Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1848)
- Date
- 1848-03-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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96 nirt. Co scheint auch dort das gute Einverständnis, das Lilien- Ihal so weitschichtig verkündete, keine feste Grundlage gehabt zu haben. — Als zuverlässig kann ich Ihnen mittheilen, daß mehrere der orthodorcn Richtung angehörcndcn Rabbiner, Wechsler in R. und Lambergcr in W. an der Spitze, damit umgehen, in der jüdischen Angelegenheit Schritte zu thun — gegen die Emancipation. Während also ein katholischer Geistlicher für dieselbe die Feder ergreift und in die Schranken tritt, erheben jüdische ihre Stimmen dagegen. Der Rabbiner B. in Würzburg soll übrigens offen erklärt haben, daß es eine rnys sei, dagegen zu wirken, denn wie leicht könnten Juden zum Staatsdienste gelangen, die dann den Sab. bath nicht mehr halten. Es wäre diese Geiftcsverschrobenhcit zum Lachen, wenn die Handlungsweise dieser Leute nicht so gar bedauerliche Folgen hätte. Was läßt sich von solchen Rabbinern erwarten? Und nun muß man wissen, daßB. in einer der ersten Städte und jüdischen Gemeinden Baicrns seinen Sitz hat, und sein Distrikt der größte des ganzen Landes ist. Es wäre ein Kampf ä la Don Quirot diese Leute mit Waffen des Geistes bekämpfen zu wollen und ein für jeden gebildeten Leser langweiliger und ermüdender. Aber wird wohl die Thatsache allein schon hinreichend sein, ihren verblendeten Anhängern unter den Gemein« den die Augen zu öffnen? für diese dürfte die Bemerkung nicht überflüssig sein, daß abgesehen von den vielfachen Rachthcilen und selbst ihnen nachschcnd, daß die Religion ein solches Opfer der Entsagung und Verzichtleistung fordere, so bedürfen wir der bür« gerlichcn Verbesserungen wahrlich nicht blos um dieser selbst willen, sondern sie sind auch die sichersten und fast einzigen Mittel, das Volk von den durch die früheren Verhältnisse zur Gewohnheit gc« wordenen Beschäftigungen loszurcißcn und zu Gewerbe. Handwerke und Ockonomie zu veranlassen. Ja was sage ich Mittel? Bedingung, unerläßliche Bedingung ist hicfür die Aufhebung der bestehenden Ausnahmsgesetze. Das mag wohl Denjenigen, die mit den jüdischen Zuständen in Bapern weniger vcrtram sind, übertrieben erscheinen und ich muß mich hierüber verständlich machen. Bei uns wohnen die meisten Juden auf dem Lande uns zumal in kleinen, ja den kleinsten Dörfern. Dort vom Handwerke sich ernähren ist kaum Einzelnen möglich, wovon sollen aber nun die Uebrigcn leben? Sie müssen dem Handel sich ergeben und nicht etwa dem eines ordentlichen Kaufladens, denn der eignet sich eben so wenig für solche kleine Dörfer, sondern dem Hausir- oder Geldhandel, sie müssen sich Beschäftigungen zuwenven, die nicht an den Ort gebunden sind und in den benachbarten Dörfern ».einem Verdienste nachzehcn." Darüber werden die meisten Klagen laut und war auch der stärkste Eknwurf, der auf dem letzten ordentlichen Landtage gemacht wurde. Der muß beseitigt werden, kann cs aber nur durch Aufhebung der Beschränkungen und namentlich, daß die Niederlassung an allen Orten, wo auch keine Juden wohnen, gestattet ist. Daß dieses auch in religiöser Beziehung von bedeutsamen Folgen fei. bedeutsamer als der Staatsdienst, leuchtet Jcvem ein, und doch ist eS unerläßlich nothwendiz. Indem jene Zeloten nun den politischen Verbesserungen entgegenkommen, so stören sie gleichzeitig — was freilich ihre Absicht nicht sein inag — den Fortschritt des bürgerlichen Lebens und gemeinnütziger Thäiigkeit. Wie nothwendiz es daher sei, daß von Seiten aller Bcsscrgcsinntcn ihnen cntgegcngetreten werde, bedarf hienach keiner weiteren Ausführung. Da ich einmal auf unsere Zeloten zu sprechen gekommen bin, so will ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, eine Bemerkung daran zu knüpfen. Es ist eine so ziemlich allgemeine Ansicht, daß nicht nur die katholische Kirche ihre Jesuiten habe, sondern auch die protestantische, die aber hier Pietisten ge» nannt werden. Vervollständigen wir den Satz und sagen auch die Mische. Was ist nun das Gemeinschaftliche oder Charakteristische aller und was das Specielle? Oder worin stimmen die Jesuiten diesen drei verschiedenen Eonfcsstoncn überein und wodurch unterscheiden sie sich? Das Charakteristische der Zcsuitcn überhaupt ist, daß ihm die Kirche Alles, die Religion nichts ist. Das Kirchliche, für das lebt und arbeitet er, das will er verbreiten und religiöse Gesinnung — Erkenntniß der Wahrheit und sittliche Grundsätze — ist ihm eine reine Nebensache. Da nun das Kirchliche als etwas Aeußerliches erzwungen werden kann, so will er auch cs erzwingen und nicht Belehrung ist seine Waffe, sondern phpsische Macht — Glaubensgang. Alle Jesuiten, Pietisten und jüdische Formgläubige sind daher auch intolleraut und vcrfolgungssüchtig. (Schluß folgt.) M i S c e I I c tt. Die bairische Regierung in Augsburg hat über die Wahl des Rabbiners Weiskopf in Aub, der zum Rabbiner in Wallerstcin gewählt war, dahin erkannt, daß die Zeugnisse desselben nicht als genügend erfunden worden und die Wahl annullirt ist. Diese Entscheiduug war um so erfreulicher, als Weiskopf als Kabbalist und Geistcraustrciber berüchtigt ist. Verlag der I. C. Hermann'schcn Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck vog Fried. Krähe in Offenbach.