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Central-Verein-Zeitung · 1926-02-01 · Heft 2 (Februar 1926) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1926
Issue
Heft 2 (Februar 1926)
Date
1926-02-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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14 Der Hamburger Prozeß. Von R«dolf Michael, M. d. B. (•&amtiui q). Im Lause nmnclzer Jahre ist auch bei uns der politische Prozeß i» Mode gekommen. Man kaun gewiß nicht sagen, daß das eine ersrenliä>e Errungenschaft der Gegenwart sei. Man stellt den Richter vor Aufgaben,' denen er nicht gewachsen ist, und miß. braucht seine Autorität für Zweck der politischen Propaganda, Aber cs ist — wie gesagt — Mode geivurten, daß-cki bißchen von dem, was wir heute Weltgeschichte nennen, auch vor dem Schöffengericht oder der Strafkammer gcniacht wird, Schuld daran haben fast in allen Süden nicht die Kläger, sondern die Beklagte», die durch die Maßlosigkeit ihres Auftretens, ihrer Agitation, Dinge vor den Richter zerren, die nur im politischen Kampf, in der historischen oder psychologischen Forschung geklärt nttd ausgeglichen tverden können. Unser ärgste r 'F e i n d i ni I n nein i st also i m in e r und überall die Demagogie, >v o h er s i e n n ch k o m m c n m a g. Ehe ihr gegenüber die anständigen und vcrnünstigen Leute sich nicht zu mutigem und einigem Widerstand znsammenschiießen, che die besonnenen Menschen in Deutschland nicht die GleielWiltigkcit (den gefährlichsten Bundesgen-osscii aller Bildung) überwinden und siech Haß und Hetze, Spektakel und Lüge handgreiflich verbitten, eher gewinnen wir für unser Boik und Vaterland nicht die reine und gesunde Lust, in der allein der sogenannte Wiederaufbau gedeihen kann, der leider durch die Wirren der letzten Jahre schon soft bis zur Phrase entartet ist. Es ist aber höchste Zeit, daß diese Forderung nicht mehr allein den Philosophen überlassen bleibt, sondern zum täglichen Handwerkszeug jedes Gebildeten wird. Wenn wir in dieser Richtung vorwärts kvmmen, dann werden Prozesse unmöglich sein, wie ihn die beiden Leiter des Hamburger Bankhauses Marburg jetzt eben noch führen mußten, um sich endlich der maßlosen Angriffe des Völkischen Fritsch zu erwehren, der mit seinem „Hammer" seit Jahr und Tag Nägel in dm Sarg der deutschen Zukunft schlägt. Dieser völkische Graukopf ist als Zeitcrscheinung gewiß charakteristisch und vielleicht sogar interessant. Aber es ist das Interesse des Arztes an der Wunde seines Patienten. Die Revolution, die alle scstcn Zusammenhänge zerriß, hat viele seiner Art in allen Lagern an die Oberflnckp: geworfen. Er ist der wurzellose Intellektuelle, der irgendwo in den Raum seines Hirns seine gewagten Konstruktionen baut, der den Wunsch für die Tatsache, die Forderung für diis Gegebene nimmt, und dann von der ziiternden Tragslüche seiner (-ebilde herab mit krampfhafter Leidenschaft alles verfolgt, was seinen Gedanken zu widersprechen scheint. So entstand bei ihm auch der Gedanke der jüdischen Weltorganisation, die nach dem großen Plan einer einheitlichen Verschwörung alle nationalen Kräfte niederhalte. In diesem Zusammenhänge interessicrt die jüdische Frage in eigentlichem Sinne nicht. Sicher aber ist eins, daß, wer eine solche jüdische Idee bekämpfen will, selbst von einer in seelischen und geistigen Tiefen wurzelnden Idee beseelt sein muß. Hier aber wird Kraft mit Krampf und Fanatismus mit Leidenschaft verwechselt. Die völkische Idee wird bis zur Grimasse entstellt. Denn wenn die völkische Idee heute überhaupt einen Sinn haben soll, dann kann es doch nur der sein, daß unser deutsches Volk in seinem Innern wieder lebendigen An- 1 ch l u ß g e w i n n t a n die alten Kräfte s e i m c s b o d c n - st ä n d i g e n Lebens, seiner Tradition, seiner Geschichte. Wir müssen zurück von einem übersteigerten Nationalismus zu den instinktiven Kräften, die mos von der Natur mitgegeben find. Wir müssen neben den Intellekt wieder daS schöpferische Gefühl etzen, da§ uns so völlig verlorcngiiig. Aber diesen furchtbaren Kampf sollten wir Leuten überlassen, die, wie jener völkische Grnnkopf, die Ueberspcmmmgen unserer Zeit immer weiter steigern durch die krampfhaften Zerrbogen ihrer tragischen Phantasie? Ja, der Arzt kennt das Mittel, Gift durch Gift zu überwinden. Zweifelhaft aber scheint nrir, ob die Volksseele sich zu densetben Erperimenien hergibt wie der Körper. Es wäre ein Wagnis, ja, cs wäre mehr als das, eine Dummheit, die Demagogie gewissermaßen als Wund- Pulver für unseren kranken Bolkskvrper zu gebrauchen, Mag sein, das; inTangein, bitterem Leid unser Volk allmählich das Fieber der Zeit überwände. Doch wer hat den Mut, diese Kur zn empfehlen? Nützlicher und gerader erscheint doch der Weg, den Haß zn entlarven als Haß, die Gedankenleere, die im Faschingskostüm einer grotesken Idee erscheint, als das z n zeigen, was sie i jt: ein NichtS, nein, eine Gefahr. Aus diesen zeitlichen und Psychologischen Hintergründen Hai der Hamburger Prozeß Marburg—Fritsch sich abgespielt. Rätsel hat er nicht aufgegeben, Wunder hat er nicht gebracht. Ein sachlicher Beweis wurde von dem Beklagten versucht. Gelegentliche Acußcrunaen, Gerüchte, Zufälle wurden znsamnwngetragcn. Mer es wurde kein Gebäude daraus, sondern eine Karikatur. Und es zeigt sich wieder cinnral die schlichie Wahrheit, daß man auch zur Beurteilung der jüdischen Frage eines guten Wissens und einer geistigen Freiheit bedars. Es ist das größte Elend des politischen Antisemitismus, daß er seinen Kamps mir Radau führt und ohne Bildung. Da dieser sachliche Weg den Beklagten notwendig in eine Sackgasse drängen mußte, so versuchte er e8 mit seinem Anwalt im Mantel eines tragischen I d e a l i s in u s. Er stellte sich selbst als das Opfer seines Lebens hin. Alles sei ihm mißlungen und zerbrochen, so stehe er selbst an der Grenze seines Lebens als Gefangener feiner großen und heiligen Idee. Aber auch dieser Appell an daS Centimen» tale in unserem Volk kann nicht verfangen, denn Fritsch steht weder im Bunde mit echter Tragik noch mit einer lebendigen Idee. Wie sehr von ihm und seinesgleichen krampfhafte Spekulation mit der Freiheit einer Idee verwechselt ist, davon wurde schon oben gesprochen. Aber auch der echten Tragik ist hier kein Hauch zu verspüren. Denn diese leidet in sich selbst, je tiefer, desto größer. Zu schimpfen und zu schmähen gibt sich echte Tragik nicht her, denn sie i st sittlich groß. Das, was hier geschah, war klein, erbärmlich klein. Man brauchte darum diese Seite des Prozesses nicht gar so ernst z» nehmen, wenn nicht das Urteil diesen Argumenten sich cmgeschlosscn und daraus seine letzte Form gewonnen hätte. Der Beklagte sei als alter Mann das Opser seines Alters, seines Lebens, seines Kampfes und seiner Idee geworden. DaS müsse man ihm zngutchalten. Co kam der Richter mir in einem einzelnen Falle zu einer Verurteilung. Ein einziger Tansendmarkschein war die ganze Strafe, mit der dieses Trauerspiel geschlossen wurde. Man darf wohl sagen, daß dieses Urieil, zum miudestcn mit dieser Begründnng, in den weitesten Kreisen der hamburgischen und deutschen Oessentlichkeit nicht v e r st a n d e n worden i st. Ist denn das Gift weniger Gift, das die Hand eines alten Mannes reicht? Und geht nicht über den Schutz eines Graukopses, der das natürliche Opser seiner Spekulationen wurde, der Schutz eines todkranken Volkes gegen das unselige Gift der Verhetzung und Demagogie? An dieser wesentlichen Erkenntnis ist das Urteil vorbeigegangen. Der ltnrechte wurde geschützt. Die Revision beim Oberlandesgericht ist die nächste notwendige Etappe dieses nun schon Jahre alten Prozess e s. Demi auch das darf in diesem Zusammenhang wohl einmal gesagt werden, das; dieses jahrelange Hinschlcppen eines solchen Prozesses ganz und gar nicht der moralischen Heilung unseres Volkes dient, unter der allein man diese Dinge betrachten sollte. Immer wieder werden Tatbestand, Argumente und Gegenargumente durch die Presse geschleift .. ., und dabei soll unser öffentliches Leben gesundes Ein rasches Urteil wäre die schärfste Strafe und der sicherste «chntz. Aber ob heute oder gestern gesprochen: Urteil und Prozeß werden hvssentlich doch als M a h n u n g weiterwirken. Es werden die ehrlichen und besonnenen völkischen Kreise selbst sein, die sich dieser gewaltsamen Entartung ihrer Idee erwehren. Und wenn der völkische Gedanke in der Skala unserer politischen Weltanschauungen weiterleben will, dann muß er zeigen, daß nicht Schmähung, sondern Klugheit, nicht Haß, sondern Liebe der Urgrund seines Wirkens ist. W i r wollen endlich wieder ein sauberes Hans, eine gesunde Luft; wir wollen Ruhe zur Arbeit. Der ganze Maskenspuk der Demagogie gehört ins F e g e s e u e r der Bcrgangcnheit. Eine Stammeskunöe -er Iuöen. Von Dr. Sigmund Feist ist soeben eine „St a m in es kn n d e der Juden") erschienen. Wer über das Schicksal Judas unter den Völker» Ausschluß baden möchte, er sei Jude oder Nichtjnde, Ivird aus diesem Buch mannigfache Betebrung schöpsen können. Mit wisscnschastlicher Objektivität. aber nicht in trockenem, wissenschastlichen Ton. sondern in frischer und interessanter Weise wird ein tlcberblick über Leben und Geschichte der Juden in den verschiedensten Ländern und Erdteilen gegeben. Eingehende Berücksichtigung erfahren auch die körpcrlickx'ii Eigenheiten der verschiedenen jüdischen Gruppen, und zahlreiche Abbildungen erhöbe» die Anschaulichkeit der Schilderung. Besonders hervorzuhebcn sind die teilweise hier zum ersten Male vcrössentlichtcn photographischen Aufnahmen des im Jahre 1909 im Jemen ermordeten Forschungsreise»!»,, Hermann B » r ch n r d!. Am nächsten berühren uns naturgemäß die Kapitel über die aschkcnasischeu und die scphardischcn Juden, aber auch die anderen Abschnitte. die unter anderem die Juden in Palästina, im übrigen Borderasicir, in Nordasrika. in Abessinien, in Indien, in China behandeln, enthalten «ine Fülle des Interessanten, Oftmals haiidclk es siech um Menschen, die „ns nach Lebensweise und Denkart, nach Körperbau und Sprache ganz srcmd sind, etwa die höhlenbcwohnendcir Juden i» Tripolis, die schwarzen Juden Abessiniens, die gelben Juden von Kaifengfu in China. Selbst die religiösen Borstellmigcn haben mit den unseligen kein», noch Aehnlichkeit. In iminer neuen Abwandlungen sehen wir das Geschick des Juden in der Diaspora, bisweilen mit srappantei, Parallelen zu uns wohlvertrauten Berhältnisson, Sv crsührt man. daß die persischen Juden in ihren, „Jargon" ein altertümliches Persisch bewahren, ähnlich wie die ostenropäisck)«,, Juden im Jiddisch die Reste mitielalterlickzcr deutscher Sprache, — In den Schluhkapiteln wird die Sprache der Inden und das Rasseproblen, behandelt. Bei der Krisis, in der sich heule die Anthropologie befindet, läßt sich etwas 'Abschließendes oder auch nur einigermaßen Befriedigendes auf diesem Gebiete kaum bringen; cs darf aber rühmend gesagt lverden, daß sich der Verfasser unparteiisch und unter Verzicht auf di« heute so beliebten willkürlichen Rassekonstrnktioncn taktvoll der schwierigen Aufgabe entledigt, so gut cs eben möglich ist, — Enttäuscht dürste der Antisemit sein, der hier cbva Belege für seine Phantastereien von der internationalen Ausbreitung und Machtstellung der Inden suchen sollte. Hier sicht er, was cs mit dieser Jnternationalität in Wirklichkeit auf sich hat: es gibt wirklich Juden und jüdische Gemeinden nicht nur in Europa und Nordamerika, sondern in alter Welt, von Marokko bis zum fernen Osten. Aber viele dieser Gruppen leben ohne - Verbindungen untereinander, ojb kaum von der Existenz der anderen;j wissend — und statt des beneideten und verlästerten politischen und wirb« I schastüchen Einflusses entrollen sich in Vergangenheit und Gegenwart — \ »eben wenigem Erfreulicheren, — Bilder der Unterdrückung und de» j, Elends. F. Schiff. | >) Sigmund Feist, „StanmcsluntW! der Juden". Die jüdischen Stämme Erd» in alter u,rd neuer gelt. Historisch^nthropolaglsche Skizzen mit SS ii -Übungen tat Text und auf Tafeln. I. L. Hiurichs. «UpM kW. 'iM

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