uns manches von ihrer Achtung und ihrem Mitgefühl für die germanische Art, das „typisch Deutsche", eingebiißt haben. Ich glaube nicht einmal, daß der Verlust des Krieges die Hauptschuld darnil trägt. D c n n c s i st st e t S e i n s ch v n e s Kennzeichen des deutschen Inden gewesen, daß er sich gerade in den Zeiten der Not und der Niederlagen besonders ellg an das deutsche Volk an schloß. Es ist vielmehr ein irgendwie E » t t ä ,l sch tsein, eine geivisse schinockischc ReichSverdrossmhrii, >oie mair sie vor dem Krieg bereits auch bei den, teutonischen Bestand der Bevötkerliiig zniveilcn feststcllte, eine Müdigkeit und Scheu, sich tiefer mit seinem Volk >lnd seinen Eigenheiten zn befassen, imd ein Hang zum Schöntu» mit dem Ausland, der seit jeher die in deutschen Ländern wohncndcn Menschen nicht zu ihrem Vorteil ansgezeickinet hat. Während, um noch ei» Beispiel vom Theater zu nehmen, der beste Bühnenleiter seiner Zeit, der vorhin erwähnte Otto Brahm, seinem Gc rhart Hanptmann und seiner Knust durch dick »wX dünn Gefolgschaft leistete, sehen ivir hellte seine Nachfolger ein internationales Programm vvllführcn, dem mehr und mehr der deutsche Einschlag verloren geht. Ich habe von vornherein zugegeben, daß der Vorwurf der laue n Liebe gegen d i c deutsche Sache und Art heute mindestens ebenso viele Dcuts ch e >v i e Juden trifft. Aber er trifft eben, wie die meisten Schicksatsschläge hierzulande, die Inden härter. Und es ist ihre vvrnehlnste Pflicht, einem solchen Tadel von vornhereiil anszmveichcn. Es geht nicht an, lote es in der Gegenlvart oft geschieht, das; die Juden, besonders in den großen. Siädtcn Deuhchtandss eine Eligue bilden, in deren Nähmen sic nur sich selber gegenseitig bevorzugen und in die Höhe treiben. Solche Svndcrbündelei mtd Vetternwirtschaft ist stets