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Central-Verein-Zeitung · 1926-07-01 · Heft 7 (Juli 1926) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1926
Issue
Heft 7 (Juli 1926)
Date
1926-07-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Lva«e«mode. Von Doris Witlner. In der „C. V.-Zeitung" erschien folgende Notiz, die der Achtsamkeit des einen oder anderen Lesers entgangen sein könnte, und auf die wir daher mit Bedacht noch einmal Hinweisen: Gegen die Auswüchse der Frauenmode. Die Vereinigung traditionell-gesetzestrc ue r Rabbiner hat aus ihrer Tagung in Leipzig folgende Entschließung Gnoenomtncr. „Die Bereinigung tiaditionell-gesetzestreuer Rabbiner erachtet cs als ihre heilige Pflicht, die gesamte jüdische Öffentlichkeit gegen die immer mehr um ' sich greifende Würdelosigkeit der Kicidcrfitten auszurusen. Schamhastigkeit im Wesen wie im Austretcn bildet nach der Thora das Kennzeiä-cn unserer Frauen »nid Töchter. In Tracht und Gcwand»»ng sollen wir Züchtigkeit und Keuschheit als vornehmstes Adclszcichcn Israels bekunden. Alle denkenden und hochgesinnten jüdischen Frauen sind verpflichtet, durch Beispiel und Aufklärung den Entartungen der Mode cntgegcnzutrctcn, um das von Bätcrn und Müttern überlieferte Ideal jüdischer Sittenreinheit unserer Gemeinschaft zu erhalten.' „Durch weise Weiber wird das Haus erbaut, eine Närrin aber zerbricht es mit ihrem Tun", steht in den Sprüchen des Predigers Salomo. Eine Närrin zerbricht ein Haus. Biele Närrinnen vermögen unter Umständen eine ganze Zeit zu zerbrechen. Aber — zerbrach im gegebenen Falle vielleicht nicht die Zeit die Frauen? Die Weltgeschichte lehrt, daß jeder Siaatsumsturz alle Bande frommer Scheu lockert, daß verlorene Kriege, wirtschastlicher Niedergang, geschweige denn Revolutionen vom Ausinaß der deutschen tun 1918 oder der russischen von 1917, demoralisierend und depraviercnd schlechthin wirken. Hcmnstmgcn sollen, Traditionen zerstieben. Die Marschlieder der Rebellion ertönen. „Was unten ist, will oben stehen." Die Frau ist von jeher die überzeugteste und überzeugendste Exponentm ihres Zeitalters. Ihr leicht bewegliches Wesen sängt die mannigfachen Spiegelungen ihrer Zeit aus und ein und gibt sie — prismenartig — in tausendsültigen Brechungen schillernd, »viedcr. Will inan den kulturellen oder inoralischen Pcgelstand einer Epoche beurteilen, braucht man niithin nur die Frau zu betrachten, die als durchschnittliche Repräsentantin ihrer Aera zu gelten hat. Wer wagt es — unter solchen Aspekten — heutzutage als ein »euer „Frauen lob" auszutrcten und einer aus den Angeln gerissenen Zeit etwa der gegenwärtigen Frau Ruhm und Preis zu singen? Man braucht heute nur einmal die Sichouette der Frau, wie sie sich auf den großen Korsvstraßen, in den Theatern und Kinos, in Hotclpalästen und Tanzdielen der westeuropäischen Großstädte oder internationalen Badeorte offenbart, näher ins Auge zu soffen, um zu erkennen: für die Frau, die heute den Forderungen deS Tages gerecht werden will, gibt es nur ein Gesetz, und „Vivre c’est moa mutier“, „Leben" — aber „leben" im Sinne von „Genießen" — „ist mein Berus". Diesen Ausschreitungen gegenüber, wie sie sich in Berlin am grellsten . im _ Typus des Kurfürstendamin. und Tauenhiengirls verkörpern, ist es nützlich, sür und für zu wiederholen, daß die Sitten und Bräuche jüdischer Familient r a d i t i o n die heutzutage nicht seltenen Exzesse weiblicher Emanzipation und mithin auch weiblicher Moden in Zeit und Eivigkcit verwerfen. Die jüdische Lehre ist iw ihren Hauptbestandteilen eine Sittenlehre stak' exochcn. Und alle heiligen Christen des Volkes Israel, nicht etwa nur der Kanon der Bibel, sondern auch die Apokryphen, die jüdisch-hellenistische Literatur, der talinudische Jdecnkrcis, wie auch das jüngere jüdische Schristtum verweisen immer wieder ans die ethischen Fundamente und auf eine strenge Sittlichkeit als Grundsordening des Judentums. Als Eideshelfcr für dieses immamente EchoS dienen Erzväter und Propheten ebenso wie inoderne Schriftgelehrte und Excgetcn der heiligen Schriften. Die Familie nun ist die engste Gemeinschaft, die über den Einzelmenschen hinaussührt. Famitienbande gelten allen Völkern als heilig, besitzen überall nnbcstriitene Kraft; bei den primitiven und antiken Völkern bildete der Kultus einen Teil des Familienlebens. Bei den Juden hat die sittliche Anschauung, die das gcsamie religiöse Leben durchdrang, auch die sittliche Ulssnssimg von der Familie bestimmt. Hier wird die Familie zum Grundpseiler der siitlichen Weltordnung. Die E h e wird auf den ersten Blättern der Bibel als eine persönliche Gemeinschaft -de r Liebe und des Acrtranens gelehrt, und das ist Men Utzfcchtungen zum Trotz — die Aus. fassung des Judentums gebli>Mi.'st,D»r „Midrasch" lehrt, daß erst Mann und Frau zusammen den Namen „Mensch" verdienen,- erst in der ehelichcn Gemeinschaft, in der gemeinsamen Verantwortung hat der Mensch sich zu bewähren. Entgegen üppig wuchernder Legendenbildung wird auch die jüdische Frau schon von der Bibel dem Manne gleichgestellt in dm Vorschriften über Sabbat- und Festfciern, in allen Bestimmungen über das Verhalten der Kinder gegenüber den Eltern, In den Sprüchen Salomos tritt die Frau als Muster geziemenden Verhaltens - aus (siehe mehrere tausend Jahre später den Goctheschen Imperativ: „Wollt ihr erfahren, was sich ziemt, so fraget nur bei edlen Frauen an"); im Talmud siiidcn wir sie als Beraterin, Erzieherin, Lehrerin, Teilnehmerin mit höchsten Streben des Mannes; dem Thorastudium. Aus das Vorbild der Frauen wird der größte Wert helegt; eS wirkt nachhaltig aus die Familie. Mögen die R e ch t s b e st r m m u n g ert über die Frau den heutigen Anschauungen auch nicht mehr entsprechen, i h r e tv i r k l i ch e S t e l l u n g war eine würdige, ihr Ansehen überragte das" ihrer vollberechtigten Schwestern in vielen Kulturländern. Die jüdische Frau war niemals wie die römische und griechische rechtlos, vom Manne einer Sklavin gleich abhängig — sie konnte ln biblischer Zeit zstjM,, der Wächterin oder Prophetin gelangen; in späteren Jahrbuists hat sie als „B i e d c r w e i b" in der Familie wie in der Gemo^ Glänz und Ansehen besessen. , Und gerade weil diese llcberlieferungen in echt jüdischen 6äüW durch. Jahrhunderte unverändert geblieben sind, ist es freudtÜSSSW grüßen, daß sich den mannigfaltigsten Protesten, die gegenMeTH liche Anarchie in. Europa — und in ihrem Gefolge die Zügel- und Zuchtlosigkeit — eingelegt worden sind," auwMA „Vereinigung t r a d i t i o n e l l - g e s e tz c s t r e u e r b, n e c" gesellt hat. Gerade sie hat mit Fug ' Stell,«, genommen, da eine ruchlose politische und gesellschaftlich Demagogie mit Borlicbe alle Uebertrcibungen einer - Neom gangsgeneration, alle Geschmacksverirrungen und Entgleisunge.. einer aus ihren Fugen geratenen Welt hierzuläM^ gern und demonstrativ den „Fremdstämmigen", lies; den Inden, zur'M Last legt. Allerdings: es muß wohl nicht weit her damit sem'M alldieweil die kosmetisch - modisch - sittlichen Verirrungen gleichzeitig 6ei»äj kämpft werden von „Orient und Okzident", von weltlichen und geist. ft lichcn Mächten (siche ad hoc erlassene Strafgesetze in Griechenland und A in der modernisierten Türkei wider die „kniefreien" Röcke, den Ei»E spruch spanischer Kardinale gegen Trägerinnen von „Bubiköpfen", deneif-D der Eintritt in die spanischen Kathedralen verweigert wird, sowieprotestantischer und katholischer Kirchcnvertretnngen in den verschiedensten i Weltteilen, ja von gekrönten Frauen wie den Königinnen von England, Spanien und Italien selbst). Trotzdem: es war gut, daß das" Judentum im Namen seiner ethischen Grundgesetze eigens das Wort ergriff und sich dem Chor des Widerspruchs anschloß. Die Frauensithouette von 1926 steht in allzu krassem Gegensatz zu den Ueberliescrungen jüdischer Zucht und Sitte. So unbequem diese Tatsache auch dem „Völkischen Beobachter" und seinesgleichen sein mag. „visoito moaiti!" „Lernt aus der Warnung!" 700-Iahr-Zeier -er Staöt Zülz. Eine Stätte -er Gerechtigkeit. Am 27. Juni beging die Stadt Zülz in Oberschlesien, unseren Vorfahren unter dem Namen „Makom Zadik", „Stätte der Gerechtigkeit", bekannt, die Feier ihres 700jährigen Bestehens. Der Name der Stadt Zülz ist mit der Geschichte der Juden in Schlesien untrennbar verknüpst. Seit einem halben Jahrtausend wohnen hier ununterbrochen Juden. Als im Jahre 1582 die schlesischen Stände ein kaiserliches Edikt über die „Abschaffung" der : Juden erzwangen, war Zülz neben Grvb-Glogau die einzige Stadt in Schlesien, in der Juden wohnen bleiben dursten. Die Herrschaft, das Geschlecht der Freiherrn v. P r o s k o w s k i, war es, die ihnen Schutz gei währte und auch bei Uebcrgrissen von Auswärtigen iiiannhaft für die Rechte der Zülzer Inden eintrat. Und als dann im Jahre 1699 endlich der Kaiser Leopold den Zülzcrn das gleiche Privileg wie den Juden Gwsi-Elvgaus erteilte, ihnen nämlich gestattete, ungehindert zu allen Märlten zu reisen und dort Handel z» treiben, ohne von ihnen höhere Abgaben als von den christlichen Kaufleuten zu erheben, da wuchs die Iaht der Juden in Zülz rasch. Im Jahre 1782 wohnten in Zülz 1061 Juden, also mehr als die Hülste aller Bewohner. Zülz zählte damals 2022 Bewohner insgesamt. In der Folgezeit vergrößerte sich die jüdische Gemeinde um weitere IM Seelen, bi? durch das Gesetz vom 11. März 1812 die Wohnbeschränknng aufgehoben wurde und die Juden aus Zülz in das übrige Schlesien anszuwnndern begannen. Im Lause der nächsten hundert Jahre entvölkerte sich die Gemeinde völlig. 1912 mutzte das letztvon den drei ihr gehörigen Häusern vertäust werden, und ain 19, A » g u st 191! wurde schlietzlichdieShna g o g c » o c in e i »t> e d u r ch ein R e g i e r u n g s d e k r e t a u s - gelöst. Heute wohnen nur nvch zwei jüdische Familien dort, die zur Ehnagogcngenicinde Neustadt gehören. Bei der 700-Jahr-Fcier der Stadt Zülz wurde der Anteil der Inden an ihrer Geschichte gebührend betont. In dem Fcstzug versinnbildlichten zwei Festwagen „Tie Einwanderung der Inden in Zülz" und „Das jüdische Sandiverk", Bei dem vorausgegangeiien Festakt sprachen namens der vbcrschlcsischcn Juden Jnslizrat K o ch in a n n (Eleiwih) und Rabbiner Ellgutter (Neiße), unter dessen Führung auch der alte jüdische Friedhof besichtigt Würbe. Dr, Nabi n, Dozent am Breslauer Rabbinerseminar, hat einen Beitrag zu der Festschrist geliescrt. In der im Jahre 1774 nach dem Brande des alten hölzernen Gvltcshanscs errichteten Shnagogc — sie ist in diesem Jahr vom obcrschlcsischcn Gemeindebund wieder hergerichtct worden — fand eine feierliche »Andacht statt. Ter Bnrvckbau, der von edler Schlichtheit ist, saßt etwa 300 Männer und 100 Frauen. Eine festliche Schar füllte den heiligen Raum bis zum letzten Platz und lauschte den Worten des Rabbiners Eltgntter. Don wehmütiger Er-, inncrung ergrissen, hörten ivir daraus das Totengebet und sprachen da? Kaddisch sür die „Treitaufend", die draußen auf dem „guten Ort" von Zülz in ewigem Frieden ruhen. Und wir pilgerten zu ihnen hinaus. Unendlich friedlich, auf dem sausten Abhang eines Hügels hingrbcltet, liegt der Gvttcsacker mit seinen jahrhundertealten, zum Teil tieseingcsunkcnen Grabsteinen. Als historische Erinnerung will die Stadt diese letzte Wohnstätte ihrer toten Inden, dauernd erhalten. Freilich nicht alle ruhen hier. Schmerzhaft steigt die Erinnerung auf, daß auch hier im Jahre 1348, wie das Deutz er Mcmorbuch berichtet, Juden von einem wahnersüllten Pöbel erschlagen, crmovder worden sind. Und ans der Vergangenheit fliegen unsere Gedanken zw Schlesiens Hauptstadt hinüber, wo seit den letzten Wochen wieder gegen, nnS die furchtbare Blntbeschiildigimg umgeht ... dl. 8. Verlag u. Schrifileitiwg: Centralverein deutsch. Staatsbürger jüd. Glaubens e. B.» Berlin 81V 88, Lindensir. lg. Für d. Schrisileil, verantw,: Dr. LudwigH ° I» lünder, Berlin SW68. — Druck: Rudols Molle, Berlin SW, 08«

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