Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1848)
- Date
- 1848-04-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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130 Servers mehr, daß die jüdische alte Orthodoxie eines bestimmten /princips sich nicht bewußt fei. Die s. g. Orthorie will nichts als in dumpfer Bewußtlosigkeit hinbrüten. Wäre es ihr um ein Princip Ernst, waö ist leichter als daS höchste ibrcr Wünsche zu erreichen. Wenn sich die Patronen der Orthodoxie an die Spitze eines solchen Unternehmens stellten, dann würden sie ihren talmudisch orthodoxen Charakter Ehre machen.» Die eS uns aber mit der alten Orthodoxie ergangen ist so ergeht es dem Verfasser der ungarischen Briefe mit der jungen Orthodoxie, und um so schlimmer, als er von dieser wegen ihrer Unkenntnis des Talmuds gar nicht verstanden werden kann. Das den Vertreter dieser Richtung in Wien betrifft, so hat Hr. Mannheimer trotz seiner Eingenommenheit für das blutige Opfer der Beschncirung feine Idiosynkrasie gegen den blutigen Opfcrdicnst im Allgemeinen in seinem Gutachten über das Hamburger Tcmpclgcbetbuch essen zu erkennen gegeben. Daß er sich darurch mit der Talmudischen Orthodoxie, für die er ein Jahr -'oätcr in der Bcschncidungsfrage ritterlich kämpft, Überwerfen habe, das gcnirt den berühmten Homileten eben so wenig als cfür den berühmten Historiker Zunz Genanntes hat, in der Eröffnungsrede des Berliner Seminars zu sagen: „die Bande des Rabbinismus find gesprengt/' und kurz darauf in einem Gutachten über die Bcichneidung zu schreiben: „Wer z. B. wenig von Vielen, das sich in rer Gemara findet, oder manche Gebräuche für schädlich hält, wer die Fasten, die Speuegesetze u. a. m. verlebt, mag ein schlechter Jude, vielleicht ein schlechter Mensch sein." „Die abweichende Meinung über Talmuv, Messias. Beschneirung darf an die Gewissensfreiheit appcUircn; aber der Bund gegen Talmud, Messias Beschneidung ist rin Segenbunv, der die Krrche negiert." Das historische Genie hat rin Privilegium, dem Satz des Widerspruches keine Rechnung rragen zu dürfen. Bei gewöhnlichen Geistern wurde man cS ungereimt finden, wenn sie die Behauptung aufstcllten, daß ein Bund gegen den Talmud, d. i., gegen die gesprengten Bande res RabbinismuS, sich von selbst auS der jüdischen Gesammthcit au-lchlcsse. Doch hat unser geistreicher Correlpon» dcnt gewiß nicht an Zun z gedacht, als er von den Dcrtre« iera der Reuorchcroxie an der Spree redete, und man muß gesirhea. daß er an Sachs in Berlin, den er im Sinne hatte, eine r!och schlechtere Acquisition als an Mannheimer in Wien machte. Hr. Dr. Sachs hat so wenig Sympathien für eine Wiederherstellung deS blutigen Opferdicnstcs in Jerusalem, daß er in seiner Schrift über die religiöse Poesie S. 1-13, 144 die talmudischen Tractatc, welche über Opfer-und ReinheitSgesetze handeln, nur als eine Reminncenz geschwundener Zeitalter, m welchem sie praktisch waren und auS dem frommen Verlangen, nichts von dem, was einmal in dem Volksleben keine Stätte gefunden hatte, auS dem Gedächtniß schwinden zu lassen, aus dem Interesse, an der Verständnis derjenigen Theile der H. S., an welche „sich die ehemalige Praxis anlehnte", hervorgegangen, erklärt. Hr. Dr. Sachs wird sich um so weniger für eine Restitution des blutigen Opferdicnstcs begeistern lassen, als eS für ihn gar keine religiöse Zukunft im talmudisch-orthodoren Sinne giebt, als nach ihm die talmudischen Zeitalter diese Materien nur im historischen antiquarischen Interesse als eine Wissenschaft der Vergangenheit, behandelten ungefähr wie Zunz noch heute und Rapoport ehemals als Privatgrlehrter die Wissenschaft des Judenthums behandeln. Woher soll bei ihm das praktische Interesse für die Auferstehung und Wiederbelebung des jüdischen Altcrthums entstehen, da seine ganze Theilnahme für dasselbe eine rein wisscnschastlich-poetifch-romantische ist. Freilich beruhet diese Geschichtsansicht deS Hrn. Dr. Sachs auf völliger noch mehr als schülerhafter Unkenntnis des TalmurS und dessen Geistes, der für alle diese Sachen einen praktischen Ernst und eine Zukunft im Auge harte, von der Hr. Dr. Sachs keine Ahnung hat, wie wir ihm diese seine Fehler im Israeliten 1345. Nr. 45. S. 364. nachzewicsen haben. Aber Hr. Dr. Sachs scheint von diesen seinen romantischen Geschichtsideen noch nicht geheilt zu sein und wird noch heute schwerlich seine Antipathien gegen eine gesunde vollblütige Orthodoxie überwunden WaS die Bemerkungen deS Hrn. Correspondcnten über Hirschs Erklärung der Opfer als einer sinnbildlichenHandlung betrifft, so können wir seine Ansicht nicht theilrn, daß dieselbe mit dein Talmud so unbedingt im Widerspruche stehe. Wie wir bereits in unserem Aussatz über die CultuSprincipien (L. B. des Israeliten 1846) rckchgewiesen, gehen im Talmud beide ErklärungSweiscn, die symbolische und die reine äußerliche, nebeneinander. Die erste schließt daS Versöhnende nicht aus, nur die zweite macht das Opfer zum OpuS opcratum. Die sinnbildliche Bedeutung deS Opfers wie deS CcremonialgefetzeS. überhaupt ist daS Charakteristische der Hayada wie die sinnliche die der Halacha. Die Jnconsequenz deS Hrn. Hirsch, der beide Ansichten in seinem ReligisnSsystem combinirt, -er mit Erttärungöweisen, die dem agadischen Elemente angehören, die Halachische Religiosität stützen will, haben wir in gedachter Abhandlung hervorgeßoben und kritisch aufgelöst. H. Verlag rer I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offeadach.