Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1926-10-01 · Heft 10 (Oktober 1926) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1926
Issue
Heft 10 (Oktober 1926)
Date
1926-10-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/2571117-2571118-2571128--091-2571387
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

$0 Die Steine reden ♦ Tausendjährige Belege sttr Vas Heimatrecht der deutschen Juden — Die Grabsteininschristen der ituräischen Kohorte,» — Mm 1000 schon jiivische (Selehrte ans deutscher Erde — In Mainz die durch Unruhen in sriiheren Jahrhnttderten verlorene« Grabsteine aufgcfnnden — An» 3. Oktober ans dem „Jndensand" neu ausgestellt — Zahlreiche Denkmäler vo»» 1000 bis 1420 — Sarlin und Merlin — Rene Zcngen siir unser Recht. Urkunden sind die wichligstcn Quellen für geschichtliche Foischimgen. lieber die Feil Hz eit jüdischer Siedlung aus deutschem Boden sind n»8 aber urkundliche Belege kninn erhallen geblieben. Zwar Ucrdicncn die zahlreichen Grabstcininschristeii römischer Soldaten und Veteranen, ivelche in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten im römischen Koloninlgcbict Galliens und Germanicns bcigesctzt wurden, noch die Durchprüfung unter diesem Gesichtspunkt, und man fände hierbei vielleicht — besonders bei den ituräischen Kohorten — manchen Träger eines jüdischen Namens. Immerhin bleibt »weit über ein halbes Jahrtausend nach dem Ende der Nvmerherrschaft für die Geschichte der Jude» in Deutschland vollkommen dunkel, und was wir über die Zeit des nennten und zehnten Jahrhunderts erfahren, ist znm Teil als imhnltbar erwiesen oder doch zweifelhaft. Um die M i t t e d e 8 z e h n t e n Jahrhunderts beginnt das Dunkel sich zu lichten; in den N h c i n g e g e n d e n, Ivo das Deutschtnin sich zuerst hcrausgcbildet hat, treten jüdische Gelehrte und Führer hervor, von deren innsassciidcm Wissen und überragender Bedeutung die Tatsache Zeugnis nblegt, das; man ihre Arbeiten und Entscheidungen in den solgcndcn Jahrhunderten immer wieder zitiert und bis ans den heutigen Tag als »msigcblich betrachtet. Namen wie die der Knlonymiden, eines Rabbenu Gcrschom, eines Simon ben Isak, eines Jacob bar Jakar, dieses Rnschilchrers, mit nur einige wenige zu nennen, braucht der Kenner nur zu hören, um sofort die ganze fruchtbare und unabsehbar cinslnßrciche Zeit jüdischer Hochschulen ans deutschem Boden n»i das Jahr UM vor Augen z» sehen. Diese Männer und ihre grasten Zeitgenossen, die wir hier nicht alle anszahlcn lönncii, strömten die Tiefe des Wissens und die Kraft des Glaubens in die nahe und ferne llmgebinig ans, so das; die H e i in s u ch u n g d c r K r c n z z » g szc i t bei aller Bernichtung der Genicindcn am Rhein die jüdische Gcincinschast nicht wankend fand. Die Schriften dieser ältesten geschichtlichen jüdischen Persönlichkeiten ans dcntschcni Boden kennen wir nur ans zitierten Bruchstücken, die Häuser, in welchen sie lehrten, die Synagogen, in ivelchcn sie beteten, sind verschwunden: aber die Grabsteine einer Anzahl dieser Gr osten sind uns erhalten. Die Schwestergcmeinde Worms zeigte schon immer den alten Friedhof, in dessen Erde groste Führer in Israel schlummern; aber in unserer Gemeinde Mainz waren um die Mitte des 15. Jahrhunderts bei einem Kampf um die Kursürstenwürdc zwischen Dicther von Isenburg und Adolf von Nassau nach der Ausiveisung der Inden aus der Stadt die uralten Grabsteine verschleppt und bciiii Bau von Festungswerken verwendet worden. Jahrhunderte hindurch wäre» diese Denkmäler verschwunden. In den letzten Jahrzehnten lnmeii sie bei der Nicderlegmig verschiedener Bauten und bei Aiisschachliuigen loiedcr zum Vorschein, und seit d c in d c n k w ü r d i g e n 8. O k t v b e r dieses Jahres künden diese alten Steine, nachdem wir sic von der Stadtverwaltung zurückerhalten und ans dem alten „Jndensand" wieder a u s g e st c l l t hatten, in aller Oessentlichkeit von unseren alten B tt t c r n ans deutscher Erde. Die ältesten S t e i n d o k u m e n t e über deutsche Juden bcsiudcn sich darunter, Dokumente, die bis in die Zeit vor dem ersten Kreuzzng ziirückreichc». Stark in ihrer Schlichtheit sprechen diese Fclsstncke mit kurzen Worten zu uns; so hcistt es auf dem Stein jenes Enkels des Mose Ilasakcn: „Hier ward begraben unser Meister, der Lehrer bleseluillnin, der Sohn unseres Meisters, des Lehrers Knlonymos, seine Seele sei cingeslvchle» in de» Bund des Lebens." Und aus dem gedrungene» Steine, den ich als Denkstein für Rabbenu Gcrschom bar Jobiulali nnsehen möchte, finden sich die Worte: „Ein Fels wurde gebrochen zum Gedenken an Rabbi Gcrschom, Sohn des . . . (die Leuchte des Exils?)." „Dies ist das Grab unseres Meisters, des Lehrers Simon bar Isak, seine Seele gehört dem ewigen Leben", so lesen nur auf einem dritten Steine. Moschullam lebte wohl vor dem Jahre 1000, Rabbi Simon und Rabbvnu (iorscliom erlebten die erste Judenverfolgung in Deutschland i tu Jahre 1012. Rabbi Simon beschwichtigte durch seinen Einslust die furchtbare seelische und körperliche Not seiner Leidensgefährten, Rabbenu Gerschoms Sohn ward geraubt und zwangsweise getauft. Erschütternde Klagelieder dieser beiden Männer über jene Zeit sind uns erhallen. So reiht sich Stein an Stein aus der Zeit von etwa 1000 bis 1420. Durch ihre kurzcu hebräischen Inschriften sind sie wuchtige, zu jedem Herzen sprechende Zcngen alter Zeit. Die ältesten Steine stammen ans der Zeit, wo man' begann, den alten M a i n z e r D o in zu bauen, und sind so auch Denkmäler nllgemcin-dcntscheii Kulturlebens für eine Zeit, ans der uns nicht viele Originale erhalten geblieben sind. In diesen hcbrnischcn Jnschristcn steckt tiefes jüdisches Empfinden, das in d e n t s ch cn Fvr m e» Ausdruck sucht. Wenn wir da, besonders im dreizehnten Jahrhundert, Fraucniinmeii wie Sarkin und M c r l i ii (d. i. Saraleiii und Mirjamlein, das letztere vielleicht auch vom mittelhochdeutschen „Merl" — Amsel oder Amselein) finden, so sehen ivir jedenfalls ans den Kosceiidiingcn, wie die deutsche Sprache in den j ü d i s ch e n H ä u s c r n lebte und die innige Bcrbnndcnhcit zivischen Man» und Weib und zivischen Eltern und Kindern znin Ansdriick brachte. Namen ivie Bruna (die Braune) und S ch o n a (die Schöne), wie M c i t i n (die Matt, Jmigfrau) und Edlin (die Edle) sind mittelhochdeutsche Fraiiennainen, die — obwohl doch das Jndentnm leinen Mangel an schönen biblischen und nachbiblischen Eigennamen hatte — ans eigenem Entschlich von jüdischen Eltern für ihre Kinder gewählt umreit und so tote Verbundenheit des deutsche n Juden i in frü Heu Mittelalter mit dem D c» t s ch t n m dokumentiere n. Dem Inden war das Nnmengcben nie eine leere Formsache, in den Namen, ivelchcn jüdische Ettern ihren» Kinde gaben, legten sie von den ältesten Zeiten an ihr ganzes Einpsinden, Glauben, Hoffen und Sehnen. Wenn sich während des Krieges tief in Litauen drin »och Familien faiiden, ivelche Namcn-lvie ,Magenza" (alte Form für Mognntia—Mainz) lind „Bacharach" trugen, so war dies nicht etwa eine ivillkürliche Namengebung oder eine Namenerhaltnng aus stumpfer Trägheit, sondern diese Familien ivnstten und bekannten, dast ihre Vorfahren in schwerer Vcrfolgnngszeit ans den rheinischen Gegenden hatten flüchten müssen, und erhielten in ihren Namen das treue Gedenken an die alte Hcimnt. „Saxa loquuntur“, „diese Steine reden" können wir darum von den in der Ocssentlichkcit wieder ansgestellten Grabsteinen snge». Sie reden nicht nur vom Tode der M,inner und Frauen, deren Namen sie enthaltcii, sie reden auch von ihrem Leben, Neue Zeugen sind »ns erstanden für unser Recht in nnserein beklagensivertcn Kampf, in nnscrem Kamps um unser Recht ans unsere d c >i t s ch c H e > m a t, Rabbiner Dr. D. Kevi (Mainz). Eines Sechzigjährigen Sekenntnis. „ . . . grundsätzlich ablehnend." In diese» Tagen feierte der bekannte Berliner Pfarrer Walter N i t h a ck ° S t n h n seinen 6 0. G c b » r t 8 t n g. Wir haben Gelegenheit grnoiiiinen, den nls religiöse Persönlichkeit und Dichter weit über die Ncichshanpistadt hinans geschätzten Geistlichen über seine Erfahrungen mii Inden und Jndentnm z» befragen. Der frische Sechziger, dein noch lange Jahre gesegneten Schaffens und Wirkens vergönnt sein mögen, sührte dnS Folgende ans: „Ich wurde als junger Stndciit in das Hans Adols Stöckers eingcführt und war eine Zcitlang sein begeisterter Anhänger. Dann aber führten mich Lebenserfahrung und Studium ganz andere Wege, svivvhl religiös nls politisch. Dazu gehört nnch, hast ich gerade mit Inden persönliche Frenndschast schlvst, und zwar schon an meiner früheren schlesischen Wirkungsstätte; dann trat ich später auch hier in meinem Berliner Berkchrskreise Persönlich mit jüdischen Familieii in Beziehung. Mit jüdischen Geistlichen führte mich gemeinsame pazifistische DenknngS-ivcise zusammen. Wir sprachen auch kurz vor Kriegsausbruch in einer vffcntlichcii Bersammliing über das Thema des Bölkerfricdens vom Stnndpnnkt der verschiedenen Konfessionen. Einmal hatte ich die Ehre und die Freude, mit Professor Hermann Cohen (Marburg) vor einer studentischen Bcrsnminlniig gemcinsam über da? Thema „W ns einigt die Konfessionen?" zu spreche». Ich stehe de», An t i se ini tis m us ans religiösen »nd ethischen Gründen g r n n d s ü h l i ch ablehnend gegenüber, wenn ich auch glaube, dast in dem Bcrhältnis zwischen Jndenimn imd Dentschiuin viele Probleme zu lösen sind, die sich znin Teil ans der verschiedenen Einstellung der Inden den inncrjüdischen und damit znsninmenhängcnd den dcntschcii iintivnalcn Fragen gegenüber ergeben. Meines ErnchtcnS ist der so wünschenswerte Friede zivischen Juden und Christen ans dentschem Boden nur dann möglich, ivcnii beide Teile einer gemeinsamen K tt 11 it r i b e c dienen und beide diejenigen seelischen Güter achlcn, die dem einen wie dem anderen heilig Verlag «.Cchriftleümig: Leiiiralvereln deutsch. Etaatsblirger jiid. Glaubens e.B., Berlin SW 08, Lüidenstr. 13. Für d. Echrsttleit. verantw.: - « 91 r t . » h Wiener, Berlin SW 08, 0,1" k "'' cm"'1 Druck: Rud'ols Molke, Berlin SW 08,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.