Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 8 (August 1926)
- Date
- 1926-08-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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H4 Das Me Testament in christlicher preöigt unö Zeier. Bor längerer Zeit berichteten luic tunt bei Bildung bet „Tagung der Vereinigung völlischrr Geistlicher". Der Borsihcndc dieser Bcrvinigttng, Herr Pfarrer Vogel (Leipzig-Stotteritz), wandte sich sogar damals an »ns mit einer Zuschrift. T ic Bereinigung hat inzioischen eine zweite Tagung in Wc i b c n sc l 8 abgchnltcn. lieber die Ergcb- »isie dieser Tagung, oder auch über die von ihm selbst dcrtreteiie» Forderungen bei dieser Tagung hat Herr Pfarrer Bügel in der Ortsgruppe Leipzig der Tciiischvöllischcii Freiheitsbewegung einen Vortrag: „Die evangelische Landeskirche und die völtischr Betvegnng" gehalten, über den das „Tenischc Tageblatt" berichtet. Soweit die Aussrihrnngen und Forderungen Pfarrer Vogels 'Angelegenheiten deriihren, die lediglich die evangelische Kirche und ihre Anhänger dctresfcn, liegt es uns fern, nutz an dieser Stelle mit dem Vorträge nbzugeben- In seiner vierten Forderung aber wendet sich Herr Pfarrer Vogel gegen die Bedeutung des Alten Testaments s i, r die Christenheit überhaupt. Wir haben infolgedessen Gelegenheit genommen, einen evangelischen Sachverständigen vom Range des Leipziger Professors Lic. Tr, F i el> i g zu bitten, uns seine Plein,mg über die Stellung des 'Alten Testaments tu der evangelischen Kirche knirdzntnn. — Llcentiat ikiebig schreibt z» dieser Frage: Nach einem Bericht des „Deutschen Tagcblatte s", Berlin, vom 21. November 1925 hat He rr Pfarrer Vogel (Stötteritz) in einem Bortrag: „Die c v a n g e l i s 6) c n Lande s k i r ch e n n n d die völkische B e >v e g u n g" vier pro» grammatisclze Forderungen nnsgcstellt, von denen die vierte hier geprüft lverocn sott. Sie lautet: „Das 9t11e Test ament gehört zn den Fii szen Chri sti. In herausfordernder Weise, w ie bisher Üblich, darf das Alte Teftnincnt nicht mehr bei Texten für Predigten n n d k i r ch l i ch e Feiern bevorzugt werden," Kein Jude verübelt es sicherlich einem christlichen Prediger, wenn er vor allein n eu testamenlliche Texte verwendet. Eine völlige Be- Kitignng der altiestnmcntliclM Texte will offenbar Herr Pfarrer Vogel nicht,?lber er wehrt sich gegen deren „Bevorzugung". Mir ist nicht recht klar, lvas er damit meint. Eine der „kirchlichen Feiern" ist das Abendmahl, Dabei wird in Sächselt die Psalinstelle innerhalb der Abendmnhlsliturgie, und zwar an „bevorzugter Stelle", nämlich gleich zu Anfang, gesungen: „Schasse in mir Gott, ein reines Herze" (Ps. 51, 12.13). Soll das abgeschasft werde»? Ferner spielt das Halleluja, das Amen, der Segen Aiharviis, eine große Nolle im evangelischen Gottesdienst, anch beim 9lbendmahl, Ist das eine „herausfordernde Bevorzugung?" In der Abendnrahlsseicr lvird in der sächsischen Liturgie das „Dreimal Heilig" ans Jesaia 6 gesungen. Ist niicfj das cheraussordernde Bevorzugung" eines alltesiainentlichen Textes? Wie oft wird im evangelischen Gottesdiel,st d a. S Vaterunser verwendet! Es ist ohne Kenntnis des K a d d i s ch, des Acht - zehngebeles und des jüdischen A b e n d - und Morgengebetes, in seinem Schluß ohne I, Chronik 29, 10—13 gar nicht zu verstehen. Die Unterschiede zwischeil der Nebcrlieserung des Vaterunsers bei Lukas lind Matthäus, der 9lnsban, die Form des einzelnen, die einzelnen Begriffe sind ohne Kenntnis rabbinischer GevetSsitien lind Begriffe nicht zu beurteilen und zu verstehen. Will Herr Pfarrer Bogel, wie Marcion, den „blicklluselr daselwni" beseitigen? Bielleicht auch die „malelclmtl,"? und: „'abllinu sekebageliamaim"? Gelvist: das Vaterunser ist das christliche Hanptgebet, und man kann feine Eigenart genau aufweisen, aber es ist tics verankert in dein jüdisckM Gebeisschatz. Ist es auch „herausfordernde Bevorzugung", das Vaterunser zu beten? Bekannt ist, wie Luther den Psalter geschätzt hat, und dazu die hebräische Spraelse. Sollen mir das Lied „Dir, Dir, Jehova, will ich singen" umdichten? Ist cS „herausfordernde Bevorzugung", das Lied zu singen „Lobe den Herrn", und über den Malm „Lobe den Herrn, mein« Seele" zu Prodigen? Solle» lvir das Lied „Zion, fahre fort im Licht" nmdichten und „Jerusalem, du hochgcbante Stadt?" Oder vielleicht auch „Ein feste Burg ist unser Gott", das nach Psalm 46 gedichtet ist? Nach der Ordnung der Predigttextc für die sächsische evangelische Kircl)e sind für jedem Sonntag fedjS Texte zur Auswahl gestellt, darunter mehrfach ein oder zlvci alttestamcntliche Texte, Ist das wirklich „herausfordernde Bevorzugung?" Soll bei Tr an u ii gen nicht mehr gesungen werden: „Wo du hingehst, da will ich anch hingchen", weil Ruth das zu ihrer SclMiegernmttcr sagr? Sollen nur es als „herausfordernde Bevorzugung" enipsiirden, das; „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mid) verlassen?" aus Psalm 22 stammt, und z. B. „Ja deine Hände befehle ich meinen Geist" ans Psalm 31,6? Stört es Herrn Pfarrer Vogel, daß Jesus nach Lukas 2,21 am achten Tage beschnitten wurde, wie Pa n ln s nach Phil ipper 3,4? Sollen wir in der Adveiitzeit nicht über die Psalmworte predigen oder sie nicht als Gingangsivvrte des Gottesdienstes benutzen: „Machet die Tore weit »wd die Türen in der Weit hoch"? Ist es „heraussorderndc Bevorzugung", zn singen: „Bereitet dem Herrn den Weg, Halleluja" (Jesaia 40) oder: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn" und „Hosianna in der Höhe?" oder: „Das Volk, so im Finstern wandelt, siehet ein großes Licht"? o>der: „Opfere Gott Dank?" oder: „Der Herr bchille deinen Ausgang und deinen Eingang?" Mir ist nach dem Gesagten nicht deutlich, was Herr Psarer Vogel mit der „üblickfen" und „herausfordernden Bevorzugung be8 Alten Testamentes bei Texten für Predigten und kirchliche Feiern" ineint. Will er wirklich alles Angeführte beseitigen? Auch die Worte: „Da s Altc Testa me n t gehört zu den Füßen Chri sti" sind mir nicht klar. Nach dem oben genannten Zeitungsbericht hat Pfarrer Bogel gesagt: „Die Gedankenlosigkeit, Jesus als Judensprößling zu bezeichnen, mutz beseitigt werden." Wie stellt sich dann Herr Pfarrer Vogel zu der oben angegebenen Stelle des Lukas, wonach Jesus am achten Tage beschmtten ist? Jesus bezog Daniel 7,13 (Mciischensohn) ans sich, betete z. B. den Anfang Psalm 22. Heitzt das: „Das Alte Testament gehört zu den Füßen Christi?" „Mit 9lbraham, Isaak und Jakob im Himmelreiche sitzen" kommt in einem Worte Jesu vor. Gehört danach das Alte Testament „zu den Füßen Christi?" Johannes 4,22 soll ChrisiuS mit den Worten: „Das Heil kommt von den Juden" meinen: „aus dem politischen Staatsgebiet der Juden". Selbst wenn diese Ansfassung der Stelle richtig wäre, würde Herr Pfarrer Vogel damit nach dieser Stelle einer „herausfordernden Bevorzugung" der Inden entgehen? Was sagt Herr Pfarrer Vogel zu Johannes 1,47, wo JesuS den Nachanael mit den Worten vegrüstt: „Siehe, in Wahrheit ein Israelit, in dem keine Falschheit ist?" Johannes 13,83 hält Herr Pfarrer Bogel für eine „entscheidende Stelle", da „Christus hier einen scharfen Trennungsstrich zwischen Juden einerseits und seinen Anhängern anderseits zieht". Soll das heißen, daß Jesus unter seinen „Anhängern" keine geborenen Inden hätte haben Ivolleu? Wie paßt dazu fein Wort: „Ich bin mir gesandt zn den verlorenen Schafen aus dem Hanse Israel?" Das JvhanneS-Evangelimn brauch! „Israelit" oder „Jude", wie auch die Rabbiner beide Ausdrücke brauchen. Daß „Anhänger Christi" und „Jude" keine sich deckenden Bgrisfe sind, ist natürlich klar. Damit ist aber noch nicht gesagt, daß das Jrchnnnesevnngclinm oder Jesus irgendwo gesagt oder gemeint habe, daß geborene Inden nicht Jesu Anhänger sein könnten. Inwiefern Johannes 13,33 eine für Vogel „entscheidende" Stelle und hier „ein scharfer Trennungsstrich" gezogen sein soll, sehe ich nicht. Im Gegenteil, Jesus sagt: „Ihr werdet mich s»cl)en, und, wie ich (schon) zu den Inden gesagt habe: .Wohin ich gehe, könnt ihr nicht kommen,' (so) sage ich jetzt auch zn euch." Hier werden alfo doch gerade die Juden und die Jünger in dem, was Jesus gleichlautend zu beiden sagt, gleichgestellt!! Ich schließe diese Zeilen mit dem Schlußsatz des Aussatzes von Professor U. H a n s Schmidt (Gießen) in der Monats, schrist „Der Morgen" (Philo-Verlag) I. 4, der das Thema behandelt: „D a s A l t e T e st n m c n t a l s k a n o n i s ch e II r k n n d e des Protestantismus": „Der Protestantismus würde sehr viel verlieren, lvcnn er das Alte Testament nicht mehr zu seinen .kanonischen' lirkimden, das heißt zu den heiligen Büchern seiner Ursprünge rechnen wollte." Ick) füge hinzu: Die evangelische Predigt und kirchliche Feier würden sehr viel verlieren, wenn sie alttestamemliche Texte so weit ansschalten wollten, als das Pfarrer Bogel für richtig zu halten scheint. I,ic. theol. Dr. Fiebig (Leipzig). Herford, Travers R.i „The Trntli aliout the Pharlnecs.“ The Menorah Press, Now-York, 45 S. 8«. Der Bersaffer, der sich die Ehrenrettung der Pharisäer zur Lebensaufgabe gemacht hat, saßt in dieser kleinen Schrist die Ergebnisse jahrzehntelanger Forschungen zusammen. Er beurteilt die Pharisäer nicht, wie cs christliche Gelehrte gewöhnlich tun, lediglich nach der Polemik der Evangelien, sondern nach dem Gesamtverlniif der jüdischen Nclrgionscntwicklung von Esra bis auf den heutigen Tag. Sie haben der jüdischen Religion eine Lebenskraft gegeben, die sie unabhängig macht« von Tempel lind Land, es ist ihr Bcrdicnst, wenn das Judentum sich als Religion bis heute erhalten und mächtig erwiesen hat, wenn cs auf die religiöse Entwicklung der Menschheit stärlsten Einslns; ausübcn konnte. „Auch daS Christentum verdankt es seinem pharisäischen Erbe, das; es vor der Gefahr eines völligen Bersinkens ins Heiden!»»! gerelici wurde." (S. 42.) Wie das größere Buch des Aersasjcrs ..Das pharisäische Judentum" und sein Bortrag „Was verdankt die Welt den Pharisäern?" verdiente auch diese Zusammenfassung übersetzt und als „Wahrheit Über die Pharisäer" in weitesten Kreisen verbreitet zu tverden. J> Elbogen. „Menschcnhas; und Völkcrschickfal" von Metheus. Berlag JonaS Münster G. m. v. H„ Düsseldorf. Es ist leider heute eine Seltenheit, daß jemand den Mut hat, die Tragik zu schildern, unter der die - deutschen Juden leiden. In der Broschüre „Mcnschenhas; und Mlker- >schlcksal" hat der Bersasser die Aufgabe übernommen, in der anziehenden Form des Dialogs, nicht mir des Dialogs zwischen einzelnen, sondern auch des Versnmmlungsdialvgs, Typen von Juden und Judengegnern, auch von Juden der verschiedensten Richtungen, vorzasühren. All die Mittel, die der Haß gegen das Judentum erzeugt hat, lverden gezeigt und init den Argumenten der Vernunft und des Gefühles widerlegt. Mit Nachdruck weist der Bersasser darauf hin. das; die Deutschen unter den Völkern der Erde dieselbe Stellung einnehmen, die sie den Juden a >, s g e z w u n g e n haben. Der Verfasser vergibt anch nicht zu betonen, das; die „heute in Deutschland geübte Behandlung der Judenfrage nicht nur eine Schande für die Juden selbst", sondern eine viel gröbere Schande für das-sssesam te deutsche Volk d a r st e l l t. Der Broschüre mub das Zeugnis ausgestellt werden, datz sie mit Sachlichkeit, Sachkenntnis und warmem Herzen geschrieben ist. Dr. Kurt Alexander (Krefeld). Berlag u.Schrlstleitung: Centralverein deutsch. Staatsbürger jüd. Glaubens e.V., Berlin 81V 68, Lindenstr. 13. Für d. Echristieit. verantro.: Dr. Ludwig H v 1 I ü n t> e t, Berlin SW68, - Druck: Rudolf Masse, Berlin SWO»,